Ausbildung Alten- und Krankenpflege


Opfer der Euthanasie Übersicht:

Lebensschicksale unterm Hakenkreuz Menschen mit Down - Syndrom Abwasch oder Tod
Edelweiß-Piraten Schafott Psychiatrie Erna Kronshage
Anna Maria Sepperl-Depperl Elvira Manthey

 

 

Lebensschicksale unterm Hakenkreuz

Im täglichen Arbeitsalltag ist es für Pflegekräfte unmöglich, gleichgültig zu sein. Wir kennen unsere Patienten, unsere Bewohner, unsere Betreuten. So mancher "schräge Vogel", über den wir am Anfang eher entsetzt sind, gewinnt mit der Zeit unsere Sympathien, trotz aller Macken. Da amüsieren wir uns plötzlich über Dinge, die wir einem anderen Menschen unter Umständen sehr übel nehmen würden. Irgendwie ist in der Pflege immer, unwissenschaftlich ausgedrückt, das Herz dabei. Es ist zwar ein ständiger Kampf mit der nötigen Distanz, um auch abschalten zu können, aber ohne die Nähe zu den betreuten Menschen könnten wir pflegerisch eigentlich einpacken.

Es sind gerade die persönlichen Bindungen, die den Beruf interessant, spannend und liebenswürdig gestalten, denn an der Bezahlung, Prestige oder den Arbeitsbedingungen kann es wirklich nicht liegen, wenn wir immer wieder den Dienst antreten. Da gibt es wahrlich bessere Verdienstmöglichkeiten, ohne Schichtarbeit, ohne drückende Verantwortung und vor allem ohne den blindwütigen Bürokratismus, der in den letzten Jahrzehnten auf uns vermehrt einprasselte. Es ist doch wirklich eine Verhohnepipelung, wenn ich täglich in einer Dokumentation abzeichnen muss, dass ich einen Patienten nicht in seinem Malheur liegen gelassen habe. Sollte das der Fall sein, wäre es nämlich eine Körperverletzung. Das ist also eine Selbstverständlichkeit, egal mit oder ohne Abhakung der erbrachten Leistung. Aber ich werde gezwungen, für einen selbstverständlichen Inkontinenzmaterialwechsel ein Kürzel bei A 5 zu machen.

Unsere schlauen Bürokraten merken aber nicht, dass Patienten mit irgendwelchen Leistungskürzeln zu Buchstaben und Nummern werden. Irgendwann wird ihnen noch ein codiertes Etikett auf den Allerwertesten geklebt, damit ich wie die Kassiererin bei Aldi mit einem Lesegerät drüber fahren kann, um die erbrachte Pflegeleistung abzurechnen. Die bürokratische Entwicklung in der Pflege ist gefährlich. Nicht der ist unbedingt eine gute Pflegekraft, der sich zu dem Patienten setzt und den Menschen wahrnimmt, sondern der, der die Dokumentationen am schnellsten und besten führen kann. Und Papier ist geduldig. Was zählt schon "psychosoziale Betreuung"? Eine Injektion, die ist handfest, die darf man unter Inj. 1 abrechnen.

Für das Personal der Tötungsanstalten waren Patienten nur die Nummern zwischen den Schulterblättern, die mit den Listen übereinstimmen mussten. Für manche abgebende Anstalten waren es Menschen mit Gefühlen, mit Marotten, mit einer Persönlichkeit. Der heutige Bürokratismus in der Pflege behagt mir nicht. Wer lange mit Menschen mit geistigen oder psychischen Handicaps gearbeitet hat, weiß genau, wie die Gesellschaft auch heute noch auf diese Menschen reagiert. Sie sind die Personengruppe, die die geringste Lobby hat. Wir, die Pflegekräfte, kennen die Einzelschicksale dahinter. Wir, die Pflegekräfte, reagieren persönlich. Wir, die Pflegekräfte, sollten ihre Anwälte sein. Und keine Bürokraten! Ich kenne kaum eine Pflegekraft, die sich nicht über den Schreibkram, der von der Pflegezeit abgeht, aufregt. Aber alle machen mit. Mensch - woher kenne ich das?

