Ausbildung Alten- und Krankenpflege


"Euthanasie" Übersicht:

Die Hölle wird installiert   Aktion T 4   Die "Gemeinnützige" Krankentransport GmbH   Die Allgemeine Stiftung für Anstaltswesen   Die ersten Opfer   Die Mordfabriken   Kinder als Zeugen   Widerstand gegen die Mordfabriken   Horror ohne Ende   Die Verfolgung der Euthanasieverbrechen   Gewusst haben es Alle

 

Die Hölle wird installiert

Vermutlich hatte Hitler angenommen, dass sich das Problem mit den Menschen mit Behinderung alleine löse durch die drastischen Kürzungen der Pflegesätze, die aber bereits in der Weimarer Republik nicht üppig waren und eindeutig am Minimum lagen. Weit bevor die Euthanasieaktion anlief, hatten Heil- und Pflegeanstalten oder Anstalten für Altersschwache und Sieche nicht mehr die materielle Basis, ihre Zöglinge ausreichend zu ernähren. Aber der gewünschte Erfolg für Hitler blieb aus.

In der Zeit von 1930 bis 1938 blieben die städtischen Heil- und Pflegeanstalten in Berlin in der Anzahl gleich, allerdings erhöhte sich die Bettenzahl von 7408 auf 8696. Alle fünf Einrichtungen waren chronisch überbelegt, denn 1930 wurden im Jahresdurchschnitt mehr als 600 Betten  über der vorhandenen Bettenzahl belegt, 1938 betrug die Differenz etwa 2000. Sogar die Verpflegungstage nahmen zu, was für eine längere Verweildauer der Betreuten spricht. In den sonstigen Anstalten für Gesundheitsfürsorge blieb es ebenfalls bei vier Anstalten, aber mit entschieden zahlreicheren Betten- und Belegungszahlen. Die Anstalten für Altersschwache und Sieche schrumpften zwar von dreizehn auf neun Einrichtungen, die Belegungszahlen blieben aber fast genauso wie vorher.

Lediglich in den Provinzialanstalten, mit denen die Stadt Berlin Verträge hatte und damit den Anspruch auf 6000 Betten für Irre und Geisteskranke und 400 Betten für Altersschwache und Sieche, setzte Bewegung ein. In diesen Heil- und Pflegeanstalten wurden zwischen 1930 und 1938 zwei Einrichtungen geschlossen und 200 Betten abgebaut Von den provinzialen Anstalten für Irre und Geisteskranke schlossen zwei Häuser, die Belegungszahlen gingen aber nur geringfügig zurück. Die vorsätzlich herbeigeführte Unter- und Mangelernährung der Anstaltsinsassen zeigte betreffs Mortalität der Betroffenen also wenig Wirkung. Die Nazis brauchten aber dringend für die geplanten Kriege Krankenbetten und noch nötiger Pflegepersonal.

Die Nazis reagierten auf diese Entwicklung Ende der 30er Jahre mit einer Plakataktion. Das Plakat zeigte einen schwer behinderten Mann, hinter ihm stehend einen jungen Pfleger. Dazu stand geschrieben: "60.000 RM kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit. Volksgenosse, das ist auch Dein Geld!". Der Boden sollte reif gemacht werden für die Beseitigung der "Defektmenschen" und "Ballastexistenzen".

 

Vorbereitung zum Massenmord

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Aktion T 4

Ende Juli 1939 fand in der Berliner Tiergartenstraße 4 (dehalb Aktion T 4) eine Besprechung zum Euthanasieprogramm statt. Etwa zwanzig, zum Teil hochrangige Mediziner waren zugegen. Philipp Bouhler, Reichsleiter der Kanzlei des "Führers", erklärte den Medizinern, dass man die Tötung Geistesgestörter beabsichtige, um Lazaretträume zu schaffen. Bis auf einen Arzt sagten alle geladenen Besprechungsteilnehmer ihre Mitarbeit zu. Die Professoren und Anstaltsleiter suchten anschließend in ihren Häusern nach Pflegepersonal und Ärzten, die ihnen für die Mitarbeit geeignet erschienen. Im Oktober 1939 diktierte Adolf Hitler an Bouhler auf seinem Privatbriefbogen, dass man unheilbar Kranken den "Gnadentod" geben sollte. Diese Ermächtigung datierte man später auf den 1.9.1939 zurück. Dieses Schreiben besaß aber keinen Gesetzescharakter und war kein öffentlicher Erlass. Hitler soll zwar die Verabschiedung eines Gesetzes versprochen haben, unterließ es jedoch.

Als "Tötungstechnologie" wurde die "Behandlungsart durch Injektionen" oder Vergiftung durch Gas diskutiert. Dazu muss aber bemerkt werden, dass zu dieser Zeit die sogenannte Wilde Euthanasie bereits in vollem Gange war.

In der Stadt Brandenburg an der Havel sollte die Entscheidung für die "effektivste" Tötungsart fallen. Die dortige Anstalt, mitten in der Stadt gelegen, war ursprünglich ein Armenhaus, diente ab 1820 als Gefängnis, ab 1933 als KZ und Polizeiunterkunft.

Die KZ-Häftlinge mussten Gebäude zu einer Euthanasie-Anstalt umbauen. Dieser Bereich wurde ab 1939 als "Landespflegeanstalt Brandenburg a. H." bezeichnet. In einer ehemaligen Backsteinscheune installierte man die fast 4 m2 große Gaskammer, die man "Chemisch-Technische Versuchsanstalt" nannte. Sie wurde, wie auch in den anderen Vernichtungsanstalten, als Duschraum getarnt. Am 18. Januar 1940 trieb man 18 - 20 Männer in die Gaskammer. Anzunehmen ist, dass es sich bei diesen Opfern um KZ-Sträflinge handelte. Der ersten "Test-Vergasung", wohnten außer Hitler sein Leibarzt Dr. Brandt, der Reichsärzteführer Dr. Conti, Philipp Bouhler als Leiter der Kanzlei des Führers und der Chemiker und Lieferant der Gasflaschen Dr. August Becker bei. Christian Wirth, Kriminaloberkommissar und späterer Vergasungsspezialist, führte die Vergasung durch. Sie fiel zu Hitlers Zufriedenheit aus und er fällte die Entscheidung für CO-Gas. Außerdem legte er fest, dass die Ermordung durch Injektionen oder Gas nur von Ärzten ausgeführt werden durfte. Das Morden in Brandenburg hörte mit diesem "Test" nicht auf. Dort starben in neun Monaten etwa 9000 Menschen, darunter circa 400 Juden. Die letzten Opfer waren am 29. Oktober 1940 Kinder aus der Heilanstalt in Brandenburg-Görden.

In der Kanzlei des Führers ging man nun daran, die Durchführung und den Ablauf des Massenmordes zu planen. Eigens für die Todesindustrie gründeten die Nazis Tarngesellschaften.

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Die "Gemeinnützige" Krankentransport GmbH

Unter dem Firmennamen "Gemeinnützige Krankentransport GmbH", kurz Gekrat, wurde ein Tranportunternehmen gegründet, was auschließlich für die Beförderung in die Tötungsanstalten zuständig war. Bei den eingesetzten Omnibussen handelte es sich meistens um Busse der Marke Mercedes. Die ersten Busse stellte die Reichspost zur Verfügung mit dem Reichspost-Kennzeichen. Spätere Busse trugen das Reichspostkennzeichen weiterhin. Die Fahrer der zumeist grauen Busse lebten auch in den Vernichtungsanstalten.

