Ausbildung Alten- und Krankenpflege


Das Deutsche Rote Kreuz im Dritten Reich: Übersicht

 
 
 
Über die Rolle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Nazizeit beschränke ich mich nur auf die wichtigsten Hintergrundinformationen und betrachte das Thema aus meinem Blickwinkel. Wer sich weitgehender für diese Hilfsorganisation interessiert, sollte sich unbedingt das Buch von Bernd Biege „Helfer unter Hitler: Das Rote Kreuz im Dritten Reich“ besorgen. Wer die ersten etwas langatmigen Seiten übersteht, findet dann eine sehr kompakte, gut dargestellte und anschaulich erzählte Zusammenfassung der Ereignisse. Biege verleugnet in diesem Buch nicht seine Parteilichkeit für die Opfer der Nazis, bemüht sich aber dennoch um Objektivität.
 
Walter Gruber behauptete in einer Chronik des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg rückblickend, dass das DRK in der Nazizeit ein Ort gewesen sei, wo sich praktizierende Humanisten zurückziehen konnten, wenn sie zwangsläufig einer Organisation angehören mussten. Natürlich fühlte sich das Deutsche Rote Kreuz stets dem Geiste von Henri Dunant verpflichtet.
 
Dieser Henri Dunant gründete 1863 das Internationale Rote Kreuz, dass nach der Genfer Konvention 1864 als humanitäre und absolut neutrale Organisation anerkannt wurde mit den Aufgaben, Kriegsgefangenen, Verwundeten und Kranken Pflege, Betreuung und menschenwürdige Behandlung zukommen zu lassen gleich welcher Rasse, Religion oder politischer Gesinnung.
 
Das Deutsche Rote Kreuz erhielt gerade nach dem I.Weltkrieg einen enormen Zulauf. Mit 1.433.169 Mitgliedern im Jahre 1933 in 7943 Vereinen war diese Organisation zahlenmäßig der Reichswehr überlegen. Ins DRK traten bevorzugt Männer aus dem Kleinbürgertum und Frauen aus allen bürgerlichen Schichten ein. Also jene Leute, die überwiegend von der Schmach des Versaillers Vertrages und der Dolchstoßlegende lamentierten.
 
Eine Gleichschaltung des Vereins war nicht nötig. Das DRK ließ sich überaus bereitwillig in das neue Staatsgefüge eingliedern. Gerade die alten Kriegsveteranen wünschten eine Änderung der Vereinssatzung betreffs des Kriegssanitätsdienstes. Bereits im November 1933 wurde die Satzung dahingehend geändert, dass der Kriegssanitätsdienst Vorrang hatte, was eine enge Zusammenarbeit mit dem Heeressanitätsdienst ermöglichte.
 
Als nächstes passte man die Struktur des DRK an die Strukturen des Dritten Reiches an. Statt demokratisch gewählter Gremien wurden Führungskräfte berufen. Der Staat kontrollierte nun auch das Vermögen des Vereins. Nachdem der Präsident des DRK´s von Winterfeldt-Menkin sein Amt niederlegte, setzte noch der Reichspräsident Paul von Hindenburg den Herzog Carl-Eduard, einen Nationalsozialisten, als neuen Präsidenten ein.
 
Damit hatten sich die Grundsätze des Internationalen Roten Kreuzes betreffs Unabhängigkeit und Neutralität für das Deutsche Rote Kreuz bereits 1933 erledigt. Nach Hindenburgs Tod 1934 erfuhr das DRK „eine besonders große Ehre“, denn der Führer höchstpersönlich übernahm die Schirmherrschaft für das Deutsche Rote Kreuz. Im Dezember 1937 wurden die Einzelvereine per Gesetz zusammengefasst. Als einheitliche Organisation ohne Eintrag in das Vereinsregister nahm das DRK also eine Stellung als öffentliche Einrichtung unter Aufsicht des Reichsinnenministeriums des Nazistaates ein.
 
Den letzten „Schliff“ erhielt das DRK, als es im Dezember 1937 eine neue Satzung verabschiedete, die vorher vom Innenministerium, Kriegsministerium und vom Stellvertreter des Führers genehmigt werden musste. Diese Satzung beinhaltete die unbedingte Treue zum Führer. Der DRK-Eid wurde eingeführt: „Ich schwöre Treue dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler. Ich gelobe Gehorsam und Pflichterfüllung in der Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes nach den Befehlen meiner Vorgesetzten. So wahr mir Gott helfe.“
 
Wieweit das Nazigift bei dem Rotkreuzpersonal wirkte, macht der tragische Fall der Diakonissin Ehrengard Frank-Schultz (Virtuelles Denkmal) deutlich. Eine unbekannt gebliebene Schwester des DRK erfüllte ihren Eid übereifrig. Ehrengard Frank-Schultz bedauerte ihr gegenüber das missglückte Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944.
 
Es war der Tag, an dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg in der „Wolfsschanze“ bei Rastenburg eine Aktentasche mit einer Bombe deponierte. Stauffenberg gehörte zu einer Gruppe hoher Offiziere, die jahrelang Hitler zujubelten und ihn unterstützten, als die militärische Lage aber immer brisanter wurde, den Umsturz planten. Man versuchte, zu retten, was es zu retten gab, vor allem die eigenen Pfründe und Privilegien. Das Attentat überlebte Hitler nur leicht verletzt. Eine Verhaftungswelle setzte ein und Stauffenberg wurde erschossen. Er war ein Offizier und darum kennt fast jedes Kind in Deutschland seinen Namen als Widerstandskämpfer. Ehrengard Frank-Schultz war eine Diakonisse und taucht selten namentlich als Widerstandskämpferin auf. So ist das eben mit der deutschen Geschichte. Jedenfalls wagte sie es, aus der schweigenden Mehrheit auszubrechen und überdeutlich das Attentat zu kommentieren. Die Rotkreuzschwester zeigte die Berufskollegin an und brachte sie damit vor den Volksgerichtshof. Resultat dieser Denunziation war: 
 
Todesurteil gegen Ehrengard Frank-Schultz v. 6.11.1944 L427/44 J 1906/44
Im Namen des Deutschen Volkes!
 
