Ausbildung Alten- und Krankenpflege


Kirchen unterm Hakenkreuz: Übersicht

 Evangelische Kirche             Die katholische Kirche              Zeugen Jehovas               Judentum

 

Die Kirchen blieben von der braunen Diktatur und versuchten Gleichschaltung nicht unangetastet. Im christlich geprägten Deutschland musste es Hitler gelingen, die Kirchen entweder auszuschalten oder einzugliedern, um seine Macht abzusichern und zu festigen. Seitens der evangelischen Kirche hatte er zunächst leichtes Spiel.

 

 

Evangelische Kirche

 

 

Die "Deutschen Christen" waren überwiegend begeisterte Anhänger der Nationalsozialisten. Sie strebten eine Reichskirche lutherischer Prägung an für Christen der arischen Rasse und wurden von den Nazis logischerweise gefördert. Anfangs schien es auch so, dass sie im Nazistaat die Oberhand gewinnen könnten. Doch aus der kirchlichen Opposition entwickelte sich die Bekennende Kirche, die auf die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat pochte und sich als rechtmäßige evangelische Kirche in Deutschland verstand.

Ein relativ kleiner Teil der Bekennenden Kirche bezog eindeutig Position zu den Naziverbrechen und leistete auch aktiven Widerstand. Diese unterschiedlichen Strömungen schwächten logischerweise die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit.

Die gespaltene Entwicklung der evangelischen Kirche machte sich auch bei Pflegekräften deutlich. Evangelische Krankenschwestern und -pfleger waren schwer einschätzbar. Da gab es ohne weiteres Pflegekräfte, die zum Beispiel das Euthanasieprogramm mittrugen. Dabei beriefen sie sich auf Luthers ablehnende Haltung gegenüber missgebildeten Kindern. Gleichzeitig verurteilten Mitglieder der "Bekennenden Kirche" schärfstens die Massenmorde an Menschen mit Behinderung und begründeten ihre Haltung mit dem fünften Gebot.

Unpolitisch? Diakonissen marschieren mit auf einer Parade

Diese fast unüberbrückbaren Einstellungen reichten bis zu den Diakonissen. So berichteten mir übereinstimmend mehrere Diakonissen aus Berlin-Lichterfelde, dass sie gerüchteweise von Diakonissen im Land Brandenburg gehört hatten, die ein Heim für behinderte Kinder leiteten. Ohne direkte Anweisung sollen sie in der Nazizeit viele ihrer Zöglinge durch Essenentzug und Verwahrlosung getötet haben, die sie als nicht "lebenswert" erachteten. Eine Diakonisse hätte deswegen aus Gewissensgründen um ihre Versetzung gebeten und sei nach Berlin übergesiedelt.

Nach dem Kriege hätten diese Diakonissen in dem Heim weitergearbeitet, als wäre nichts geschehen. Später machten sie in der DDR aus der Einrichtung eine Art Vorzeigeheim und wurden mehrmals aufgrund ihrer vorbildlichen Pflege lobend herausgestellt. Leider konnten sich die alten Damen nicht mehr daran erinnern, wo sich dieses Heim befand, sodass ich nach dem Mauerfall nicht über den Wahrheitsgehalt der Gerüchte nachforschen konnte.

Es spricht aber sehr viel dafür, dass diese Geschichte den Tatsachen entspricht. Denn immer wieder gerieten in den vergangenen Jahren evangelische Einrichtungen in die Schlagzeilen, weil alte Akten oder Dokumente zum Vorschein kamen, die derartige Vorfälle bestätigten. Solange das alte Personal in den Einrichtungen arbeitete, wurde vertuscht und geschwiegen, sodass die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit erst sehr spät einsetzte.

Ich war immer sehr stolz auf meine Urkunde über die staatliche Anerkennung als Altenpflegerin. Sie bescheinigte mir, dass ich 1983 die Altenpflegerprüfung an der "Fachschule für Altenpflege am Evangelischen Johannesstift Berlin-Spandau" ablegte. Der Johannesstift galt als Vorzeigeeinrichtung und die Fachschule stand im Ruf einer Eliteschule. Der Johannesstift war für mich ein Ort der Menschlichkeit und über jeden Verdacht erhaben.