Die Krankenpfleger Karl Harrer und Kurt Steubl aus der Anstalt Niedernhart begleiteten in der Anfangszeit die Transporte nach Hartheim. Karl Harrer wurde bald Transportleiter. Damit war er für die Übernahme der Patientinnen und Patienten in den Abgabeanstalten und ihre Übergabe in Hartheim verantwortlich. Er übernahm die Krankenakten am Abfahrtsort, überprüfte die Listen und verglich Listennummern mit den Patientennummern. Manchmal fielen Kranke aus, weil sie beispielsweise inzwischen verstorben, entlassen oder transportunfähig waren. Die Transporte sollten aber unbedingt bis auf den letzten Platz besetzt sein. Daher übernahm Harrer die Verantwortung für die geforderte Auslastung der Busse, entschied also im Zweifelsfalle darüber, welcher nicht gelistete Patient einen eventuellen freien Platz einnehmen musste und wickelte die Transporte bürokratisch ab. Später ermordete er als rechte Hand des Mörderarztes Lonauer auf dessen Veranlassung in Niedernhart eigenständig Patienten

Größere Transporte wurden unter Gekrat-Führung auch per Bahn abgewickelt oder wenn die Anstalten weiter entfernt waren. Für die Tötungsfabrik Hartheim kamen die Züge im Hauptbahnhof Linz an. Nach der Ankunft wurden sie auf ein Nebengleis geschoben. SS-Mannschaften bewachten dann den Zug, bis die Gekrat die Menschen gruppenweise nach Hartheim geschafft hatte. Manchmal kamen Transporte in Linz mit mehr als 200 Opfern an. Das Hartheimer Personal sortierte dann nach der Schwere und Unruhe der Patienten diejenigen aus, die man als Erstes zur sofortigen Tötung abtransportierte.

Die vorerst zurückgebliebenen Patienten harrten dann stundenlang in den Waggons aus. Wenn die Gekratbusse zurückkehrten, brachte man sie grüppchenweise in ein Durchgangspflegeheim, wo sie auf Strohsäcken in riesigen Schlafsälen auf ihre Abholung warteten. Angeblich sollten nur Insassen "verlegt" werden, die länger als 5 Jahre in Anstaltspflege waren. Angeblich sollten verrückt gewordene oder körperbehinderte Kriegsteilnehmer vom Abtransport verschont werden. Und angeblich sollte beim Abtransport das nocheinmal überprüft werden. Doch die Fahrer und das Begleitpersonal, nämlich Pflegekräfte, hielten sich wohl meist nicht an diese Anordnung. Sie wurden vom Pflegepersonal der betroffenen Einrichtungen im Umgang mit den Patienten als sehr verroht und grob beschrieben.

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Die Allgemeine Stiftung für Anstaltswesen

Die "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" entwickelte die Meldebögen und die angewandten Kriterien. Sie erstellte auch die ärztlichen Gutachten über die Behinderungen. Der "Allgemeinen Stiftung für Anstaltswesen" unterstand das Personalwesen. Zur "planwirtschaftlichen Erfassung" versendete sie ab Ende 1939 die Meldebögen für die Anstaltspatienten. Art der Krankheit, Dauer des Anstaltsaufenthalts und Arbeitsfähigkeit fragten die Meldebögen ab, nach denen etwa 30 Gutachter unabhängig voneinander über Leben und Tod der Patienten entschieden, die sie nie gesehen hatten. Diese Gutachter waren Ärzte, Hochschullehrer und Anstaltsleiter. Wichen die Beurteilungen voneinander ab, sprach ein Obergutachter, ebenfalls vom Schreibtisch aus, das endgültige Urteil.

 

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Die ersten Opfer

Wieso die Nazis sich sogleich an Kindern vergriffen, lag zum Einen vermutlich an der Wehrlosigkeit der Opfer, zum Anderen daran, dass pflegebedürftige Kinder in der Regel sehr personalintensiv sind. Aber genau nach diesen Pflegekräften verlangten die Kriegspläne. Anfangs wurden "nur" behinderte Säuglinge ermordet. Beispielsweise setzte man häufig das Narkotikum Luminal ein. Die Maximaldosis für Erwachsene ist 0,4 Gramm, für Kinder 0,1 Gramm, für Kleinkinder 0,05 Gramm. Ärzte verabreichten 2-3x stündlich 0,5 Gramm. Dadurch trat der Tod nicht plötzlich ein, sondern die Kinder dämmerten benommen noch stundenlang vor sich her. In dieser Zeit erfanden die Ärzte angebliche natürliche Todesursachen wie Lungenentzündung oder Bronchitis. Später wurden die Kinder auch mit einem Gemisch aus Morphium, Dionin und Skopolamin ermordet.

Zusätzlich praktizierten einzelne Anstalten die Methode des Aushungerns. Bei radikalem Nahrungsentzug hätten die Kinder nach kürzester Zeit vor Hunger gebrüllt. So erhielten die Kinder zwar Nahrung, aber wenig und zusätzlich dermaßen gestreckt, dass sie in Lethargie verfielen, bis sie starben. Nach dem offiziellen Ende der T4-Aktion kam die zweite Welle der "wilden Euthanasie" in den sogenannten Kinderfachabteilungen wie beispielsweise Waldniel bei Andernach, eine von ca 30 bekanntgewordenen Einrichtungen, wo gezielt Kinder-Euthanasie betrieben wurde.

Schnell wurde das Alter der potentiellen Opfer bis auf 16 Jahre angehoben. Der Kindereuthanasie fielen ca 5000 bis 8000 Menschen zum Opfer. 1939 liefen aber auch schon die Vorbereitungen für die Erwachseneneuthanasie an. Nach Hartheim waren Euthanasie-Trupps laut Aussagen von Pflegerinnen, die dort gearbeitet haben, aber bereits 1938, wenige Monate nach dem "Anschluss" Österreichs, bereits gekommen. Diese Behauptung ist allerdings bisher nicht beweisbar. Dennoch ist sie wahrscheinlich, denn sogenannte Vorverlegungen begannen nach zahlreichen Berichten viel früher, genauso wie die wilde Euthanasie.

Andere Anstalten ahnten sehr schnell den Zweck der "Verlegung". Sie nutzten die Gekrat-Listen, um sogenannte schwierige Patienten loszuwerden. Beispielsweise Patienten, die auf eine menschenwürdige Behandlung in den Anstalten pochten und sich gegen Übergriffe seitens Personal oder Ärzte widersetzten. Waren in den Anstalten überzeugte Nazis als Leiter eingesetzt, wurden möglichst viele Patienten auf die Liste gesetzt. Es ist bewiesen, dass in unzähligen Fällen nicht nur Geisteskranke und Behinderte ermordet wurden. Viele Opfer entsprachen nicht den T4-Kriterien.

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Die Mordfabriken

Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb in Württemberg, Brandenburg an der Havel in der Nähe von Berlin, Hartheim bei Linz in Österreich, Sonnenstein in Pirna in Sachsen, Bernburg an der Saale in der Provinz Sachsen und Hadamar in Hessen erlangten einen zweifelhaften Ruf als Orte des Massenmordes. Nach Schätzungen durch beobachtete Transporte, verschwundenen Insassen von Behinderteneinrichtungen im Einzugsgebiet und Zeugenaussagen ehemaliger Beschäftigten schwanken die angenommenen Zahlen der dort ermordeten Menschen bis August 1941 zwischen 70.000  bis 140.000 Opfer.