In der Strafsache gegen Frau Ehrengard Frank-Schultz geborene Besser aus Berlin Wilmersdorf, geboren am 23. März 1885 in Magdeburg, zur Zeit in dieser Sache in gerichtlicher Untersuchungshaft wegen Wehrkraftzersetzung, hat der Volksgerichtshof, 1. Senat, auf die am 2. November 1944 eingegangene Anklage des Herrn Oberreichsanwalts, in der Hauptverhandlung vom 6. November 1944, an welcher teilgenommen haben als Richter: Präsident des Volksgerichtshofs Dr. Freisler, Vorsitzer Landgerichtsdirektor Stier, SS-Brigadeführer Generalmajor der Waffen-SS Tscharmann, SA-Brigadeführer Hauer, Stadtrat Kaiser, als Vertreter des Oberreichsanwalts: Erster Staatsanwalt Jaager, für Recht erkannt:
Frau Frank-Schultz bedauerte einer Rote-Kreuz-Schwester gegenüber, daß der Mordanschlag auf unseren Führer mißglückte und erfrechte sich zu der Behauptung, einige Jahre unter angelsächsischer Herrschaft seien besser als die „gegenwärtige Gewaltherrschaft“ Sie hat also gemeinsame Sache mit den Verrätern vom 20. Juli gemacht. Dadurch ist sie für immer ehrlos geworden. Sie wird mit dem Tode bestraft.
 
(Ouelle: Bundesarchiv Koblenz R 60111/74)
 
Ehrengard Frank-Schultz wurde am 8. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee im Alter von 59 Jahren hingerichtet. Natürlich stellt sich einem die Frage, wie eine Pflegekraft zu einer solchen unentschuldbaren Denunzierung fähig war, jemand, der durch seinen Beruf eigentlich eine humane Grundeinstellung haben müsste. Die Basis für ein derartig abartiges Verhalten, die einem Menschen das Leben kostete, wurde eindeutig im Deutschen Roten Kreuz geschaffen. Natürlich arbeiteten auch andere Organisationen wie die Innere Mission oder der Caritasverband örtlich mit der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) in Arbeitsgemeinschaften zusammen oder beschlossen Vereinbarungen.
 
Aber dem DRK genügte das nicht. Es wollte dazugehören. Rotkreuzschwestern waren stolz darauf, in einer Organisation des nationalsozialistischen Staates arbeiten zu dürfen. Sie fühlten sich als Elite in dem Nazireich. Und ganz gezielt traten Frauen mit entsprechender Gesinnung dem DRK bei als die Institution, wo sie ihrem Führer auch als Frauen in soldatischer Manier dienen konnten.
 
Das waren auch die Beweggründe für die Krankenschwestern aus Wuppertal, Walburga, und aus Berlin, Margot. Diese beiden Schwestern gaben es auch später in ihren Lebenserinnerungen zu, während andere Rotkreuzschwestern mir nachträglich versuchten klarzumachen, dass sie ja keine Nazis gewesen seien, weil sie dem DRK angehörten. Sie hatten echt die Stirn, nie etwas vom DRK-Eid gehört, geschweige ihn geleistet zu haben.
 
 
Bei 03:13 Vereidigung im Berliner Sportpallast
 
Auch konnten sie sich an keine Aufmärsche erinnern, an keine Massenveranstaltungen unter dem Hakenkreuz und faselten mir rührselige Stories von ihrem aufopferungsvollen Dienste im Sinne von Henri Dunant vor. Bewies man ihnen das Gegenteil, beharrten sie auf das eigene unpolitische Verhalten und erklärten dazu, dass es wohl so in anderen Rotkreuzvereinen zuging, aber nicht in ihrem Verein. Muss wohl an schlechten Informationswegen gelegen haben, dass sie nicht mitbekamen, dass ihr Einzelverein spätestens 1937 aufgelöst war. Vielleicht bemerkten sie deshalb auch nicht, dass bemerkenswert schnell sämtliche Führungsposten von der SS besetzt waren.
 
Ihre Behauptungen, von den Konzentrationslagern nichts gewusst zu haben, war schlicht und ergreifend eine lügnerische Rechtfertigung. Eine Beteiligung des DRK direkt an den Verbrechen in den Konzentrationslagern konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Auch Zeugenaussagen von Überlebenden, dass das Gift für die Gaskammern mit Rotkreuzwagen angeliefert worden waren, sind kein Beweis einer Mittäterschaft, solange nicht erwiesen wird, dass diese Wagen wirklich dem DRK gehörten und von DRKlern benutzt wurden.
 
Allerdings vermutet man, dass die Führungsriege des DRK sehr wohl an den Planungen der Vernichtung von Millionen Menschen beteiligt war, offiziell trat sie aber in dieser Verbindung nicht an die Öffentlichkeit. Dafür waren die SS-Mannschaften zuständig. Aber die Naziorganisation DRK dachte gar nicht daran, irgendetwas gegen die Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender zu unternehmen. Von daher konnten die Inhaftierten in den Konzentrationslagern vom DRK auch keine Hilfe erwarten. Übrigens auch nicht auf dem Weg dorthin.
 
 
Juni 1941, Leinhausen
 
 
 
 
Die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes in Deutschland befand sich ebenfalls mächtig in der Grauzone. Besonders nach dem Kriegsausbruch verschlimmerte sich die medizinische und pflegerische Versorgung der Bevölkerung dramatisch. Ärzte und gut ausgebildete Pflegekräfte fehlten überall. Das DRK war ausgesprochen behilflich, über diese katastrophalen Bedingungen hinwegzutäuschen. Da wurden Leute in die Rotkreuzuniform gesteckt, die von der Pflege wenig oder gar keine Ahnung hatten, um den Leuten vorzugaukeln, dass die Krankenversorgung gesichert sei. Berufsfremde konnten nicht ahnen, ob in einer Uniform nun eine gelernte oder eine ungelernte Kraft steckte.
 
Aber auch eine Ausbildung gewährleistete keine Qualifikation mehr. Sie geriet zunehmend zu einer Farce, da die Lehrkräfte fehlten. Es gab Extreme, wo Pflegeschülerinnen länger als fünf Jahre brauchten, die Ausbildung abzuschließen, weil der Unterricht ständig ausfiel. Meistens verringerten sich jedoch die Ausbildungszeiten, je länger der Krieg dauerte. Auf die Einhaltung einer Mindeststundenzahl Unterricht wurde immer weniger geachtet.
 