Nachdem fünf Jahrzehnte später Informationen durchsickerten, dass auch der Johannesstift im Euthanasieprogramm der Nazis verstrickt war und Zwangsarbeiter, auch im Pflegedienst, beschäftigte, war ich ersteinmal geschockt und mochte es nicht glauben. Besonders schlimm empfand ich es, dass erst so spät die Vergangenheitsbewältigung in dieser Einrichtung begann. Ich fühlte mich verraten, systematisch belogen und entwickelte ein tiefes Misstrauen gegenüber Zeitzeugenberichten, auch auf die Gefahr hin, diesen Unrecht zu tun. Heute betrachte ich meine Urkunde überwiegend mit sehr gemischten Gefühlen: Hauptsächlich Trauer und Enttäuschung.

 
 

Die katholische Kirche

 

 

Der katholischen Kirche standen die Nazis unverhohlen feindselig gegenüber. Die Bischöfe erkannten sehr schnell die Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus und reagierten ihrerseits mit einer ablehnenden Haltung gegen das Naziregime. Anfangs um Verbündete bemüht, erklärte Hitler am 23.3.1933 im Reichstag, dass er die Länderkonkordate respektiere und die Rechte der Kirchen nicht antasten würde. Obwohl die Bischöfe vorher sehr deutlich die kirchenfeindliche Ideologie sahen, arrangierten sie sich augenblicklich mit den neuen Machthabern und forderten nun ihre Gläubigen dazu auf, ihre staatsbürgerlichen Pflichten gegenüber der herrschenden Obrigkeit zu erfüllen. Nach dem Reichskonkordat im Juli 1933 begeisterten sich sogar viele Katholiken für den Nationalsozialismus, trotz deren Weltanschauung.

Im Juli 1935 proklamierte der Reichsinnenminister "die Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens". Viele Nationalsozialisten vertraten jedoch keinen reinen Atheismus, ihre häufig geäußerte "Gottgläubigkeit" bestand aus einem wilden Gemisch von mystischen Anleihen aus dem Heidentum verbunden mit Personenkult und Aberglauben, zugespitzt auf den "Führer" als Heilsbringer. Zwanzig bis dreißig Jahre nach Beendigung des II. Weltkrieges hörte ich von vielen alten Leuten, dass sie nicht konfessionsgebunden, aber gottgläubig seien. Das imponierte zahlreichen Jüngeren, die in dieser Haltung eine Kritik an den etablierten Kirchen erkennen wollten. Ich kannte viele Kolleginnen und Kollegen der Nachkriegsgeneration, die, stolz auf ihre gesellschaftskritische und antifaschistische Haltung das "Kapital" von Marx noch im Schlaf rauf- und runterwiederkauend, jene Alten hofierten, die mit ihrer "Gottgläubigkeit" ihren angeblichen Widerspruchsgeist bewiesen. Nach den Wurzeln dieser Weltanschauung forschten sie nicht. Ein Beispiel am Rande, wie der Nazigeist sein Gift noch in spätere Generationen träufelte.

Die katholische Kirche unter Hitler musste bald erkennen, dass sich die Nazis an keine Vereinbarungen oder Versprechungen hielten. Die katholischen Jugendverbände wurden aufgelöst, etliche kirchliche Einrichtungen geschlossen. Besonders im Bildungsbereich und in der Kindererziehung versuchten die Nazis, den Einfluss der katholischen Kirche zurückzudrängen, um ihre Vorstellungen von Kinder- und Jugendarbeit durchzusetzen. Vielerorts mussten katholische Schulen aufgeben. Klösterliche Lehrkräfte verloren ihre Arbeit. In und um Passau herum wurden beispielsweise im Frühjahr 1937 über zwanzig Ordensschwestern, die als Lehrerinnen in Mädchenvolksschulen lehrten, aus dem Schuldienst gedrängt. Viele dieser Ordensschwestern wechselten zwangsweise in die Pflege und arbeiteten bei der Caritas oder leisteten Lazarettdienste, denn pflegerische Aufgaben überließen die Nazis notgedrungen den Christen, weil die eigenen Reserven in der Pflege nicht ausreichten.