Massengrab in Hadamar

Am Beispiel Hartheim wird der kriminelle Charakter Hitlers und seiner Helfershelfer besonders deutlich. Sie waren nichts anderes als Gewohnheitsver-brecher im großen Stil. Die "Idiotenanstalt Hartheim" war eine Pflegeeinrichtung des österreichischen Landeswohltätigkeitsvereins. Anläßlich des 50jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph schenkte 1898 die Familie Starhemberg das Schloss dem Oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsverein für soziale Zwecke. Für die Betreuung der geistig und mehrfachbehinderten Menschen waren die Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul zuständig. Ein Verwalter des Gutsbetriebes organisierte den Wirtschaftshof. Die funktionierende Landwirtschaft erreichte unter Mitarbeit der etwa 200 Bewohner eine fast vollständige Selbstversorgung der Einrichtung mit Lebensmitteln. Nach den geltenden Maßstäben war die Behindertenbetreuung in Hartheim vorbildlich. Daher versuchten Angehörige auch, ihre behinderten Familienmitglieder dort einzukaufen, sodass ein Teil der Betreuten Selbstzahler waren.

Die Nazis lösten die Anstalt im Sommer 1938 kurzerhand auf und enteigneten am 17.2.1939 den Landeswohltätigkeitsverein, dessen Vermögen 265.768 Reichsmark betrug. Diese widerrechtliche Vorgehensweise entsprach einem gemeinen Diebstahl.

Die Pfleglinge des Landeswohltätigkeitsvereins von Hartheim verteilte man vorübergehend in andere Anstalten. Frauen und Mädchen brachten die Nazis im "Gau-Fürsorgeheim Baumgartenberg" unter, Männer und Jungen in der Linzer "Gau- Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart". Die Barmherzigen Schwestern betreuten ihre Schützlinge in diesen Einrichtungen weiter. Der ärztliche Direktor Rudolf Lonauer von Niedernhart ließ vorher die Männerabteilung VIII zur Unterbringung der 70 bis 80 Hartheimer Pfleglinge "räumen", um für sie "Platz zu schaffen".

Das nun leere Renaissanceschloß bauten die Nazis aufwendig zu einer Vernichtungsanstalt um. Nachdem im April 1940 die Arbeiten abgeschlossen, die Tötungsanlage als Duschraum getarnt bereit und das Personal rekrutiert waren, mussten ankommende Pfleglinge im Nordost-Turmzimmer an den Ärzten Lonauer und Renno nackt vorbeimarschieren und eine Scheinuntersuchung über sich ergehen lassen. Im angrenzenden Erkerraum befand sich ein Fotoraum, in dem alle Opfer noch fotografiert wurden, bevor sie in die Gaskammer kamen. Ihren blanken Zynismus bewiesen die braunen Bestien damit, dass die Gaskam-mer ausgerechnet die 200 ehemaligen Pfleglinge des Landeswohltätigkeits-vereins "einweihen" durften. Nach Aussagen von Dorfbewohnern, die den ersten Transport beobachteten, freuten sich die früheren Insassen ungemein, in ihre ehemalige Anstalt zurückzukehren.

An Ort und Stelle wurden die Toten sofort eingeäschert. Damit wollten die Nazis Nachforschungen der Angehörigen vermeiden. Diese erhielten Totenscheine mit fingierten Todesursachen und Sterbeorten von eigens dafür eingerichteten Sonderstandesämtern direkt in den Vernichtungsanstalten. Dabei tauschten diese Ämter untereinander Akten und Hinterlassenschaften ihrer Opfer aus, um Nachforschungen durch Angehörige zu erschweren. So erreichten Todesbenachrichtungen über Patienten die Familien aus dem Standesamt in Sonnenstein, obwohl derjenige wirklich in Brandenburg getötet wurde. Im Nachhinein konnte man noch nicht einmal feststellen, wo die betroffene Person wirklich ums Leben kam. Der Urnenversand, den man auf Wunsch durchführte, wurde ebenfalls von dem Standesamt übernommen, die die Angehörigen schriftlich informierten. In den Urnen befand sich willkürlich herausgenommene Asche der "Tagesproduktion". Familien, die ihre Angehörigen bestatten ließen, setzten demnach Urnen mit den Resten einer "Gaskammerfüllung" bei, nur nicht die Asche ihres Angehörigen.

Trotzdem weckte die Häufung der Todesfälle Misstrauen. Pleiten bei den angegebenen Todesursachen sprachen sich herum. Wenn zum Beispiel ein Totenschein als Todesursache einen Blinddarmdurchbruch nannte und der Patient bereits 10 Jahre vorher den Blinddarm herausgenommen bekommen hatte. Oder es erfolgte die Todesnachricht über Patienten, die immer noch lebten und sich bester Gesundheit erfreuten. Angehörige erhielten öfters versehentlich zwei Urnen. Hitlers Bürokraten unterliefen massive Fehler, sodass die "Aktion T 4" nicht lange geheimgehalten werden konnte.

 

 
 
Teil 2 hat leider keinen Ton.
 

 

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Kinder als Zeugen

Die meisten der von mir befragten Pflegekräfte hatten nie etwas von Euthanasie bei den Nazis gehört. Eine ältere Kollegin, bei der ich mich als Schülerin 1974 in der Frühstückspause auf Station nach der Euthanasie in der Nazizeit erkundigte, wohlgemerkt, völlig neutral ohne jegliche Schuldzuweisung oder Verdächtigung, kippte mir ohne Vorwarnung als Antwort ihren frischgebrühten Kaffee ins Gesicht. Bevor ich einen weiteren Gesprächsversuch wagen konnte, war ich bereits auf eine andere Station strafversetzt wegen ungebührlichen Verhaltens und fehlender Distanz gegenüber Vorgesetzten. Spätestens da wusste ich, dass die Euthanasie bei älteren KollegINNen ein ganz heißes Thema ist und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Andere Pflegekräfte reagierten nicht so rustikal, zeigten aber deutliche Erinnerungslücken. Wenn ich hartnäckig blieb und immer wieder nachfragte, dämmerten ihnen irgendwelche Gerüchte. Aber natürlich nicht in ihrem Haus, nicht bei den eigenen Arbeitsstellen und nicht im direkten Umfeld. Und sie konnten sich auch nicht vorstellen, was mit abtransportierten Patienten geschah.

Kurt E. Strohmeyer wurde 1933 geboren und verlebte seine Kindheit in Northeim. Er erinnerte sich, dass vor seiner Einschulung ein geistig behinderter Junge aus der Nachbarschaft abgeholt wurde. Das Kind war also nie vorher in einer Anstalt gewesen. Kurze Zeit später kam die Nachricht, dass das Kind angeblich an einer Lungenentzündung gestorben sei. Ein kleiner Junge bekam von einer Sache Wind, von denen viele Erwachsene später nichts erfahren haben wollen. Das ist schon eigenartig.

Herta B., auch 1933 geboren, beobachtete als Kind mit der Mutter Busse, die sie aufgrund der überpinselten Scheiben für Lastwagen hielt. Der Mutter war sofort klar, dass in den Wagen Behinderte wegfuhren und war sehr betroffen. Das Mädchen ahnte, dass sich dort etwas Schreckliches abspielte.

Im Rheingau riefen die Kinder auf der Straße, wenn sie die Busse nach Hadamar fahren sahen: "Da werden wieder welche vergast" oder "Da kommt wieder die Mordkiste". Wenn sich untereinander Kinder stritten, drohten sie den Streitkumpanen mit Sätzen wie: "Pass bloß auf! Sonst kommst du in den grauen Bus!"; "Du bist nicht recht gescheit, du kommst nach Hadamar in den Backofen!".

Alte Leute aus Brandenburg konnten sich an ein sehr makaberes Spiel aus ihrer Kindheit erinnern. In der Stadt Brandenburg, wo die Vernichtungsanstalt mitten in der Stadt lag, spielten die Kinder eine neue Variante von "Hase und Jäger". Der Jäger war in diesem Spiel ein Doktor. Die früheren Hasen waren nun Behinderte.