Walburga berichtete von sogenannten DRK-Schwesternhelferinnen in Lazaretten, die bei ihrem Eintreffen nicht einmal über grundlegendste pflegerische Fertigkeiten verfügten. Dazu erklärten ihr vier Helferinnen, sie hätten in Berlin eine Schulung erhalten, die genau vier Unterrichtsstunden umfasste. Praktisch hatten sie einen einzigen Verband, einen Kopfverband gelernt – fertig! Aber dem Lazarett wurden sie als die lange angeforderten ausgebildeten Krankenschwestern angekündigt. Walburga: „Die standen nur im Wege. Wir waren stocksauer. Die eine war ja ganz willig. Die kriegte auch schnell mit, um was es ging. Aber die anderen Drei kapierten rein nichts. Vielleicht stellten sie sich auch absichtlich auf doof, um schnell wieder wegzukommen. Klappte ja auch. Den nächsten Lazarettzügen wurden sie als Begleitung zugeteilt.“ Wenn man sich dann aber überlegt, dass der Kriegssanitätsdienst Vorrang hatte, dann kann man ungefähr erahnen, was in Deutschland los war.
 
Die Pflegequalität litt zusätzlich darunter, dass viele Rotkreuzschwestern oder -helferinnen, die mit Pflege eigentlich nichts am Hut hatten, erst durch den Krieg in diesen Berufen landeten. Ihre Begeisterung für pflegerische Tätigkeiten lässt sich daran festmachen, dass sie nach dem Zusammenbruch schnellstens in andere Berufe wechselten. Die zur Rotkreuzschwesternhelferin ausgebildete Helene H. legte 1948 ihre Gesellenprüfung als Friseurin ab und machte 1952 die Meisterprüfung.
 
 
Die knapp zweiundzwanzigjährige Marianne Diepen, eine Büroangestellte, steckte man ebenfalls in die Rotkreuzkluft. Eigentlich sollte sie im Lazarett eingesetzt werden. Zu ihrem Glück erklärte ihr Chef sie als unabkömmlich. Daraufhin musste sie im Büro in der Schwesterntracht erscheinen. Im Falle eines Bombenabwurfes sollte sie sich unverzüglich bei der Polizei melden, um ihren Einsatzort zu erfahren. Bei einem Einsatz zusammen mit einem männlichen DRK-Helfer stand sie sehr nahe an einem brennenden Kesselwagen, der zu explodieren drohte. Erst nachdem ihr DRK-Feldführer und ihre Führerin zufällig vorbeikamen und sie wegschickten, brachte sie sich in Sicherheit. Sie, die „Rotkreuzschwester“, beobachtete entsetzt, wie Männer Leichen auf der Straße einsammelten, die es nicht rechtzeitig in den Luftschutzbunker geschafft hatten. Im Grunde genommen war sie heilfroh, als sie die Tracht ablegen durfte.
 
 
Manche Frauen betrachteten es auch angesichts der ungeheueren Verluste an den Fronten als ihre vaterländische Pflicht, ins DRK einzutreten. Die Sekretärin Ingeborg Werneken, die im Landratsamt beschäftigt war, übernahm während der Kriegszeit nicht nur Feuerwachen und weitere Pflichten, sondern arbeitete sonntags zusätzlich noch als Schwesternhelferin im Behelfskrankenhaus.
 
Gertraud P. aus Charlottenburg, musste ab Sommer 1944, obwohl sie selber kleine Kinder zu Hause hatte, täglich zehn Stunden mit einem freien Tag als DRK-Helferin auf einer Säuglingsstation arbeiten. „Da war ein Gesundheitsmädel, für die die Babies eher ein Puppenersatz waren. Wir hatten ein Kind mit schweren Schluckbeschwerden. Ich war ja auch nicht vom Fach. Da musste ich aber Sachen machen, für die ich gar nicht ausgebildet war. Aber mir half, dass ich durch meine eigenen Vier (Kinder) halt drin war. Die haben das Gesundheitsmädel, Ursula hieß die, die haben sie die Flasche geben lassen (dem Säugling mit den Schluckbeschwerden), als ich frei hatte.
 
Muss die Flasche reingehalten haben und immer rein, was das Zeug hielt. Ich war so froh, dass der Kleine sich gut entwickelte. Und dann ist der kleine Steppke in meinem Armen an einer Aspirationspneumonie gestorben. Ich war so wütend. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Die Ursula hätte ich zuerst umbringen können. Aber die hatte doch gar keine Reife, die hatte nichts. Also direkt die Schuld konnte man ihr ja nicht geben. Wieso haben sie die Göre nur an den Kleinen rangelassen. Der war so putzig.
 
Und dann stand seine Mutter vor mir. Ich habe mich so geschämt, ja, ich habe mich geschämt, aber ich hatte ja keine Schuld. Einfach die Milch reingeschüttet. Was willst du denn da sagen? Und bei der Ursula war doch bekannt, dass die nichts Ernst nahm. Einfach rein, Hauptsache, sie ist schnell fertig und kann sich damit brüsten, wie schnell sie arbeitet. Die war immer eine ganz Fixe. Ich habe oft davon geträumt. Und wenn ich dann wach wurde, bin ich immer zu den Kinderbetten meiner Kinder gerannt, ob sie wirklich in Ordnung sind. Ich habe immer Alpträume gehabt.“ Gertraud litt unter der Verantwortung, die sie mit ihrer Arbeit übernahm, da sie für sich genau einschätzte, dass ihr das fachliche Wissen fehlte. Ständig kämpfte sie mit Gewissensbissen und fragte sich, ob sie vielleicht Fehler machte.
 
Andere hinterfragten aber nicht unbedingt ihre fachliche Eignung. Das DRK machte sich offenbar wenig darüber einen Kopf, ob und wie diese Pflegekräfte wider Willen den Anforderungen gerecht werden konnten. Hier zählte nur der äußere Eindruck, dass genügend Pflegepersonal bereit stand, um in der Bevölkerung keine Unruhe entstehen zu lassen.
 
Für Lonny von Schleicher, die Stieftochter von Kurt von Schleicher, ehemaliger Reichskanzler, und Elisabeth von Schleicher, war dieses Verfahren des DRK eher ein Glücksfall. Sie verlor ihre Eltern, weil Nazihorden diese beim sogenannten Röhm-Putsch in ihrer Villa in Babelsberg am hellichten Tage ermordeten. Sie besuchte das Lyzeum, die Frauenschule Schloss Wieblingen, deren Schulleiterin Elisabeth von Thadden 1944 ebenfalls von den Nazis umgebracht wurde.
 
Das Land konnte Lonny nicht verlassen, da ihr ein Pass verweigert wurde und es an Geld mangelte. Sie hasste abgrundtief das Naziregime, nicht sehr verwunderlich nach ihren Erlebnissen. Sie hätte sich auf jeden Fall dem Widerstand angeschlossen, wenn sie nicht „verbrannt“ gewesen wäre. Das bedeutete, dass sie sich im Visier der Gestapo befand und konspirativ arbeitende Leute nur alleine mit ihrer Anwesenheit gefährdet hätte.
 