Katholische Einrichtungen galten insgesamt als Horte des passiven und aktiven Widerstandes. Und sehr viele Katholiken, auch Ordensschwestern, gingen deutlich in Opposition, wie beispielsweise Margarete Armbruster, Schwester Restituta, Anna Bertha Königsegg (Siehe Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege) oder Schwester Sebastiana. Wenn man sich also mit Pflegekräften im Nationalsozialismus und Widerstand beschäftigen möchte, muss man nicht unbedingt katholisch sein, um zu erkennen, dass man an den Ordensschwestern nicht vorbei kommt.

Ordensschwestern repräsentierten offen die katholische Kirche und als Teil der Caritas waren sie nach dem DRK in der größten Schwesternorganisation der Nazizeit. Ihre Ausgangsposition deutete folglich daraufhin, dass sie eine eindeutige Haltung gegen Hitler einnehmen müssten, da das klösterliche Leben im Dritten Reich zahlreiche Beeinträchtigungen erfuhr. Dazu dürfte es sich innerhalb der Orden herumgesprochen haben, wie die Nazis gegen Ordensschwestern vorgingen, die aus Überzeugung vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertierten und ins Kloster eintraten wie Edith Stein, die als Karmelitin Schwester Teresia Benedicta 1942 in Auschwitz ermordet wurde (Siehe Virtuelles Denkmal Gerechte der Pflege).

Aber auch bei den Ordensschwestern war die ablehnende Haltung gegen die Nazis nicht durchgängig und oft genug beugten sich viele entgegen ihrer eigenen Überzeugung dem Terror und der Gewalt. Zum Beispiel war Schwester Godefrieda (Anna Lindner) nicht ganz so überzeugend in ihrer Haltung gegen die Nationalsozialisten. Die Barmherzige Schwester war Oberschwester in Niedernhart. Auch sie widersetzte sich standhaft gegen Tötungsaufträge des Euthanasiemörders Dr. Lonauer. Ihr in diesem Punkt eindeutiges Verhalten wurde dadurch beschädigt, dass sie die Transportlisten für die Patienten übernahm, die nach Hartheim in die Gaskammer geschickt werden sollten.

Auch die Rolle der Ordensschwestern in Hutthurm bei Passau war zweifelhaft. Für eine gläubige Katholikin müsste die Ansicht zur Abtreibung klar sein. Dazu kam, dass Abtreibungen oder Sterilisierungen für Reichsdeutsche strengstens verboten waren. Aber am 11. März 1943 ordnete der Reichsärzteführer Schwangerschaftsabbrüche für "Ostarbeiterinnen" und Ukrainerinnen an, wenn "die Frauen damit einverstanden seien". Nur sind ganz allgemein diese Frauen nie nach ihrer Meinung gefragt worden, auch nicht, als man sie zwangsverschleppte. Dieser Erlass wurde im September bekannt und die deutsche Bischofskonferenz erhob dagegen Einspruch. Als Reaktion auf diesen Protest setzte die Reichsärztekammer noch einen drauf und genehmigte auch Abtreibungen an Polinnen. Der Einspruch der Bischofskonferenz müsste sich auch bis Hutthurm herumgesprochen haben. Das Krankenhaus in Hutthurm erlangte nämlich traurige Berühmtheit, weil dort etwa 220 Zwangsabtreibungen an diesen sogenannten Ostarbeiterinnen durchgeführt wurden.

Wieweit diese Frauen mit der Ermordung ihrer Kinder einverstanden waren, lässt sich am Sallacher Säuglingsheim verdeutlichen. Etwa 120 Polinnen, Ukrainerinnen und Weißrussinnen zwang man, dort zu entbinden. Die Kinder nahm man ihnen weg. Angeblich kamen sie zur besseren Betreuung in ein Säuglingsheim, damit die Frauen ungestörter arbeiten könnten. Die Mütter wussten genau, dass sie ihre Kinder nie wiedersahen. Verzweifelt bettelten und weinten sie um ihre Kinder. Manche Bauern setzten sich für ihre Zwangsarbeiterinnen ein, indem sie beantragten, dass das Kind bei ihnen aufwachsen dürfe. Es wurde nicht genehmigt. Die Neugeborenen wurden mit verdorbener Milch gefüttert und starben meist nach wenigen Tagen. Man kann also davon ausgehen, dass die Frauen nicht freiwillig zur Abtreibung kamen.