Vor dem Spiel malten die Kinder in einem größeren Abstand zwei Quadrate auf. In dem einen stellten sich alle Mitspieler bis auf den Doktor vor jedem neuen Spielzug auf, der Doktor startete aus dem anderen Quadrat. Wenn das Kind, dass den Doktor darstellte, schrie: "Alle Doofen" oder "Irre" mussten die Mitspieler Grimassen schneiden und wegrennen. Den Mitspieler, den der Doktor erwischte und abklatschte, musste ihm in sein Quadrat folgen und dort bis Spielende bleiben.

Rief der Doktor: "Alle Einbeinigen", versuchten die Anderen auf einem Bein hüpfend zu entkommen. Bei "Alle Krüppel" krabbelten sie auf allen Vieren weg. Die Wahrscheinlichkeit, einen Mitspieler zu erhaschen, war natürlich bei den "Einbeinigen" und "Krüppeln" am größten, sodass es am häufigsten gerufen wurde. Deswegen hieß das Spiel auch "Einbeiniger Krüppel".

Bei jedem Spielzug leerte sich das erste und füllte sich das zweite Quadrat. Waren in diesem dann alle bis auf einen Mitspieler, hatte der Doktor gewonnen. Das Quadrat des Doktors war die Gaskammer, das geleerte Quadrat die Irrenanstalt. Der siegreiche Doktor durfte nun seine gefangenen Mitspieler "vergasen", der übriggebliebene Mitspieler jubelte und war im nächsten Spiel der Doktor.

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Widerstand gegen die Mordfabriken

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches versuchten die beteiligten Pflegekräfte an der Euthanasie, einen Befehlsnotstand aufzuzeigen. Immer wieder hieß es, dass man bei der Euthanasie mitmachen musste, dass man keine Möglichkeit hatte, sich zu widersetzen, ohne das eigene Leben zu riskieren. Man hätte sich nicht den Befehlen widersetzen können. Außerdem hätte man "nur" ein Gesetz befolgt, was Hitler erlassen hatte und somit konnte man sich nicht strafbar machen. Hitler machte zwar Absichtserklärungen zu einem Euthanasiegesetz. Aber es wurde nie verabschiedet oder schriftlich fixiert.

Obwohl das Hartheimer Personal das Schloss nicht verlassen sollte, taten sie es doch. Soweit reichte der bedingungslose Gehorsam also doch nicht. Somit hatten sie Kontakt zur Bevölkerung. Und diese in der Gegend um Hartheim wusste Bescheid. Die Leute beobachteten unentwegt die ankommenden Busse. Auch wenn diesen Bussen später die Scheiben überpinselt wurden, weil die Gardinen von den Pfleglingen immer wieder beiseite geschoben wurden, um herauszugucken, war durch die Vorderscheibe dennoch erkennbar, dass die Busse voll besetzt waren. Etwa eine Stunde nach der Ankunft der Busse begann der Schornstein zu qualmen und ein widerlicher Gestank nach verbranntem Fleisch und Haaren verpestete die Luft. Auf den Feldern legte sich ein fettiger Ruß ab.

Es durfte nicht über die Vorkommnisse im Schloss gesprochen werden. Im Dorf wurden zwangsweise Versammlungen von der SS abgehalten, die die Leute der Gegend versuchten einzuschüchtern. Angeblich würden die Behinderten im Schloss nur sortiert und nach der Schwere der Behinderung auf andere Anstalten verteilt. Die SS drohte der Bevölkerung sehr unverhohlen, falls die "unwahren" Gerüchte über das Schloss nicht aufhörten, mit schlimmsten Konsequenzen. Aber da war aller Einschüchterung zum Trotz eine Magd aus Alkoven nahe dem Todesschloss. Begegnete sie einem SS-Mann oder jemandem aus dem Schloss auf der Straße, hielt sie sich demonstrativ ein Taschentuch vor Mund und Nase anstatt zu grüßen. Um anzuzeigen, dass sie den Verbrennungsgeruch der Leichen bemerkt.

Eine kleine Gruppe von jungen Bauern und Stahlarbeitern aus den Herrmann-Göring-Werken, die heutige VA Stahl-AG, verteilte Flugblätter und malte nachts Parolen gegen die Euthanasie. Diese Parolen dürften auch dem Hartheimer Pflegepersonal nicht entgangen sein. Die jungen Leute zahlten einen hohen Preis für ihren Widerstand. Als die Gruppe von einem Spitzel verraten wurde, verurteilte man sie zum Tode oder zu langen Haftstrafen.

Das Pflegepersonal war also mit Widerstand von Außen konfroniert, ohne für sich selber irgendwelche Schlüsse gegen ihre aktive Mitarbeit an tausenden Morden in Frage zu stellen. Doch ab und zu regte sich in den eigenen Reihen doch Widerstand. Da war der Krankenpfleger Franz Sitter aus der Ybbser Heil- und Pflegeanstalt. Er kam wie andere Pflegekräfte durch eine Dienstverpflichtung nach Hartheim. Im Gegensatz zu seinen "leidenden" Kolleginnen verweigerte er rundweg seine Mitarbeit, nachdem er einen Einblick in die Aufgaben seines neuen Arbeitsplatzes gewonnen hatte. Er verlangte um die sofortige Enthebung von seiner Dienstverpflichtung und erklärte dem Euthanasiearzt Lonauer, dass er lieber sofort einrücken wolle, bevor er dort arbeitete. Franz wurde in die Anstalt Niedernhart zurückversetzt. Ihm gelang es, nach neun Tagen das Horrorschloss wieder zu verlassen. Der Preis für sein couragiertes Auftreten war am 6. Februar 1941 die Einberufung in die Deutsche Wehrmacht. Ein Schicksal, dass er mit Tausenden anderer Österreichern teilte.

Angeblich soll es auch eine Kollegin gegeben haben, die direkt nach ihrer Ankunkt aus Hartheim floh. Ihre Existenz oder ihren Namen konnte ich nicht feststellen. Die Nazis ließen sie Berichten zufolge nach ihrer Flucht in Ruhe. Pfleger Franz und die unbekannte Schwester kannten also diesen Befehlsnotstand eigenartigerweise nicht. Man hatte sie beim Eintreffen in Hartheim darüber aufgeklärt, dass sie über ihre Arbeit außerhalb des Schlosses zum absoluten Stillschweigen verpflichtet seien. Solange sie sich daran hielten, passierten keine Repressalien.

Auch zwei Ärzte, Dr. Klaus Endruweit und Dr. Ewald Worthmann verweigerten in Sonnenstein die Mitarbeit am Euthanasieprogramm. Auch sie wurden zu Stillschweigen verpflichtet. Ansonsten erfuhren sie aus ihrer Weigerung keine Nachteile. Die Krankenschwester Josefine Messner aus Klagenfurt lehnte Tötungsaufträge an Patienten ab. Sie geriet deshalb mit der Oberschwester und Kollegen aneinander und wurde aus diesem Grunde auf eine andere Station versetzt. Die Strafversetzung konnte sie verschmerzen. Später bezeugte sie im Prozess gegen ihre ehemaligen Kollegen deren Verbrechen.

Zwei Krankenschwestern aus der Heil- und Pflegeanstalt Gugging wandten sich in ihrer Not an den Kaplan Müller aus Wien. Er riet den Frauen, nicht mehr an den Visiten des Dr. Gelny teilzunehmen oder zu kündigen. Sie setzten den Rat um und machten Schule. Wer den Visiten fernblieb, konnte auch Gelnys Mordaufträge nicht mehr entgegennehmen. Es wurden einsame Visiten. Der zivile Ungehorsam ging schließlich soweit, dass die dortigen Krankenschwestern und -pfleger die Medikamente, mit denen die ausgewählten Patienten ermordet werden sollten, einfach in den Ausguss kippten. Gleichzeitig drohten sie mit ihrer Kündigung, wenn man versuchte, sie zu Mordgehilfen zu machen. Es gab also sehr wohl Möglichkeiten, sich zu verweigern.