Nähert man sich der Geschichte und beschäftigt sich auch noch mit der Euthanasie, nutzen Statistiken oder Fakten manchmal wenig, wenn man die betroffenen Personen dazu nicht vor Augen hat. Es bleibt abstrakt. So gilt dann für viele das Ammenmärchen, was die Nazis in die Welt setzten, dass "nur" schwerstbehinderte Menschen getötet wurden, ohne jegliche Lebensqualität, ohne eine Möglichkeit, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Und genau das ist eine glatte Lüge. Die Pflegekräfte, die an den Nazimorden beteiligt waren, wussten das sehr genau. Auch mussten sie klar erkennen, dass die "Auslesekriterien" niemals eingehalten wurden.  Somit erübrigten sich jegliche Verteidigungsversuche, dass sie nicht die Möglichkeit hatten, den Massenmord deutlichst als solchen zu begreifen.

In dem Moment, wo ein Mensch vor einem steht, beginnen normalerweise die grauen Zellen zu rattern. Da beginnt man schon aus eigenem Antrieb, hinter die Kulisse zu gucken. Darum fahndete ich nach Menschen, die von der Euthanasie betroffen waren. Um zu verdeutlichen, mit welchen Menschen es die Mordschwestern und Mordpfleger zu tun hatten. Neben bereits veröffentlichten Lebenserinnerungen erzähle ich hier auch von Schicksalen, die mich persönlich sehr bewegten. Weil ich diese Menschen kannte und mochte. Und weil sie keine Zahlen sind, mit denen man als mögliche Opferzahlen herumjongliert, um die Verbrechen zu beweisen.

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Menschen mit Down - Syndrom

Von 1979 bis 1981 arbeite ich in einem privaten kleinen Pflegeheim in Berlin. Dort lernte ich Klaus und Kurt kennen. Beide hatten ein Down - Syndrom und waren sehr anhängliche liebenswerte Menschen. Klaus war ein wenig eigenwillig. Stundenlang beschrieb er alles, was er erwischen konnte und irgendwie beschreibbar war. Akurat hielt er auch auf unliniertem Papier die Linien ein. Er bastelte sich aus Papier Briefumschläge und zeichnete fein säuberlich Briefmarke und Adresse herauf. Aus einer gewissen Distanz heraus sah es so aus, als würde sein Geschriebenes eine richtige Schrift sein, was beim näheren Hinsehen allerdings nicht stimmte. Die Pflegekräfte in dem Heim, die Klaus mochte, schenkte er dann seine Briefe. Ich verwahre bis zum heutigen Tage unzählige seiner Liebeserklärungen an mich in brieflicher Form in einer Mappe. Immer wieder stellte Klaus unter Beweis, dass er über ein gehöriges Maß an "Bauernschläue" verfügte. In der heutigen Zeit hätte er mit Sicherheit bei entsprechender Förderung die sogenannten Kulturtechniken erlernt.

Aber er erhielt nie eine Förderung, denn er kam zu Beginn der Nazizeit zur Welt. Klaus überlebte die braune Diktatur in der Speisekammer der elterlichen Wohnung. Ständig lebten die Eltern unter dem Druck, Klaus bloß ruhig zu stellen und zu halten, damit niemand das Kind bemerkte, was sie in der Kammer versteckten. Einige unbekannt gebliebene Nachbarn bekamen es dennoch mit und schoben heimlich Lebensmittelkarten unter der Wohnungstür der Familie durch. Sonst wäre es vermutlich bei den kargen Lebensmittelzuweisungen nicht gelungen, den Jungen durchzubekommen.

Bei den Bombenangriffen suchte Klaus´ Mutter den Luftschuzbunker auf, um kein Aufsehen zu erregen. Er blieb alleine in seinem Bett in der Kammer. Einmal waren durch die Druckwelle einer Bombe sämtliche Fensterscheiben des Hauses zerborsten. Als die Mutter zurückkehrte, saß Klaus in seinem Gitterbett inmitten von Glasscherben. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Eine größere Verwundung oder eine schlimme Erkrankung wären für ihn tödlich gewesen. Seine Mutter hätte niemals einen Arzt konsultiert aus Angst um das Leben ihres Sohnes. Erst in den letzten Kriegstagen, als niemand mehr an den Endsieg glaubte und "das Dritte Reich" dabei war, sich aufzulösen, wagte es die Mutter, Klaus in den Luftschutzbunker mitzunehmen.

Wann sollte Klaus laufen lernen, wo er doch jahrein, jahraus in seinem Gitterbett in der Speisekammer zubrachte? Wie sollte er in dieser Kammer den Umgang mit Menschen erlernen? Klaus lernte nach dem Krieg dennoch laufen. Er lernte, sich in der fremden Welt außerhalb seiner Kammer zurechtzufinden. In unserem Heim gelang ihm nach einer Weile die Eingewöhnung. In dieser Einrichtung gab es kein Personal, dass eine heilpädagogische Ausbildung besaß. Dennoch machte Klaus trotz seines Alters unentwegt Fortschritte in seiner Entwicklung. In dem Mann steckte ganz viel Potential, Kreativität und Lebensfreude.