Nach Kriegsbeginn kam sie zunächst im Oberkommando der Wehrmacht in der Sanitätsabteilung unter. Nach der Verhaftung ihres Chefs General von Rabenau wegen seiner Kontakte zum Widerstand sollte sie im Führerhauptquartier arbeiten, was sie nachvollziehbarerweise ablehnte. Lieber ging sie dann als Stabshelferin, später DRK-Helferin nach Paris. In Berlin absolvierte sie die Grundausbildung beim DRK. Nach dem Krieg arbeitete sie zwar zunächst als Krankenpflegerin und Arzthelferin weiter, nutzte aber auch die erste Gelegenheit, diesem Beruf den Rücken zuzudrehen. Sie wurde Sekretärin und erreichte später in einem großen Verlag eine leitende Position. Nicht durch ihre „Berufung“ ergriff sie den Pflegeberuf, sondern wegen ihrer bitteren Lebensumstände.
 
Es gab auch Fälle, wo willige Rotkreuzhelferinnen abgelehnt wurden. Christabel Bielenberg bewarb sich bei der DRK-Stelle Berlin-Dahlem als freiwillige Helferin. Sie hatte gehört, dass das DRK händeringend Leute suchte. Sie lehnte man aber mit dem Hinweis ab, wenn sie Kinder habe, dann solle sie sich um diese kümmern. Frau Bielenberg war Engländerin.
 
Bei deutschen Frauen kümmerte man sich im DRK schon lange nicht mehr um das nationalsozialistische Frauenbild von der deutschen Mutter, die einzig für ihre Kinder da zu sein hatte. Gertraud beispielsweise galt mit vier Kindern nach Nazimaßstäben als kinderreich. Ihre Tochter war 1944 drei Jahre alt, die Buben zwei, fünf und neun Jahre. Sie hätte sogar den Beruf als Krankenschwester erlernen können, was man ihr mehrmals nahe legte. Denn Kinder bedeuteten keinen Hinderungsgrund mehr für die Ausbildung. Mit dem Kriegsverlauf passte das DRK sein Frauenbild an die Gegebenheiten an. So gab es ein Rundschreiben an die DRK-Dienststellen, dass die Wehrmacht wegen der totalen Kriegsführung einen Großteil des männlichen Krankentransportpersonals benötigte. Deshalb müssten unverzüglich Frauen darauf vorbereitet werden, die Krankentransporte zu übernehmen. Und in diesem Rundbrief wurde bereits darauf hingewiesen, dass bereits ein Teil der Kreisstellen befriedigend den Krankentransport mit Frauen aufrecht erhielt.
 
So, wie Hitler und sein Gefolge Jugendliche an der Front als Soldaten verheizten, genauso erbarmungslos sprangen sie mit seiner geliebten Jugend im Heimatland um. Und davor blieben auch die Mädchen nicht verschont. Dass Jungmädel oder BDM-Mädel als Rot-Kreuz-Helferinnen Dienst in Lazaretten und Krankenhäusern taten, war nicht die Ausnahme. Ungenügend ausgebildet und vorbereitet waren sie oft genug nicht in der Lage, den Belastungen im Pflegeberuf standzuhalten. Ohne minimale Kenntnisse in der Hygiene wurden sie sogar auf Infektionsabteilungen eingesetzt.
 
Maria R., die von Schlesien nach Berlin kam, leitete nach ihrer Ausbildung bis zu ihrer Typhuserkrankung als Pflegerin ein Mädchenheim. Ihre Schützlinge stammten überwiegend wie sie aus Schlesien. Die Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren verrichteten „kriegswichtige“ Tätigkeiten und wurden als Straßenbahnschaffnerinnen, in Großküchen, in Rüstungsfabriken und in Krankenhäusern eingesetzt. Eine fünfzehnjährige DRK-Helferin kam wochenlang weinend in das Heim, erzählte aber Maria nicht den Grund für ihren Kummer. Sie vermutete, dass das Mädchen mit den Erlebnissen auf ihrer Station nicht klar kam. Auf der Abteilung lagen Soldaten, die nach Amputationen nachversorgt wurden. Maria versuchte immer wieder, an das Mädchen heranzukommen, aber diese kapselte sich zunehmend ab. Am Heiligabend 1944 nahm sie sich das Leben. Eine andere DRK-Helferin schleppte von der Arbeit den Typhus ins Haus, der dann Marias Berufslaufbahn jäh beendete.
 
Viele Pflegekräfte in Berlin wollten nicht zum DRK, weil sie sehr richtig erkannten, dass es eine reine Naziorganisation war. Sie bemühten sich, bei der Caritas unterzukommen, auch dann, wenn sie selbst nicht katholisch waren. Dort fühlten sie sich noch am sichersten.
 
Cilly stellte eine Annäherung von dem weltlichem Personal und den Ordensschwestern fest. Im Prinzip meinte sie, war man wirklich nirgends vor einer Denunziation sicher. Aber Signale zu den Ordensschwestern, dass man mit dem Regime nicht einverstanden sei, nahmen einige Nonnen in ihrem Hause dankbar auf und sie wurden dann auch etwas deutlicher und offener, sowie man alleine war. „Da entstand Vertrauen und eine regelrechte Dankbarkeit“ erklärte sie. „Vorher wäre so ein Umgang nie möglich gewesen. Dort waren die Ordensschwester, hier waren wir. Persönliche Kontakte waren ein Unding. Das änderte sich unter Hitler. Auch die gegenseitige Akzeptanz.“
 
Obwohl das DRK alles, was sich irgendwie anbot, in die Pflege schmissen, konnten sie dennoch nicht den enormen Bedarf decken, sodass auch Ordensschwestern in Lazaretten eingesetzt werden mussten. Die fehlten dann wiederum mit ihrer beruflichen Erfahrung und Qualifikation an der sogenannten „Heimatfront“.
 
 
 
 
 
 
Juni 1941, Hannover Leinhausen, Sanitätszug / Verwundetentransport
 
 
 
 
Die Sanitätssoldaten versorgten die Verwundeten direkt an der Front. Überall, wo deutsches Militär einmarschierte, folgten die Pflegekräfte des DRK´s hinter den Frontlinien nach. Sanitätssoldaten waren offizielle Wehrmachtsangehörige, doch auch das Deutsche Rote Kreuz unterstand der Wehrmacht. Es war also keineswegs neutral. Die Pflegekräfte leisteten nur dann Hilfe für die Zivilbevölkerung oder gegnerische Soldaten, wenn befehlsberechtigte Wehrmachtsangehörige es anordneten.
 