Problematisch war ganz zu Beginn der Widerstand außerhalb der Tötungsanstalten. Anfangs ahnten viele Anstaltsleiter, Ärzte und Pflegekräfte nicht, was die bevorstehende "Verlegung" ihrer Schützlinge bedeutete. Sie füllten die Meldebögen in dem Glauben aus, dass man beabsichtigte, ihnen die guten Arbeiter wegzunehmen, also Langzeitpatienten, die geistig relativ klar und körperlich fit waren. Man befürchtete, dass ihre Pfleglinge in Fabriken verheizt werden sollten. Um sie zu schützen, stuften sie die Betroffenen in ihrer Arbeitsfähigkeit als sehr gering ein. Und genau damit fällten sie das Todesurteil über diejenigen, die sie vor Schlimmen bewahren wollten. Nachdem sich aber das "Geheimnis" der Meldebögen und seiner Folgen herumsprach, versuchten Anstalten, sich gegen die Meldebögen zu wehren. Sie mussten dann oft mit größeren Schwierigkeiten rechnen, als wenn sich die Pflegekräfte in den Vernichtungsanstalten geweigert hätten. Denn sie agierten in der Öffentlichkeit. Und öffentlichen Widerstand duldeten die Nazis nicht und verfolgten ihn mit unerbittlicher Härte, auch, weil sie einen Steppenbrand befürchteten.

Die kleine Pflegeanstalt des Stiftes Schlierbach in Oberösterreich sollte geräumt werden. Dr. Rudolf Lonauer setzte im Frühjahr 1940 kurzerhand als Anstaltsleiter einen Pfleger namens Georg Keimberger aus Niedernhart ein, weil die in der Pflege arbeitenden Mönche seiner Meinung nach zu freundlich mit den Patienten umgingen. Pater Jakob Mühlbock, der frühere Anstaltsleiter, versuchte dennoch, seinen Schützlingen beizustehen. SS-Leute und Pfleger der Tötungsfabrik Hartheim hielten ihn im Mai 1940 in Schach und von seinen Betreuten fern, um die Selektion nicht behindern zu können. Am 20. Juni 1940 tauchte einer der grauen Postbusse in Schliersee auf. Die 100 Insassen der Anstalt mussten antreten, wieder wurde Pater Jakob Mühlbock vom Begleitpersonal des Busses abgedrängt.

Zweiundvierzig Namen wurden verlesen und aussortiert. Gegen Mittag verlud man sie in den Bus. Pater Mühlbock versuchte auf das fremde Pflegepersonal einzuwirken, dass seine Schützlinge sich wenigstens etwas überziehen dürfen und Mittagessen bekämen, da sie normalerweise um diese Zeit bereits gegessen hätten. Ohne Erfolg. Die lapidare Antwort hieß nur jedesmal, dass er sich keine Sorgen machen bräuchte, sie würden schon etwas bekommen. Zwei Pfleglinge benötigten Krücken. Pfleger aus Hartheim hoben sie in den Bus und ließen die Krücken draußen stehen. Als Pater Mühlbock wieder intervenierte, man müsse ihnen die Krücken nachreichen, da sie ohne diese hilflos seien, bekam er laut seinem Tagebuch von einem Arzt die Antwort: "Die werden sie ohnehin nicht mehr brauchen."

Pater Jakob Mühlbock schrieb weiter in seinem Tagebuch: "Ich hielt es nicht für möglich, dass diese Personen liquidiert werden sollten, aber die Äußerung des Arztes bestätigte doch diese Meinung." Hilflos musste der Pater mit ansehen, dass trotz seines massiven Protestes und Einsatzes, ungeachtet aller Drohungen und Einschüchterungen, auch seine restlichen Insassen im September 1940 abgeholt wurden. Der Großteil der bis dahin verbliebenen Schützlinge des Pater Mühlbock wanderte in die Gaskammer, einige wenige kamen in ein anderes Pflegeheim, wo sie der "wilden" Euthanasie durch Giftspritzen oder überdosierten Medikamenten zu Opfer fielen. Auch Anna Bertha Königsegg, Visitatorin der Barmherzigen Schwestern, versuchte, gegen den organisierten Mord anzukämpfen. 

Doch nicht die Pflegekräfte, die sich gegen die Tötungsindustrie wehrten, konnten das Morden beenden. Die Geheimsache Euthanasie zwitscherten inzwischen die Spatzen von den Dächern. Auch Elfriede F. in Görlitz hörte von den unfassbaren Vorgängen und war heilfroh, auf der Chirugie nicht damit konfrontiert zu werden. Die Unruhe in der Bevölkerung wuchs.

Besonders machten sich die Leute darüber Gedanken, ob nicht auch alte Menschen liquidiert wurden. Alte, die in ihrem Leben etwas geleistet hatten und vielleicht im Alter etwas verwirrt wurden. Gerüchte machten die Runde, dass man auch Altenheime räumen wolle. Zunehmend bemerkte man, dass man von der Euthanasie leicht selbst erwischt werden könnte, denn vom Alter bleibt keiner normalerweise verschont. Alte Leute fingen an sich zu weigern, in ein staatliches Krankenhaus zu gehen. Sie befürchteten, dass nach den Schwachsinnigen die Alten als "unnütze Fresser" dran kämen.

Sogar an der Front begann man sich Gedanken zu machen. Die Rotkreuzschwester Walburga, die während der Euthanasieaktion in einem Lazarett im Osten eingesetzt war, erinnerte sich an eine lebhafte Diskussion des Lazarettpersonals. Vorausgegangen war der Abwurf von Flugblättern aus den alliierten Flugzeugen mit der Galen-Predigt. Sie überlegte sich schon, ob sie nicht dem Führer einen Brief schreiben solle. Nicht, um jemanden zu denunzieren, sondern um Hitler zu bitten, die Bevölkerung und die Soldaten über die wahren Verhältnisse aufzuklären, damit die Gerüchte verstimmen sollten. Sie war fest überzeugt, dass ihr Führer es nie zulassen würde, dass etwas Unrechtes in Deutschland geschehe. Schwer geistig Behinderte "einzuschläfern" war für sie in Ordnung. dass aber auch andere Menschen Opfer sein sollten, konnte sie nicht glauben.

Immer lauter wurde die Frage nach der gesetzlichen Grundlage der T 4 - Aktion gestellt. Schließlich fühlte sich sogar der Reichsminister der Justiz veranlasst, im Reichsinnenministerium und bei Hitler selbst nachzufragen.

Nun wuchs auch kirchlicher Widerstand.

Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, schwor im September 1933 noch den Treueeid auf die Verfassung des Reiches und sprach sich gegen eine Einmischung der Kirche in politische Belange aus. 1936 beglückwünschte er Hitler zum Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland. Nationalistisch gesinnt forderte er zu Beginn des 2. Weltkrieges seine Diözese zur "Verteidigung des Vaterlandes" auf, warnte aber gleichzeitig vor Rachegefühlen und Gräueltaten. Doch zunehmend kam er mit dem Naziregime in Widerspruch. 1941 hielt Galen eine Reihe von Predigten gegen den Polizeistaat und die Euthanasie. Seine scharfen, mutigen Predigten brachten ihm den Beinamen "Löwe von Münster" ein.