Auch Kurt wurde bis Kriegsende vor den Nazis verborgen gehalten. Sein "Kinderzimmer" war zunächst ein Kellerverschlag, später ein Zwischenboden im Bad. Er war eher der, der Unterstützung und Hilfe in unserem Heim benötigte, besonders durch seine Inkontinenz. Andererseits besaß er eine starke Persönlichkeit. Kurt fiel durch seine außergewöhnliche Sensibilität auf. Er witterte jedes Problem, spürte sofort, wenn etwas nicht in Ordnung war. Manchmal nahm er Schwierigkeiten wahr, die man selbst noch nicht erkannte. Er drängte sich nie auf, aber er war da, tröstend und ermunternd. Auf eine sehr eigene Art. Man lernte, wenn man sich auf ihn einließ, zu sehen. Nicht das große Ganze. Er hatte ein Auge für die alltäglichen Details, die man selber gar nicht beachtete. Oft fragte ich mich in seiner Gegenwart, ob ich blind sei.

Gerhard, der Cousin meiner Freundin, ebenfalls behindert durch ein Down - Syndrom, hatte mehr Glück als Kurt und Klaus. Seine wohlhabende Familie verfügte über bessere Möglichkeiten, ihn zu schützen. Dazu kam, dass sein Behinderungsbild nicht so sehr auffallend war.

Seine Mutter setzte alles daran, ihren Sohn so intensiv wie möglich zu fördern. Alles trat in den Hintergrund, auch die Bedürfnisse seines Bruder, um Gerhard an den Leistungsstand der gleichaltrigen Kinder heranzuführen. Sein Bruder wurde, selber ein Kind, sehr schnell in die Verantwortung für den jüngeren eingebunden. Nur deshalb konnte Gerhard bis zur vierten Klasse unauffällig die Volksschule besuchen. Dann machte sich seine Behinderung doch langsam intellektuell bemerkbar.

Die Mutter zog daraufhin mit den Jungen von Berlin auf das Land, um ihn so den neugierigen Blicken zu entziehen. Die finanziellen Mittel der Familie gestatteten zwar Gerhard ein fast kindgerechtes Aufwachsen, dennoch spürte er jahrelang in seiner Kindheit die Angst und das bedrückende Gefühl der Bedrohung. Auch sein Bruder, ein späterer Universitätsprofessor, entkam dem Schatten dieser Zeit nie, was sich später besonders durch seine Überbesorgtheit gegenüber Gerhard äußerte.

Nach dem Tod seines Bruders erbte Gerhard eine große Stadtvilla in Berlin. In dem Haus sicherten die verschiedenen Mietparteien seinen Lebensunterhalt. Gerhard wohnte dort jahrelang selbständig. Er versorgte sich und seine Wohnung alleine. Dank der Hilfe einer Nachbarin, die ihn bei bürokratischen Dingen unterstützte, benötigte er keine Betreuung.

Erstaunlich war sein historisches Wissen. Mühelos konnte er Jahreszahlen zu geschichtlichen Ereignissen zuordnen. Außerdem beschäftigte er sich mit Fremdsprachen. Erst im Alter war er auf Pflege angewiesen. Er kam nach dem Tode seines Bruders in ein Pflegeheim, was er selber finanzierte.

Das dortige Personal nahm den Mann trotzdem nicht für voll aufgrund seiner Behinderung und besaß im Umgang mit Geistigbehinderten keinerlei Qualifikation. Gerhard, der bei seinem Eintritt in das Pflegeheim körperlich noch absolut fit war, wurde regelrecht zum körperlichen Pflegefall "gepflegt". Bevor er noch zu Tode "gepflegt" werden würde, holte ihn schließlich meine Freundin aus dem Heim heraus und übernahm selber seine Pflege mit Unterstützung einer Sozialstation. Auch da war Gerhard Selbstzahler.

Seine Vermögensverhältnisse gestatteten ihm überwiegend ein selbstbestimmtes Leben. Er fiel nie dem Staat zur "Last". Nie musste ein einziger "Steuergroschen" für ihn aufgewendet werden.