Verantwortlich für die Schwangerschaftsabbrüche in Hutthurm waren Dr. Clarenz und Dr. Max Hartmann. Ihre Opfer kamen aus dem gesamten Regierungsbezirk Niederbayern und benachbarten Regierungsbezirken. Natürlich fühlten sich die Ärzte später für ihre Verbrechen nicht schuldig, weil sie ja "nur" den Anweisungen des Reichsärzteführers folgten und "die Vorschriften einhielten". Neben den Abtreibungen, die Hartmann teilweise selbst befahl, terrorisierte er noch zusätzlich seine Umgebung, indem er für drei Mitbürger Schutzhaft anordnete und vier ins KZ brachte. Man verurteilte ihn zwar zu acht Jahren Arbeitslager, danach durfte er aber wieder selbstverständlich als Arzt praktizieren. 

Im Dezember 1943 informierte der Pfarrer von Hutthurrn das Bischöfliche Ordinariat in Passau über die Abtreibungen in dem Krankenhaus. Dr. Clarenz hätte das Kind einer polnischen ledigen Mutter im Mutterleib zerstückelt. Die Frau wäre angeblich mit dem Eingriff einverstanden gewesen. Weitere Abtreibungen sollten folgen, wobei die Vorgehensweise bei verheirateten Zwangsarbeiterinnen noch unklar sei. Und der Pfarrer wies darauf hin, dass Ordensschwestern der Barmherzigen Schwestern bei den Abtreibungen halfen. Bei drei Abtreibungen erteilte die Oberin die Narkose bei den polnischen Frauen, eine andere Ordensschwester assistierte. Nachdem diese bei einer Abtreibung in Tränen ausbrach, nahm Dr. Clarenz "Rücksicht auf die Nonne". Er zerstückelte nicht wie geplant den sieben Monate alten Embryo, sondern entfernte das Kind im Ganzen aus dem Mutterleib. Das Kind lebte noch eine halbe Stunde, sodass die Ordensschwestern noch eine Nottaufe vornehmen konnten. Der Tod des Kindes stand nie in Frage.

Der Generalvikar in Passau wies die Oberin darauf hin, dass es sich bei einem derartigen Eingriff um Mord handle und sprach ein eindeutiges Verbot aus, zukünftig an solchen Eingriffen teilzunehmen. Eine Hebamme sollte dafür herangezogen werden. Die Oberin sollte darüber den Arzt in Kenntnis setzen. Das tat sie auch, als Dr. Clarenz am nächsten Tag ihre Beteiligung an einer erneuten Abtreibung forderte. Daraufhin drohte ihr dieser mit der Gestapo und schlimmen Folgen für den Orden. Bei der fünfzehnten Abtreibung war die inzwischen angeforderte Hebamme verhindert, woraufhin der Arzt die Ordensschwestern auf übelste Art beschimpfte, da er aufgrund ihrer Weigerung die Abtreibung alleine vornehmen musste. Im April 1944 berichtete die Oberin von drei bis fünf Abtreibungen täglich in ihrem Haus. Sogar im achten Monat würden voll lebensfähige Kinder "abgetrieben". Inzwischen assistierte ein Ukrainer bei den Operationen, der eventuell Medizin studiert hatte. Inzwischen stellte es sich auch heraus, dass die Zwangsarbeiterinnen sich nicht freiwillig dem Eingriff unterzogen. Streng katholische Arbeitgeber, überwiegend Bäuerinnen, zeigten in der Regel die Schwangerschaften der Ostarbeiterinnen an, nicht diese selber.