Das DRK war an den Verbrechen gegen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter durch Verweigerung der pflegerischen Versorgung maßgeblich beteiligt. Die Pflegekräfte, die ich darauf ansprach, lenkten sehr schnell das Gespräch auf eigene Verluste. Lediglich Walburga sagte, dass sie so vernagelt war durch die ständige Gehirnwäsche, dass es sich bei den Russen um „Untermenschen“ handelte, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kam, dass sie als Rotkreuzschwester im Sinne von Henri Dunant verpflichtet war, auch gegnerische Soldaten zu pflegen. Für sie ergab sich allerdings da auch keine Situation, weil ausschließlich Landser zu ihrem Lazarett gebracht wurden. „Bei uns wurden keine Gefangenen gemacht.“ Diese Aussage spricht Bände.
 
Die DRK-Schwesternhelferin Fridoline Kessler verdeutlichte ihre Zugehörigkeit zur Wehrmacht mit ihren Erlebnissen 1942 in Frankreich. Sie empörte sich darüber, dass sie im Lazarett auf einer Frauenstation arbeiten sollte. Schließlich hatte sie sich freiwillig zum Lazarettdienst gemeldet, um an der Ostfront Landsern zu helfen. Ihr Antrieb für die Tätigkeit in der Krankenpflege entsprang der Motivation, als Bestandteil der kämpfenden Truppe einen Beitrag zum Endsieg zu leisten. Fridoline, die nach der Frauenstation auf eine Station für Kriegsgefangene versetzt wurde, pflegte dort nach ihren Angaben ohne Ansehen der Hautfarbe, des Ranges oder Dienstgrades Soldaten aus Amerika, England, Frankreich, Polen und Afrika. Vielleicht erkannte sie über ihre Arbeit hinweg, dass sie es mit Menschen zu tun hatte.
 
Jedenfalls organisierte sie für ihre Patienten klammheimlich zusätzliche Lebensmittelrationen. Ein Arzt, der sie dabei ertappte, empfahl ihr die Tötung einiger Patienten, wenn sie für Deutschland wirklich etwas tun wolle. Immerhin hatte sie es nicht mit einem 250 %igen zu tun, sonst wäre sie wegen Feindbegünstigung in den Bunker gewandert. Die Schwesternhelferin dachte aber nicht darüber nach, warum die Kriegsgefangenen in der oberen Etage untergebracht waren. Ihre Patienten dienten der Wehrmacht als lebendes Schutzschild.
 
Entgegen späterer Behauptungen vom DRK, sie hätten angeblich mit dem entsprechenden Organisationen des Roten Kreuzes in den besetzten Gebieten zusammengearbeitet, bezeugen Pflegekräfte etwas anderes. Sophie Bettermann meinte dazu, sie hätten keine Kontakte zu Polen geknüpft. Und die Pflegekräfte des polnischen Roten Kreuzes bestätigten ihre Aussage. Die deutschen DRKler hätten nur Deutsche versorgt, ihnen oblag die Fürsorge ihrer Landsleute.
 
Nun ist es ja normalerweise so, dass eher Funktionären geglaubt wird, als kleinen unbedeutenden Pflegekräften. Auch dann, wenn diese Funktionäre offensichtlich versuchen, sich mit solchen Behauptungen jeglicher Schuldanerkennung zu entziehen.
 
Der Fall Maria Bortnowska dürfte hilfreich sein bei der Wahrheitsfindung. Sie war die Leiterin des Suchdienstes des Polnischen Roten Kreuzes und wurde 1940 von der Gestapo grundlos verhaftet und ins Berliner Polizeigefängnis verschleppt. Das davon unterrichtete DRK schwieg. Von dort kam sie in das KZ Ravensbrück. Dort lernte sie auch Dr. Karl Gebhardt kennen, die Bestie von Ravensbrück, der sich für seine sadistischen Menschenversuche mit Vorliebe junge Polinnen aussuchte. Auch gegen ihre Einweisung in das Frauenlager protestierte das DRK nicht. So sah also die gerühmte Zusammenarbeit vom DRK mit anderen örtlichen Hilfsverbänden aus.
 
Und genauso sind auch die Angaben einzuschätzen, dass man zur Zivilbevölkerung die besten Verbindungen hatte. Hilfsschwester Meta Altemeier schwärmte von den Russen, die mal ein Huhn brachten oder Wäsche für sie wuschen. Das war aber nicht die russische Bevölkerung. Es waren Kollaborateure oder zwangsweise verpflichtete russische Hilfsarbeiter, die für ein Stück Brot den Deutschen dienen mussten. Wenn die Lazarette rückwärts verlegt wurden, nahm man die Russen nicht mit und überließ sie ihrem Schicksal. Und ihr Schicksal war, dass die anrückende Rote Armee sich nicht die Mühe machte, herauszufinden, warum sie für die Deutschen gearbeitet hatten. Alle, die den Deutschen halfen, galten in den Augen der russischen Armee als Kollaborateure. Und Kollaborateure wurden erschossen. Das wussten auch die Pflegekräfte, denn die Nazipropaganda berichtete über jede Gräueltat der Gegner ausführlichst.
 
Typische Nazipropaganda
 
Dennoch muss man auch feststellen, dass viele Rotkreuzkräfte zumindest für die eigenen Soldaten weit über die eigene Leistungsgrenze gingen, um zu helfen. Da kann man getrost solche Berichte wie den von der Hilfsschwester Meta außer Acht lassen, die fünf Jahrzehnte später fröhlich über die erste Amputation schwätzte, der sie im Funzellicht einer Petroleumlampe beiwohnte. Die Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte in den Lazaretten waren oft hanebüchend. Da wurde rund um die Uhr operiert, Krankensäle bis zum Anschlag mit Verwundeten vollgestopft, elementare hygienische Vorraussetzungen notgedrungen außer Acht gelassen, durch Versorgungsprobleme mit den Unzulänglichkeiten beim Material gekämpft.
 
In den Lazaretten schufteten Pflegekräfte bis zur totalen Erschöpfung, um an Leben zu retten, was zu retten war. Um oft genug hilflos mit anzusehen, dass sie das Sterben nicht aufhalten konnten oder dass ein geretteter Soldat Zeit seines Leben ein Krüppel bleiben würde. Die physische und psychische Belastung war für das Personal unmenschlich und so manche Pflegekraft zerbrach daran oder bekam nie wieder die grauenhaften Bilder aus dem Kopf.
 