Klaus, Kurt und Gerhard hatten außer der Behinderung noch etwas gemeinsam: sie konnten überleben, weil die Frauen, die ihnen in die Welt halfen, der Meldepflicht nicht nachkamen. Vermutlich begünstigt durch die Anonymität der Großstadt wagten sie es, stattdessen die Eltern zu warnen. Es gab also Pflegekräfte, die Kinder dem mörderischen Zugriff der Nazis entzogen, weil sie sich den Anordnungen widersetzten. Eine Ehrung erfuhren diese Hebammen für ihren persönlichen Widerstand aber nie.

Und die Menschen mit Down Syndrom wurden auch nicht als Naziopfer oder Verfolgte des Naziregimes anerkannt. Dementsprechend erhielten sie auch keinen Pfennig Entschädigung. In der Zeit ihrer Heimaufenthalte in der aufgeklärten, fortschrittlichen und humanen Bundesrepublik Deutschland bestand ihre Pflege in der "Verwahrung" durch nicht ausreichend geschultes Pflegepersonal. Sie erhielten keine Förderung oder Wiedergutmachung. Oft genug waren sie später Diskriminierungen als Geistigbehinderte ausgesetzt, auch von Seiten einiger nicht aufgeklärter Personen aus Pflegeberufen. Ein fairer Umgang miteinander war keine Selbstverständlichkeit. Der beschränkte sich auf verantwortungsvolle Angehörige, verständnisvolle Mitbürger oder einzelner engagierter Pflegekräfte.
 
Den Verwandten, denen es irgendwie gelungen war, ihre Kinder vor der Vernichtung zu bewahren, die jahrelang mit der Angst im Nacken lebten, die über sich selbst hinauswuchsen, erfuhren zu keiner Zeit in irgendeiner Form eine Anerkennung für ihre Bemühungen. Eher kämpften sie auch nach der Nazizeit mit Vorurteilen und Stigmatisierung. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, zeigt bis heute eine deutliche Lernbehinderung betreffs Menschen, die "der Norm" nicht entsprechen. Wir Pflegenden müssen nun nicht unbedingt anfangen, zu dichten. Aber die Sache mit dem Denken sollten wir schon ausprobieren.

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Abwasch oder Tod

Edith wurde 1924 im Havelland geboren. Sie wusste nicht, wieviele Geschwister sie hatte. Es waren nach ihren Angaben viele, um die zehn herum. Der Vater schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, die Mutter war restlos überfordert mit den vielen Kindern. Nach einer erneuten Geburt starb sie. Da die Kinder grob verwahrlosten, wurden die Behörden eingeschaltet. Mit zwei Geschwistern wurde die Fünfjährige nicht etwa in ein Kinderheim eingewiesen, sondern in eine Anstalt für Geisteskranke. Wo diese Geschwister verblieben, konnte sie nicht sagen. Sie hatte die kleineren Schwestern das letzte Mal bei der Aufnahme in der Anstalt gesehen.

Ich lernte Edith mit 71 Jahren bei einer Bekannten kennen, die sich um sie kümmerte. Da lebte sie mit einem Alkoholiker zusammen, der aber absolut gutmütig war und ihr viel Verständnis entgegenbrachte. Edith besuchte nie eine Schule, lernte nie lesen und schreiben. Sie wuchs in der Anstalt auf und half kurz nach ihrer Einlieferung bereits in der Küche mit. Später lernte sie in der Anstalt nähen, wurde in der Pflege miteingesetzt, bevorzugt bei den Tuberkulosekranken, arbeitete in der Wäscherei und verrichtete gärtnerische Tätigkeiten. Die Anstalt kassierte also für Edith die Unterbringungskosten, versorgte sie denkbar schlecht, billigte ihr keinerlei Rechte zu und gleichzeitig musste sie überhart arbeiten. Freizeit, kurzweilige Beschäftigung oder eine Abwechslung vom Arbeitsalltag gab es nicht für sie.

"Ich musste immer nur arbeiten und wenn ich nicht spurte, setzte es Ohrfeigen". Das Ganze nannte man "Arbeitstherapie". Da sie im Krankensaal schlief, fand sie oft durch unruhige Patientinnen keine ausreichende Nachtruhe. Dadurch war Edith häufig massiv übermüdet, ihr Arbeitspensum aber blieb. Nie hätte sie es gewagt, in irgendeiner Form zu protestieren. Die Sterberate in der Anstalt war extrem hoch. So hoch, dass keiner Edith einzuschüchtern brauchte.