Am 3.8.1941 bezeichnete Galen in einer Predigt in seiner ehemaligen Pfarrkirche St. Lamberti das Euthanasieprogramm als "glatten Mord" und erklärte, dass er die Verantwortlichen nach dem Strafgesetzbuch wegen Mordes anzeigen wolle. Mit dieser Predigt setzte Galen die braune Diktatur enorm unter Druck. In diesem Falle entstand im Ansatz nämlich so etwas ähnliches wie eine "Volksfront". Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Konservative, evangelische und katholische Christen, Atheisten, Zeugen Jehovas, Juden, Konservative, die Widerstandsgruppen wie die Weiße Rose, der Kreisauer Kreis, die Rote Kapelle, die Baum-Gruppe und viele andere, schrieben und druckten seine Predigt ab. Schnell war die Predigt in andere Sprachen übersetzt. So tauchten bald Flugblätter mit ihr in den gesamten besetzten Gebieten wie in Belgien, Frankreich, Holland, Polen und sonstwo auf. Britische Flugzeuge warfen tausende Exemplare mit der Predigt über Deutschland und der Front ab. Galens Predigt ging von Hand zu Hand.

Sogar linke Widerstandgruppen vervielfältigten seine Predigt. Die Nazis reagierten nervös. Da braute sich etwas zusammen, was ihnen entgleiten konnte. Einerseits wollten sie Galen verhaften und möglichst hinrichten, andererseits fürchteten sie erhebliche Unruhen in der Bevölkerung und an der Front, wenn sie gegen den bekannten und beliebten Kirchenmann Hand anlegten. Offiziell wurde daraufhin die Aktion T 4 eingestellt. Die Nazis beabsichtigten, Galen zu einem späteren Zeitpunkt zu beseitigen. So konnte er weiterhin als Bischof tätig sein, wurde aber von der Gestapo überwacht.

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Horror ohne Ende

Doch es war nicht das Ende des Grauens. Die zweite Welle der Wilden Euthanasie begann. Im Frühjahr 1941 trafen sich der Reichsführer SS Heinrich Himmler und der Leiter der Kanzlei des Führers Philipp Bouhler, der bereits die „Aktion T4“ durchgeführt hatte. Sie vereinbarten, die Konzentrationslager von arbeitsunfähigen Häftlingen zu „entlasten“. Die Aktion 14f13 (auch als  Sonderbehandlung 14f13 bezeichnet=„14“ für den Inspekteur der Konzentrationslager, „f“ für Todesfälle, „13“ für die Todesart) sonderte in den Konzentrationslagern psychisch Kranke und andere Häftlinge aus. Das Morden in den Mordfabriken Bernburg, Sonnenstein (bis August 1941) und Hartheim ging weiter.

Aktion 14f13 begann im April 1941. Ärztekommissionen, ehemalige T4-Gutachter, nahmen in den KZ´s die Selektionen vor. Die Lagerkommandanten hatten bereits Meldebögen nach dem Muster der Aktion T4 erstellt. So wurden die sogenannten „Ballastexistenzen“ listenmäßig erfasst. Die Ärztekommission entschied über ihr Leben und sandte den Meldebogen an die T4-Zentrale in Berlin. Die Häftlinge wurden dann von der Gekrat abgeholt. Ab April 1944 wurden die Häftlinge nicht mehr durch die Ärztekommission, sondern durch den Lagerarzt selektiert. In Hartheim wurden auch arbeitsunfähige Zwangsarbeiter, sowjetische Kriegsgefangene und ungarische Juden vergast. Die Aktion 14f13 endete erst im Dezember 1944. Es wird geschätzt, dass circa 20000 Menschen durch die Aktion 14f13 ermordet wurden.

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Die Verfolgung der Euthanasieverbrechen

In Österreich installierte man von 1945 bis 1955 die als Volksgerichte bezeichneten Sondergerichte, die die NS-Verbrechen aufklären sollten. Gegen mehr als 130.000 Personen ermittelte die Östereichische Justiz nach 1945 wegen Verbrechen in Verbindung mit der Euthanasie und erwischte doch nur die Spitze des Eisberges. Diese Ermittlungen sicherten aber letztendlich Quellen, die verhinderten, dass später die Euthanasiemorde einfach gänzlich vertuscht werden konnten. Die Untersuchungsergebnisse bewiesen, dass nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte maßgeblich an den Euthanasieverbrechen beteiligt waren. Gegen wieviele Ärzte, Schwestern und Pfleger zahlreicher Anstalten prozessiert wurde, ist nicht gesichert. Fünf Todesurteile in Österreich wurden bekannt, zwei gegen Ärzte, drei gegen Pflegekräfte. Bei zwei Pflegekräften wandelte man das Todesurteil in langjährige Zuchthausstrafen um. Etliche Täter entzogen sich einer Gerichtsbarkeit. Sie tauchten unter, begingen Selbstmord oder verschanzten sich hinter Krankheiten, durch die sie angeblich nicht prozessfähig waren. In der Wiener Nervenklinik für Kinder "Am Spiegelgrund" erwischte man nur eine Schwester per Zufall. Alle anderen Pflegekräfte verschwanden. In dieser Kinderfachabteilung starben 789 Kinder.

Im Allgemeinen fanden die mörderischen Pflegekräfte jedoch eher milde Richter. Fünf Krankenschwestern aus Ybbs  wurden freigesprochen. Da sie notdienstverpflichtet waren, hätten sie nicht gewusst, wohin sie kamen. Die Schwestern gaben übrigens vor Gericht an, dass sie in Hartheim nur Putzarbeiten ausführten und nichts von Vergasungen mitbekommen haben, was ihnen das Gericht aber nicht glaubte. Ein Pfleger aus der Vernichtungsanstalt Hartheim wurde wegen Mittäterschaft zu einer Haftstrafe verurteilt. Ihm konnte nachgewiesen werden, dass ihm völlig klar war, was Hartheim bedeutete. Er stimmte der Arbeit dennoch zu, um nicht als Soldat an die Front zu müssen. Sein Pech war, dass einer seiner ehemaligen Kollegen Franz Sitter hieß. Der kehrte 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurück und sagte in dem Prozess aus.

Zwei Pfleger aus der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart, dem Durchgangsheim für Hartheim, erhielten längere Haftstrafen wegen Beihilfe zum Mord. Der Dritte im Bunde zog Selbstmord einer Bestrafung vor. Sie hatten auf der Station V, der Todesabteilung, bei der Ermordung durch Tabletten und Injektionen bei mehreren hundert Patienten geholfen.

Vier Schwestern und fünf Pfleger der Heil- und Pflegeanstalten Gugging bei Wien und Mauer-Öhling in Niederösterreich erhielten teilweise sehr hohe Haftstrafen. In diesen Anstalten starben hunderte Patienten durch medikamentöse Überdosierungen oder durch Starkstrom durch aktive Teilnahme des Pflegepersonals. Zwar nahm das Gericht zur Kenntnis, dass der Arzt Dr. Gelny Druck auf sie ausgeübt haben soll. Allerdings widersetzten sich andere Pflegekräfte erfolgreich diesem Arzt.

Eine Krankenschwester aus der Wiener Nervenklinik für Kinder "Am Spiegelgrund" kam für acht Jahre hinter Zuchthausmauern. Eigentlich war sie lediglich in einem Prozess gegen Ärzte als Zeugin geladen. Sie verstrickte sich in ihren Aussagen. Diese Falschaussagen brachte das Gericht auf die Spur, dass es sich bei dieser Zeugin nur um eine Mittäterin handeln könnte. Sie wurde noch im Gerichtssaal verhaftet. Später gestand sie, als Stationsschwester vierundzwanzig Kinder mittels Tabletten oder Spritzen eigenhändig ermordet zu haben. Die wahre Zahl ihrer Opfer konnte nicht ermittelt werden. Eine ihrer Kolleginnen wurde später Leiterin eines privaten Kinderheimes. Die Säuglingsschwester bestritt jegliche Teilnahme an den Kindermorden und sagte dazu nur: "Wir waren als Schwestern dabei, wenn einer der Ärzte, insbesondere auch Dr. Illing, den Kindern Spritzen gab. Im Einzelfall war es für uns jedoch nicht ersichtlich, um was für Spritzen es sich handelte." Es sei ihr aber "uangenehm" gewesen, "zusehen zu müssen, wie die Kinder getötet wurden".