Später wusste Niemand Nichts von diesem ungeheuerlichen Skandal. Angeblich gab es 1983 in dem Gemeindearchiv keinerlei Unterlagen, 1985 konnte die Krankenhausverwaltung von Hutthurm nicht überzeugend darstellen, wohin ihre Unterlagen verschwunden waren. Und auch die katholische Kirche litt unter massivem Gedächtnisverlust betreffs der Kindermorde in Hutthurm. Dass erst ein Generalvikar Ordensschwestern über das fünfte Gebot aufklären musste, um nach dem dritten Kindesmord deren weitere Teilnahme an Abtreibungen zu unterbinden, lasse ich lieber unkommentiert. Diese Beispiele zeigen, dass auch die katholische Kirche einen historischen Klärungsbedarf hat und es an der Zeit wäre, die Vergangenheit offen und ungeschönt aufzuarbeiten. Der evangelischen Kirche stünde es natürlich auch gut zu Gesicht.

 

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Zeugen Jehovas

 

Wer sich absolut nicht "gleichschalten" ließ, waren die Zeugen Jehovas, die als Glaubensgemeinschaft deshalb bereits 1933 verboten wurden. Ich lernte 1983 einen Vertreter dieser Glaubensrichtung kennen, der mehrmals hintereinander mich morgens um 9°° h bekehren wollte. Da ich als Dauernachtwache arbeitete, wurde ich irgendwann sehr ungehalten, denn regelmäßig holte er mich, gerade eingeschlafen, aus dem Bett. Er begriff zwar langsam, akzeptierte dann aber, dass man mich vor 15°° h nicht ansprechen durfte. Allerdings befand ich mich im Irrtum, als ich dachte, ich hätte diese Glaubensgemeinschaft erfolgreich abgeschüttelt.

Nun klingelte es jeden Tag, solange wie ich in Berlin-Neukölln wohnte, pünktlich um 15°° h an meiner Wohnungstür. Die alte Dame, die den Verkündigungsdienst von dem zuerst erschienen jungen Mann übernommen hatte, war ausgesprochen zuverlässig Mein Wecker war überflüssig geworden und um Papier zum Anzünden des Brennholzes in meinem Kachelofen brauchte ich mir auch keine Sorgen mehr machen. Irgendwann erzog ich sie dazu, mit meinem Ersatzwohnungsschlüssel leise meine Wohnung zu betreten und ersteinmal Kaffee zu kochen. Schließlich hatte ich auch stets Hagebuttentee im Haus, ein widerliches Gesöff, aber sie liebte ihn und vertrug den Kaffee nicht.

Abgesehen von den diversen Weltuntergangsprophezeiungen schätzte ich sehr bald ihre Gesellschaft. Irene G. war 1915 in Berlin geboren. Ich erfuhr viele Einzelheiten über die Zeugen Jehovas im Dritten Reich. Irene entging einer Verhaftung. Als Kinderschwester begleitete sie ihre englischen Arbeitgeber bereits 1934 nach London und blieb dort bis Kriegsende. Ihr Bruder und ihr Vater richteten die Nazis als Wehrdienstverweigerer hin. Ihre Freundin war Kinderpflegerin. Nach 1945 fand Irene heraus, dass SS-Leute im KZ Ravensbrück sie auf brutalste Weise erschlagen hatten, weil sie sich beim Zählappell schützend vor eine schwerkranke Mitgefangene, eine Kommunistin, stellte, die aus Schwäche zusammengebrochen war. Eine Krankenschwester im selben Konzentrationslager bezahlte mit ihrem Leben den Versuch, ein Neugeborenes vor dem Ertränken zu retten und zu verstecken. Eine andere Krankenschwester überlebte die 25 Stockhiebe nicht, die sie bekam, weil sie sich weigerte, Blutwurst zu essen. Man kann über die Zeugen Jehovas denken, wie man will. Aber hätten die großen Kirchen nur halb so konsequent von Anfang an den Nazis die Stirn geboten wie die Leute mit dem lila Winkel, wäre bei der christlichen Mehrheit dieses Landes vielleicht ein Adolf Hitler gescheitert.

 

Maria Günzl, die von 1939 - 1942 im KZ Ravensbrück inhaftiert war, schrieb in der Haftzeit ein Gedicht über die dortigen Bibelforscherinnen ( aus: Maria Günzl; Trost im Leid; Stuttgart 1976):

 

 

Die Bibelforscher

 

Den hunderten Bibelforscherfrauen

sei zu Ehre und Achtung gesagt,

dass ihre religiösen Lieder

am Sonntag-Nachmittag

allen Häftlingen im Lager Herz und Hirn erbauten.