Elfriede Bartkoviak verfolgten die Erlebnisse über Jahrzehnte. Sie war für das DRK unter anderem auch bei Stalingrad. In dem Lazarett erblickte sie Dutzende von Leichen. Vor diesem Anblick kapitulierten ihre Nerven und sie verkroch sich im Keller. Ihr Pflichtbewusstsein zwang sie schließlich doch zur Arbeit. Auf der einen Seite befriedigte sie schließlich der Lazarettdienst, weil sie helfen konnte. Andererseits klagte sie lange über Schlafstörungen, weil die Bilder sie nicht losließen. Mit ihren ehemaligen Patienten blieb sie nach deren Entlassung in Briefkontakt. Von etwa 1500 ehemaligen Patienten überlebten nach ihren Kenntnissen nur zwei diesen Krieg.
 
Auch Walburga gingen an der Ostfront die Nerven durch. Mehrmals hintereinander rückte die russische Front bedrohlich näher und die Ärzte und DRKler befürchteten, überrollt zu werden. In Tag- und Nachtschichten operierten sie rund um die Uhr. Dazu vor dem Lazarett im Todeskampf schreiende und stöhnende Soldaten, die zugunsten leichter Verletzter unversorgt blieben. Direkt neben diesen noch lebenden Soldaten ein fast zwei Meter hoher Leichenberg. Man kam mit dem Begraben nicht mehr nach. Und ständig schleppten Sanitätssoldaten neues Elend an.
 
Maximal kamen die Pflegekräfte im Stück zu vier Stunden Schlaf. Literweise kippten sie Kaffee im Wechsel mit schwarzen Tee, versetzt mit Alkohol, in sich hinein, um wach zu bleiben. Sie erzählte, dass sie damals zu müde war, sich zu waschen oder umzuziehen, wenn sie aus dem OP kam. Wochenlang schlief sie in den gleichen Klamotten, in denen sie auch arbeitete. Trocken meinte sie, dass das Gefühl, schmutzig zu sein, unzutreffend war. Sie war dazumal nicht schmutzig, sie starrte vor Dreck und stank abartig. Außerdem hatte sie Läuse und die Krätze trat auch immer wieder auf. Jahre später schüttelte sie noch darüber den Kopf: Läuse im OP, Läuse beim Personal, Läuse bei den Operierten, Läuse in den Wunden.
 
Immer wieder machte sie sich Mut mit ihren Durchhalteparolen, glaubte an den Endsieg und an die Wunderwaffe. Nach einer Operation verfiel sie wieder in den Singsang, den man ihr eingeimpft hatte: an all dem Unglück sind nur die Juden Schuld. Ein Chirurg, ein überzeugter Nazi wie sie, verpasste ihr eine Ohrfeige und schrie sie an: „Welche Juden? Die haben wir doch alle umgebracht. Den Krieg verlieren wir ganz alleine!“
 
Wenige Wochen vorher hätte sie nach eigener Aussage jeden für so eine ungeheuerliche Aussage ans Messer geliefert und wenn es ihr eigener Vater gewesen wäre. In dem Moment aber brach ihr gesamtes Weltbild zusammen, vor allem, weil dieser Chirurg ihr immer ein politisches Vorbild war. Sie zeigte ihn nicht an. Stattdessen brach sie körperlich und seelisch völlig zusammen. Mit dem nächsten Verwundetentransport sorgte der Arzt dafür, dass ihn Walburga begleitete und nach Hause kam. Von den Kollegen und den Ärzten traf sie nach dem Krieg keinen wieder. Von einem Sanitätssoldaten aus ihrer Heimatstadt wusste sie, dass das Lazarett wenige Stunden nach ihrer Abreise zwischen die Fronten geraten war. Nach den Berichten des Soldaten konnte Walburga nicht ausschließen, dass versehentlich die eigenen Granaten das Lazarett niedermachten. Eigentlich hatte Walburga ursprünglich die Krankenpflegeausbildung absolviert, um im OP zu arbeiten. Nach ihrer Lazaretterfahrung entschied sie sich für die Innere. Auch läusefreie Operationssäle konnten sie nicht mehr reizen.
 
Doch man sollte auch nicht die fanatischen DRKler vergessen, die noch „Heil-Hitler“ schrieen, als jeder vernünftige Mensch bereits einsah, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte. Wo es nur noch darum ging, so schnell wie möglich alle Kampfhandlungen einzustellen, um das sinnlose Abschlachten zu beenden. So berichtete ein Wehrmachtsarzt in Russland, dass sich die Krankenschwestern seines Lazarettes weigerten, sich nach Halle zu ihrem Mutterhaus ausfliegen zu lassen. Eine Schwester Ottilie wollte sich sogar die Haare abschneiden und als Landser verkleidet weiterkämpfen. Man verfrachtete trotzdem diese Damen in den Flieger.
 
Charlotte H., Jahrgang 1928, erinnerte sich an eine Rotkreuz-Schwester aus Berlin-Spandau. Sie verriet zwei sechzehnjährige Jungen als Deserteure, die in ihrem Luftschutzkeller Zuflucht suchten. Die russische Armee hatte bereits die Spandauer Stadtgrenze erreicht, als die Halbwüchsigen an Laternenmasten aufgehangen wurden. Diese Pflegekraft kannte die Konsequenz ihres Handelns für die Jugendlichen, denn an anderen Laternen hingen bereits andere Opfer. Als die russische Armee das Spandauer Stadtgebiet erreichte, versuchte sie mit anderen Unverbesserlichen, die Kampfhandlungen fortzusetzen. Sie wurde von Mitbürgern gewaltsam entwaffnet, die etwas dagegen hatten, dass weiter völlig sinnlos Blut vergossen wird. Einen Tag später soll sie mit einer Pistole aus einem Kellerfenster heraus auf russische Soldaten geschossen haben. Die Russen griffen daraufhin das Wohnhaus mit dem Keller an, in den sich zahllose Frauen und Kinder geflüchtet hatten. In dem überfüllten Keller überlebte nur ein Kleinkind.
 
Nicht zu vergessen auch die beiden Krankenschwestern ,die in der Nacht vom 29. zum 30. April 1945 Adolf Hitler zwölf Stunden vor seinem Selbstmord im Führerbunker sahen. Anlass war ihr Lazaretteinsatz, für den der „Führer“ ihnen persönlich danken wollte. Dem mit ihnen anwesenden Arzt fiel auf, dass Hitler im letzten Jahr sichtlich gealtert war und massiv abbaute. Er wirkte zusammengefallen und litt augenscheinlich unter Parkinsonismus, denn linke Hand und Bein zitterten rhythmisch und Hitler konnte es nicht kontrollieren oder vertuschen. Dieser vergreiste Mann in seinem jämmerlichen Zustand erinnerte kaum noch an die Bilder, die überall vom „Führer“ aushingen.
 