In der Irren- und Siechenanstalt des Landeskrankenhauses Klagenfurt beteiligte sich Pflegepersonal an der Beseitigung von wenigstens 900 Patienten. Im Rahmen der "wilden Euthanasie" führten sie selbstständig die Tötungsaufträge des Arztes Dr. Niedermoser mit brutalsten Mitteln durch, der dem Pflegepersonal das Mordgeschäft vollständig überließ. Die Pflegekräfte setzten dabei Mordzeitpunkt und Tötungsmethode eigenverantwortlich fest. Die Oberschwester, eine Schwester und ein Pfleger wurden des Mordes und der Mittäterschaft an Morden überführt und zum Tode verurteilt. Der Pfleger verübte in der Zelle nach der Urteilsverkündung Selbstmord. Die Schwestern begnadigte man später zu zwanzigjähriger beziehungsweise zu lebenslanger Zuchthausstrafe. Vier weitere Schwestern und ein Pfleger leisteten ihnen Gesellschaft. Sie erhielten ebenfalls langjährige Zuchthausstrafen. In diesem Prozess sagte die Krankenschester Josefine Messner als Zeugin aus.

Nicht nur in Krankenanstalten schlugen Pflegekräfte zu. In der "Arbeitsanstalt für asoziale Frauen Steinhof" misshandelten sie ihre "Patientinnen" auf übelste Art. In dieser Anstalt landeten Mädchen und Frauen, die man als "asozial" denunziert hatte. Gedemütigt und erniedrigt zwang man sie zu schwersten körperlichen Arbeiten. Auch in Klosterneuburg existierte eine "Arbeitsanstalt für asoziale Frauen". Hier arbeiteten dienstverpflichtete Schwestern der "Caritas Socialis". Berüchtigt waren die "Speiberten", Injektionen, die heftiges stundenlanges Erbrechen auslösten. Diese Injektionen verabreichte das Pflegepersonal. Deswegen verurteilte das Gericht drei Schwestern und zwei Pfleger zu langjährigen Haftstrafen. In einem skandalösen Wiederaufnahmeverfahren wurden dann die Strafen gesenkt oder Angeklagte freigesprochen. Eine glatte Watsche für die gequälten Frauen.

Diese Tendenz hielt an. Zunehmend interessierte sich die Justiz immer weniger für das Thema Euthanasie. Die Verurteilten saßen in der Regel nicht die volle Haftzeit ab. In zahlreichen Anstalten wurde die "wilde Euthanasie" überhaupt nicht aufgearbeitet. Pflegekräfte, die ihre Patienten durch Nahrungsentzug und Verwahrlosung vorsätzlich töteten, schwiegen und vertuschten. Der größte Teil der Öffentlichkeit, als Täter, Mitläufer, Jubler, Jasager, Schweiger und Wegseher war die Konfrontation mit dieser Zeit unangenehm, lästig. Allzu schnell hörte man die öffentliche Stimme, es müsse endlich Gras über die Sache wachsen, Schluss gemacht werden mit der Aufarbeitung dieser Zeit. Solchen Forderungen kam die Justiz angesichts der eigenen Nazivergangenheit gerne und bereitwillig nach, auch die Österreichische, die wenigstens anfänglich noch die Euthanasieverbrechen etwas konsequenter und intensiver verfolgte.

Denn die deutsche Justiz tat sich noch schwerer mit der Verfolgung der Euthanasietäter. Sieben Pflegerinnen und Pfleger erhielten 1947 vom Schwurgericht Frankfurt am Main Freiheitsstrafen zwischen zwei und acht Jahren im Hadamar-Prozess. Vierzehn Angeklagte sprach man auf Kosten der Staatskasse frei. Das gleiche Gericht urteilte 1948 über sechs Pflegerinnen und Pfleger, die überwiegend in Hadamar und Grafeneck töteten.

Eine von ihnen, Pauline Kneissler, wechselte als Pflegerin 1940 von Berlin-Buch nach Grafeneck, später nach Hadamar und Kaufbeuren. Sie wusste 1945 nach ihrer eidesstattlichen Erklärung nicht mehr, wieviele Morde sie im Auftrage des Innenministeriums ausgeführt hatte, da es zu viele Personen waren. Sie hatte die Patienten "abgespritzt". Vor Gericht sagte sie aus, dass der Tod manchmal sehr schnell, meistens aber erst am zweiten oder dritten Tag eintrat. Das Schwurgericht Frankfurt am Main verurteilte sie zu vier Jahren Zuchthaus, die sie aber nicht im Gesamten absitzen musste. Das Gericht bewertete ihre Morde als "Einschläferung". Überlebende berichteten aber von Gewaltanwendung und qualvollen Todeskämpfen. Pauline Kneissler trat im März 1950 in Berlin wieder ihren Dienst als Pflegerin an, bis sie 1963 pensioniert wurde.

Über die anderen Pflegerinnen Minna Zachow, Korsch und Gumbmann verhängte das Gericht Urteile mit einem Strafmaß von maximal dreieinhalb Jahren Haft. Das Gericht entschuldigte die geringen Strafen damit, dass die Pflegerinnen "lange Jahre, teilweise Jahrzehnte, ihres Lebens dem Dienst in der Krankenpflege gewidmet, insbesondere in der besonders undankbaren Irrenpflege..... Der Staat, dessen Propaganda sie jahrelang ausgesetzt gewesen waren, verlangte von ihnen Unrecht zu tun. Ihre ärztlichen Vorgesetzten..... gingen ihnen auf dem Weg des Unrechts voran."

Im Grafeneck-Prozess gab es unter den Beschuldigten nur Widerstandskämpfer. Sie hätten alle mitgemacht, um Schlimmeres zu verhindern. Wobei die Frage im Raume hängen blieb, was es denn eigentlich Schlimmeres gäbe, als Menschen zu demütigen, zu quälen, ihnen die Würde zu rauben und sie dann eiskalt umzulegen? Ein Pfleger und eine Pflegerin wurden freigesprochen.

Das Schwurgericht Augsburg befasste sich mit den Morden in Kaufbeuren und der Zweiganstalt Irsee. Die Krankenschwestern Wörle und Rittler und der Pfleger Heichele kamen mit 18, 21 und 12 Monaten Freiheitsentzug davon. Das Schwurgericht kam zur Ansicht, dass Frau Wörle viele Jahre ihr Leben dem entsagungsvollen Dienst der Irrenpflege gewidmet hätte und durch den dauernden Umgang mit abnormen Menschen dem normalen Ablauf des Geschehens entrückt sei, sodass sie die Auswirkungen der ihr erteilten Tötungsaufträge nicht immer ganz zutreffend gewürdigt habe. Für Herrn Heichele sprach seine "ausgesprochene subalterne Natur". Frau Rittler machte es ihren Richtern richtig schwer, sie herauszupauken. Die Dame war nämlich bereits aus der T 4 - Aktion ausgeschieden und bat 1944 um Wiedereinstellung. Ihr Mann war übrigens in Bernburg und Treblinka eingesetzt. Doch auch in ihrem Falle fand das Gericht Gründe für Milde. Sie sei nicht vorbestraft und im Schwesternberuf leiste sie eine jahrelange Tätigkeit der Nächstenliebe. Auch Berufsverbote sprach das Gericht nicht aus, da keine weitere Gefährdung der Allgemeinheit gesehen wurde.