 

Sie blieben immer treu ihrem Glauben,

dass Befreiung nah...

Trotz aller Qualen im Bunker, dem finsteren Haus,

wo sie zu Hunderten eingekeilt,

nur Wasser und Brot zugeteilt,

als Strafe,

dass sie nicht zu Hitlers Geburtstag

Kränze gebunden,

wurden sie gemartert und geschunden.

 

Als sie nach Wochen schrecklichster Qual

entlassen aus dem Marterstall,

schwankten sie

wie lebende Leichen die Lagerstraße hin...

Da war es auch mit uns geschehn:

Wir weinten und beklagten,

was man ihnen angetan.

 

 

 

Judentum

 

Um es vorneweg zu sagen: Antisemitismus war keine Erfindung der Nazis, den gab es schon vorher. Der bestehende Antisemitismus war aber für die Nazis die Chance, einen Sündenbock für alles zu haben, ein Feindbild zu schaffen und sich ungeniert bereichern zu können. Über den Holocaust gibt es genügend Literatur und es würde hier den Rahmen sprengen, das aufarbeiten zu wollen.

„Den Juden“ gibt und gab es nicht. Das Judentum ist genauso facettenreich wie das Christentum oder der Islam. In einem Punkt herrschte Einigkeit: alle Juden wurden verfolgt, egal ob assimiliert, atheistisch, orthodox, liberal, konservativ, reformiert, konvertiert. Und die unterschiedlichen jüdischen Glaubensrichtungen wurden in Deutschland für Jahrzehnte ausgerottet.

Es gab Menschen, die sich als Deutsche identifizierten und überhaupt keine Verbindung zum jüdischen Glauben hatten wie Margot S. aus Berlin. Ihre Grundhaltung besonders gegenüber othodoxen Juden war eindeutig antisemitisch und rassistisch. Farbige, Sinti, Roma, Slawen waren in ihren Augen minderwertige Menschen, Sozialdemokraten oder Kommunisten die Landesverräter. Eigentlich überzeugte Monarchistin arrangierte sie sich schnell mit den neuen Machthabern. Vermutlich wäre sie eine stramme Nationalsozialistin geworden, wenn man sie gelassen hätte. Ihre Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits stammten aus Lemberg, waren jüdische Polen. Da hatte die blonde, blauäugige DRK-Schwester plötzlich ein Problem.

Das war kein Einzelfall. Margit Frankau (sie hatte 1916 den Mädchennamen ihrer Mutter angenommen, geboren war sie als Margit Rosenthal), war evangelisch und stammte aus einem deutsch-nationalen Elternhaus. Im I. Weltkrieg wurde sie mit dem silbernen Ehrenzeichen des Roten Kreuzes mit der Kriegsdekoration für ihre Arbeit bei verwundeten Soldaten ausgezeichnet. Die Krankenschwester symphatisierte mit dem Nationalsozialismus. Als sie die Heiratspapiere besorgte, um ihren Verlobten, einen „Burschenschaftler“ zu ehelichen, kam ihre jüdische Abstammung heraus. Ihr Verlobter trennte sich sofort von ihr. 1934 trat sie in die Gallneukirchner Diakonissenanstalt ein. 1941 brach ihre Welt zusammen. Sie musste den Judenstern tragen.

Auch die Diakonissen Johanne und Ernestine Aufricht hatten keinerlei Bezug zur jüdischen Religion. Sie kamen als Halbwaisen als Kleinkinder in ein evangelisches Kinderheim, wurden mit Erlaubnis des Vaters getauft und wuchsen im evangelischen Glauben auf. Der Berufswunsch der Schwestern stand früh fest. Sie wollten Diakonissen werden. Trotz Proteste der Kaiserswerther Diakonie wurden die Schwestern nach Theresienstadt deportiert.

Daran wird deutlich, dass die jüdische Religion nicht ausschlaggebend war für die Verfolgung. Viele Juden fanden erst durch ihre Verfolgung zum jüdischen Glauben. Manche verloren aber auch ihren Glauben, weil der Herr diese Verbrechen duldete.

 
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