Schwester Erna, die eine Besucherin, reagierte auf seinen Händedruck, indem sie fast hysterisch schreiend anfing, die allgemeinen Durchhalteparolen zu wiederholen, wie: Mein Führer; Glaube an den Endsieg; Feinde schließlich vernichten; ein Volk, ein Reich, ein Glaube; ewige Treue; wir folgen; Heil usw. Erst nachdem der Arzt sie am Arm zurückzog, brach sie ab.
 
 

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Die antisemitische Haltung des Rotkreuzpersonals entsprach genau der NS - Ideologie. Schnell wurden die eigenen Reihen von Juden gesäubert. Ein Opfer war Margot S., die vorher beim DRK sogar ihre Ausbildung als Krankenschwester absolvierte. Es fand sich keine Kollegin, die sich mit ihr solidarisierte oder in irgendeiner Form Mitgefühl bekundete. Margot reagierte auf ihren Rauswurf mit absoluter Fassungslosigkeit, denn sie fühlte sich keineswegs als Jüdin, sondern identifizierte sich völlig mit dem deutschen Volk, genauer gesagt, mit dem deutschen Volk rechtsnationaler Gesinnung.
 
Da hatte sie aber fies Pech gehabt, denn eben diese mochten die große blonde Frau mit ihren wasserblauen Augen und dem fehlerhaften Ariernachweis nicht mehr. Sie hätte problemlos als Krankenschwester weiterarbeiten können, beispielsweise im jüdischen Krankenhaus oder Altenheim. Doch das konnte sie mit ihrer Weltanschauung nicht vereinbaren. Fanden andere assimilierte Juden durch die Verfolgung den Weg zurück zu ihrem Glauben, sperrte sich Margot weiterhin gegen die „zerlumpten Kaftanträger“, die sie nun für ihr Elend verantwortlich machte und nicht etwa die Nazis. Sie glaubte fest daran, dass sich der Irrtum um ihre Person zu ihrem Wohlgefallen aufklären würde. Soviel Sturheit war schon bemerkenswert.
 
Zumal diese Frau keineswegs dumm war. Sie sprach beispielsweise fließend mehrere Sprachen. Daher verdiente sie nun ihre Brötchen durch Schreibarbeiten und Übersetzungen. Gerade nach dem Krieg ein lukratives Geschäft, sodass sie in den Pflegeberuf nicht zurückkehrte. Und was machte sie nach 1945 in ihrer Freizeit? Man glaubt es kaum: sie versah als Ehrenamtliche in der DRK-Tracht bei Großveranstaltungen Sanitätsdienste. Mahlzeit!
 
Auch die Jüdin Sara Nußbaum (Virtuelles Denkmal) legte ihr Examen als Rot-Kreuz-Schwester ab. Anders als Margot ließ sie sich aber nicht aus dem Beruf drängen und arbeitete als Krankenschwester in der Jüdischen Gemeinde Kassel. Bereits 1934 kam sie in Konflikt mit Hitlers Schergen wegen angeblicher regimefeindlicher Äußerungen. Ihr Mann Rudolf Nußbaum versuchte seine Frau bei der Verhaftung vor der SA-Horde zu schützen. Durch die erlittenen Misshandlungen überlebte er den Überfall nicht. Nach vierzehn Tagen entließ man sie aus der Haft. Acht Jahre später deportierten die Nazis die Vierundsiebzigjährige ins Altersghetto Theresienstadt.
 
Trotz ihres fortgeschrittenen Alters bemühte sie sich um die Versorgung der Mithäftlinge im Deportationszug und arbeitete in Theresienstadt bei Typhuskranken im Krankenrevier unter verhehrenden Arbeitsbedingungen, verschärft noch dadurch, dass Medikamente fehlten. Immer wieder verhinderte sie den Abtransport von Mitgefangenen in die Gaskammern von Auschwitz, indem sie diese als Typhus-Kranke führte.
 
Im März 1945 wurde ein Transport für eine Erholungskur in die Schweiz zusammengestellt. Sara kannte die Märchen der Nazis und war sich sicher, dass das Ziel Auschwitz hieß. Sie war durch die Arbeit im Revier ausgebrannt und erschöpft. So meldete sie sich für den Transport, auch mit dem Hintergedanken, eine Jüngere vor der Vernichtung zu bewahren. Doch die Reise endete wirklich in der Schweiz. Die Gruppe der Theresienstädter hatte ihre Rettung einer Vereinbarung zwischen dem Schweizer Bundespräsidenten und SS-Führer Himmler zu verdanken, womit der Nazi seine humane Haltung gegenüber den Juden demonstrieren wollte. Der Kriegsverlauf ermöglichte plötzlich derartige Gesten von denen, die beabsichtigten, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Ein halbes Jahr benötigte Sara, um sich zu erholen. Dann kehrte sie zu Fuß nach Kassel zurück. 1956 erklärte ihre Heimatstadt sie übrigens zur Ehrenbürgerin. Mit 88 Jahren starb sie. Ob sie wie Margot bereit gewesen wäre, noch einmal freiwillig die Rotkreuztracht anzuziehen, wage ich zu bezweifeln.
 
Denn die DRK-Schwestern, die mit ihrem Ariernachweis mehr Glück hatten, formulierten auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches unbefangen weiter ihren Antisemitismus, ohne es häufig selber zu bemerken. Da betonte die Krankenschwester Irma R., sie stehe Juden völlig neutral gegenüber, obwohl sie wusste, dass die Bauern die Juden für betrügerische Viehhändler hielten. Beim Roten Kreuz unterrichtete sie Rassenlehre. Ein interessantes Thema für so eine neutrale Person. Ganz ungeniert wurden alte Vorurteile aufgewärmt, wie von der DRK-Helferin Sophie Bettermann, die aus dem Ghetto Przemysl berichtete und sich über einen elegant gekleideten jüdischen Kaufmann aus Wien ausließ, den angeblich das Elend der anderen Juden nicht rührte.
 