Eine Krankenschwester, die man wegen Ladendiebstahls verhaftet, muss mit einer Vorstrafe im Führungszeugnis rechnen. Das kann sehr schnell ihr berufliches Aus bedeuten. Das heißt nicht, dass ich einen Ladendiebstahl als Kavaliersdelikt sehe oder dazu aufrufen will. Aber die verurteilten Mörderinnen und Mörder der sogenannten Euthanasie kehrten anstandslos in ihre Berufe zurück. Die Gesellschaft nahm sie wieder mit offenen Armen auf. Leute wurden später nicht geächtet, die Menschenleben auf dem Gewissen hatten. Was ist das für ein Rechtsempfinden, für ein Verhältnis?

Damit ermordete man die Opfer ein zweites Mal. In dem Moment, wo man sie totschweigt, nimmt man den Menschen ohne Grabstelle, ohne Namen den letzten Rest ihres Daseins, ihrer Würde. Nach kürzester Zeit triumphierten ihre Henker, bauten sich unangetastet ihre bürgerlichen Existenzen auf, lebten als anerkannte Mitglieder dieser Gesellschaft. Und Pflegekräfte wie beispielsweise ich hatten eine große Chance, ahnungslos unter diesen Verbrechern zu arbeiten. Unbemerkt von ihrer kriminellen Gesinnung beeinflusst zu werden. Und unbefangen Haltungen und Ansichten an die nächste Generation weiterzugeben und an der Verbreitung des faschistischen Giftes mitzuwirken. "Die Gnade der späten Geburt"? Es wäre eine Gnade gewesen, wenn wirklich aufgeklärt, wenn wirklich die Wahrheit ans Licht gekommen wäre. So ist "die Gnade der späten Geburt" der Fluch der Orientierungslosigkeit in einem Sumpf der Lüge, der Fluch des Vertrauensbruches, der Fluch des Missbrauchtwerdens und der Fluch der Hilflosigkeit.

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Gewusst haben es Alle

Inge G., geboren 1922, kam 1940, also mitten in der Euthanasiewelle, durch den Arbeitsdienst in die jetzige psychiatrische Landesklinik in Weinsberg. Dadurch wurde sie als Jugendliche mit Geisteskranken konfrontiert. Später erinnerte sie sich an ihr Entsetzen über die Insassen. Als sie sich mit Pflegekräften unterhielt und die ihr berichteten, dass die ganz "Schlimmen" bereits abgeholt waren, fand sie es völlig in Ordnung. Denn damals war sie der Ansicht, dass man den Opfern etwas Gutes tat, wenn man sie "einschläferte".

Immerhin hatte diese Frau den Mut, später ehrlich zuzugeben, dass sie nicht nur von der T4-Aktion wusste, sondern seinerzeit die Euthanasie akzeptierte. Angesichts der Propaganda, der sie während ihrer Schulzeit ausgesetzt war und dem Erlebten wird ihre Reaktion verständlich und nachvollziehbar. Auf jeden Fall ist so eine ehrliche Aussage mehr wert als das tausendfache: "ich habe von Nichts nichts gewusst." Denn ihr Bericht erlaubt eine Auseinandersetzung und ein Nachdenken.

Nichts gewusst zu haben, war außerdem bereits im Vorfeld fast unmöglich. Aus seinen Ansichten, Vorhaben und Zielen hatte Adolf Hitler nie ein Geheimnis gemacht. In seinem Buch "Mein Kampf" stand alles drin. Die Verbrechen waren angekündigt. Von daher ist es sehr erstaunlich, dass die meisten Leute erzählten, dass sie in die Zeit reingeschlittert seien und nicht wussten, was auf sie zukam. "Mein Kampf" war ein Bestseller und so ziemlich jede Familie müsste ein Exemplar gehabt haben. Woran lag es?

An erstaunlich vielen Analphabeten in Deutschland, die gerade noch so den Buchtitel beim Kauf entziffern konnten? An den vielen Möchtegernintellektuellen, die sich ein Buch kauften, um es ins Regal zu stellen als Beweis für ihre Bildung? Im Frühjahr 1941 wurde der NS-Propagandafilm "Dasein ohne Leben" gezeigt. Hatten sämtliche Zuschauer bei der Vorstellung tief und fest geschlafen? Es ist richtig, dass unter der Naziherrschaft ein großer Leistungsabfall bei den Schülern stattfand. Aber gleich so, dass sie nicht einmal mehr in ihre Schulbücher sahen?

Die Fortbildungsmaßnahmen zur Euthanasie begannen in der Psychiatrie 1937 weit vor den Massentötungen. Im Oktober 1939 nahmen die Oberpflegerinnen Alice Grabowski, Anna Hagedorn, Helene Kirchhoff, Hedwig Lange, Elise Müller, Amanda Reinke, Klara Riedel, Bertha Wels und die Oberpfleger Oskar Hecht, Otto Schulz, Richard Stindt, Paul Süssbier, Walter Ulbricht, Friedrich Weber, Johannes Zimmer der Berlin-Bucher Anstalt an einer Schulung zu den Meldebögen teil. Hatten die etwa auch nichts gewusst?

Bei Gesprächen zwischen Margarete Dörr und Zeitzeuginnen stellte es sich heraus, dass von diesen Frauen fast alle Bescheid wussten. Bald jede Frau kannte einen Menschen im Verwandten- oder Freundeskreis, der in einer Anstalt plötzlich verstarb. Ihnen war auch damals bewusst, dass diese Menschen "gestorben worden sind". Es wurde von Familien berichtet, die ihre Angehörigen nach Hause holten, um sie zu retten. Auch die Lastwagen wurden von vielen beobachtet, die die Behinderten in die Tötungsanstalten fuhren.

Franz-Josef Müller berichtete auf der CD "Erinnern für Gegenwart und Zukunft" vom Februar 1940: "Von unserm Hof ist drei Kilometer weg eine Anstalt für geistig behinderte Leute. Die haben zum Teil bei uns auf'm Hof, also im Dorf gearbeitet. Die waren beschränkt arbeitsfähig, aber die hat man eigentlich so, wie soll ich's nennen, so wie ein Kind, ein größeres Kind behandelt. Die konnten mitarbeiten, aber man hat keine volle Arbeitskraft erwartet. Die bekamen auch nichts bezahlt, außer Essen und Trinken und dann vielleicht mal zu Weihnachten oder Ostern fünf Mark, oder so. Aber dann hatten die die dann aus der Anstalt weg. Und die verschwanden, die verschwanden.

Und ein Bekannter im Dorf, der dort arbeitete, wurde von, ich weiß nicht, ich glaub von meiner Mutter gefragt, warum der denn nicht mehr käme oder die nicht mehr käme. Der sagte: ´Der kann nicht kommen.´ ´Ja wieso?´ ´Der ist weg.´ ´Was heißt weg? Was ist der weg?´ Und da machte der, (im Interview machte Hr. Müller den Bekannten von damals nach und fuhr sich mit dem Finger über den Hals, um anzudeuten, dass man sie umbrachte) er sagte: ´lch darf darüber nichts sagen ...´ und beim zweiten ´weg´ sagte er und meine Mutter hat das verstanden, und sie hat gesagt: ´Was ist denn los?´ In so einem Dorf, drei Kilometer weg, erfährt man alles. Nicht ein Einziger war mehr da und hat gearbeitet. Also die sind auf der Schwäbischen Alb umgebracht worden. Das wusste ich nach sechs Wochen. Grafeneck hieß das Ding, bekannt, viel publiziert worden jetzt drüber. Da wurden Tausende durch Spritzen umgebracht."

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