Gerade die in den Ostgebieten weilenden DRK-Pflegekräfte erlebten die Ghettos und Deportationen hautnah mit. Im Zweifel für den Angeklagten kann man ihnen aber nicht unterstellen, dass sie über die Vernichtungsmaschinerie informiert waren. Viele der Pflegerinnen versuchten im Nachhinein ihren fehlenden Antisemitismus damit zu beweisen, dass sie die Ghettos aufsuchten und die dortige jüdische Bevölkerung auch mit Lebensmitteln versorgten. So erzählte Sophie, dass sie ins Ghetto ihre Schuhe zur Reparatur brachte oder Näharbeiten in Auftrag gab. Auch Meta Altemeier ließ sich ihre Schuhe im Ghetto besohlen und zwar in Warschau. Solche Berichte haben nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Damen suchten nicht aus reiner Menschenliebe die Ghettos auf. Nein, nein! Die großzügig „gespendeten“ Nahrungsmittel bedeuteten die Bezahlung für Dienstleistungen, für die sie woanders teuer hätten bezahlen müssen. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Akte der puren Nächstenliebe als reine Tauschgeschäfte, bei denen die DRK-Schwestern nicht schlecht abschnitten.
 
Bezeichnend ist auch, dass Meta bemerkte, dass sie selbstverständlich in das Ghetto gegangen wäre um zu helfen, wenn „man“ ihr dazu einen Befehl gegeben hätte. Ohne eine direkte Anweisung existierte also für sie offenbar kein Handlungsbedarf. Der Hunger der Ghettobewohner war unübersehbar. Teilweise brachen die abgemagerten Leidensgestalten vor Schwäche auf offener Straße zusammen, verreckten unversorgt auf den Bürgersteigen. Aber Meta brauchte einen Befehl! Außerdem nahm sie an, dass die Juden dort von Sanitätern versorgt wurden. Auch dieser spätere Rechtfertigungsversuch zeigt Makel: Sie muss ziemlich sehbehindert gewesen sein, denn sonst wäre es ihr aufgefallen, dass keine Sanitäter vor Ort waren. Die Krankenpflege geschah in den Ghettos, wenn überhaupt, in Eigenregie, in der Regel ohne medizinische oder pflegerische Mittel.
 
Interessanter ist da schon Walburgas Bericht, die ebenfalls eine Weile in Warschau war. Sie reagierte stinksauer auf ihre Kolleginnen, die ins Ghetto gingen. Als überzeugte Nationalsozialistin waren für sie die Juden Abschaum. Von daher war es unter ihrer Ehre, sich mit ihnen in irgendeiner Beziehung einzulassen. Sie erklärte, dass sie lieber den zehnfachen Preis für Etwas zahlte, als die Dienste eines Juden in Anspruch zu nehmen. Empört reagierte sie auf die Tauschgeschäfte ihrer Kolleginnen, als sie davon erfuhr. Das empfand sie als Schmach und Verrat an der Sache und machte deshalb ihren Kolleginnen heftige Vorwürfe. Die Deportationen begrüßte sie ausdrücklich, damit ihre arischen Mitschwestern nicht weiterhin vom „jüdischen Geschacher“ infiziert werden konnten. Hart, klar, deutlich: aber entschieden gehaltvoller, als die heuchlerisch, herumeiernden Erklärungen der menschenfreundlichen DRK-Schwestern unterm Hakenkreuz. Walburga hätte nie einem Juden geholfen, aber es hätte auch kein Jude von ihr Hilfe erwartet.
 
Auch die Juden von Miedzyrzecz zogen keinen Vorteil daraus, dass eine Gruppe deutscher DRK-Schwestern Zeuginnen einer Razzia wurden. Ein Polizeibataillon trieb im August 1942 die jüdische Bevölkerung auf dem Marktplatz zusammen und ließ sie in der prallen Sonne ungeschützt stundenlang sitzen. Wer aufstand, wurde ohne jegliche Vorwarnung erschossen. Welches Kind kann lange Zeit unter normalen Bedingungen stille sitzen? Etwa tausend Menschen starben an diesem Tag. Und nur eine einzige Schwester mokierte sich über diese sadistische Tat. Ihr Mitgefühl beschränkte sich aber ausschließlich auf die ermordeten Kinder, nicht auf die getöteten Männer, Frauen und Greise.

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KZ-Transporte
 
 
Die Rotkreuzhelferinnen machten häufig Dienst auf den Bahnhöfen. Dort wurden sie Zeugen der Transporte in die KZ´s. Viehwagen ohne sanitäre Einrichtungen, vollgestopft mit Menschen, waren oft tagelang unterwegs. Besonders in die Deportationszüge mit jüdischen Mitmenschen presste man oft über hundert Menschen in einen einzelnen Viehwaggon, sodass viele von ihnen unterwegs erstickten.
 
Überlebende berichteten, daß sie auf zehntägigen Transporten lediglich zweimal etwas zu trinken und zweimal Suppe bekamen. Die vor Durst fast wahnsinnigen Menschen tranken den eigenen Urin, leckten das Schwitzwasser von den Wagenwänden oder den Schweiß von der Haut ihrer Leidensgenossen. Und dann gewahrten diese Verzweifelten auf einem Bahnhof eine vermeintliche Rotkreuzschwester mit Haube und blütendweißer Schürze. Dieses Bild, Inbegriff für vermeintliche humanitäre Hilfe und Pflege, vermittelte Hoffnung auf ein wenig menschenwürdige Behandlung, eine Oase in der Wüste des menschlichen Horrors. Diese Oasen waren meistens nichts anderes als Fata Morganen.
 
René Geneste berichtete für den Häftling S. Gutman von dem Transport ins KZ: „Am Bahnhof von Bremen wurde uns das Wasser vom Deutschen Roten Kreuz verweigert, das uns erklärte, es gebe kein Wasser für uns.“ Dieses Verhalten von Rotkreuzschwestern bestätigte Claude Bloch: „Wir waren halb tot vor Durst. In Breslau flehten die Gefangenen wieder die Schwestern des Deutschen Roten Kreuzes um Wasser an. Diese blieben unserem Flehen unzugänglich.“ Derartige Berichte findet man immer wieder, wenn man sich mit dem Thema befasst, auch als eidesstattliche Aussagen vor Kriegsverbrecherausschüssen oder -gerichten.
 
Solches Verhalten der Rotkreuzschwestern, die in der Regel Schwesternhelferinnen waren, war also keine Ausnahme, sondern offenbar die Regel. Oft genug verhöhnten sie noch die Opfer in den Zügen. Doch wenn man später Rotkreuzschwestern konkret auf die Sache ansprach, was ich in einem Rotkreuzkrankenhaus in einer Stadt in Nordrheinwestfalen ausgiebigst tat und auch Rotkreuzschwestern in Berlin befragte, dann wussten sie nichts von solchen Vorfällen und wandelten alle durchweg im Tal der Ahnungslosen. Und ich habe nicht einen einzigen Fall ermitteln können, dass betreffende Personen jemals wegen „Unterlassenener Hilfe“ belangt wurden.
 

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