Auf dem Gelände der Anstalt wuchsen auch Obstbäume. Edith sollte die Falläpfel für die Küche einsammeln. Ein Krankenpfleger von der Männerstation, groß und kräftig, den alle Patienten fürchteten, ertappte das immer hungrige Mädchen dabei, dass sie einen Apfel verschwinden ließ. Er schlug auf sie ein. Als sie bereits hilflos am Boden lag, traktierte er sie wie ein Wahnsinniger mit Fußtritten. Sie versuchte, mit den Händen ihr Gesicht zu schützen.

Eine junge Krankenschwester namens Martha ging unerschrocken dazwischen, wobei sie von dem Kerl auch etwas abbekam, und rettete damit Edith vermutlich das erste Mal das Leben. Mit Prellungen und Hämatomen am ganzen Körper und drei gebrochenen Fingern ahndete der Pfleger den Diebstahl eines madigen Apfels. Schwester Martha schiente ihr provisorisch die Finger. Alles tat weh. Edith schleppte sich dennoch mühsam zur Arbeit. Die Schiene entfernte sie noch am selben Tag. Sie hinderte zu stark bei den Tätigkeiten. Denn gebrochene Finger waren kein Grund, die "Arbeitstherapie" zu unterbrechen. Ohne Ruhigstellung dauerte es lange, bis sie wieder halbwegs schmerzfrei zupacken konnte. Die Finger blieben schief und bewegungseingeschränkt.

Am nächsten Tag schenkte ihr Martha zum Trost eine Puppe. Fast vergaß Edith darüber die quälenden Schmerzen. Das erste Mal in ihrem Leben bekam sie etwas geschenkt. Nicht einmal die Kleidung, die sie trug, gehörte ihr selber. Und nun hatte sie etwas Eigenes. Schwester Martha war so etwas wie ein Engel für Edith. Sie war nett, schikanierte sie nicht und steckte ihr ab und zu heimlich etwas zum Essen zu, denn die Krankenkost war allgemein erbärmlich. Mit ihrer Puppe konnte sie leider nie spielen. Sie versteckte sie im Gartenhaus hinter den Gartengeräten. Im Krankensaal hatte sie weder Schrank noch Nachttisch, nur ausschließlich ihr Bett. Sie befürchtete, dass ihre Mitpatientinnen ihr die Puppe weggenommen oder zerstört hätten. Jeden Tag schlich sie einmal in den Geräteschuppen, vergewisserte sich, dass die Puppe noch da und heil ist. Die Haare der Puppe wurden licht. Die Mäuse hatten an dem Puppenhaar Gefallen gefunden.

Mit etwa 16 Jahren erkrankte Edith (ihre Zeitangaben waren sehr ungenau, was auch daran lag, dass sie keine Uhrzeit kannte) an einer Grippe. Sie lag mit hohem Fieber im Bett. Ausgerechnet Schwester Martha, die sie so sehr verehrte, kam und riss das fiebernde Mädchen, dass sich kaum auf den Beinen halten konnte, aus dem Bett. Die Pflegekraft riss ihr die Sachen vom Leibe, zog ihr die Kleidung der Küchenfrauen an und schubste sie mit ziemlicher Gewalt in die Küche. Das sonst relativ faire Küchenpersonal traktierte sie mit Faustschlägen und Tritten, bis das schwerkranke Mädchen endlich anfing, Töpfe zu scheuern.

Die Insassen dieser Anstalt wurden "verlegt". Eine Insassin war unauffindbar. Die Anstalt wurde nach ihr abgesucht. Auch durch die Küche liefen Pfleger, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Edith spürte die Gefahr, in der sie war. Sie blieb in der Ecke mit den Spülbecken und wusch weiter ab. Am Abend war der Krankensaal leer.

Die folgenden Tage und Nächte verbrachte Edith in dem winzigen eisekalten Zimmer der Schwester Martha. Auf einer alten Matratze auf dem Fußboden, zugedeckt mit einer verschlissenen Wolldecke, erholte sie sich trotzalledem von der Grippe. Dann brachte man sie im benachbarten Haus der Tuberkulosepatienten unter. Es grenzte an ein Wunder, dass sie sich dort nicht ansteckte.

Ihre Lebensretterin verschwand für Edith unangekündigt und plötzlich 1945 aus der Anstalt. Die Oberin und die schlimmsten Nazipflegerinnen blieben. Auch der Pfleger, der sie wegen des Apfels so schwer misshandelte. Nun waren alle überzeugte KommunistINNen und ein Kollektiv. Edith vermutete, dass Schwester Martha zum Kriegsende rausgeekelt oder gekündigt wurde, um eine mögliche Zeugin zur früheren Nazigesinnung der Anderen loszuwerden. Die "Befreiung" ging an Edith unbemerkt vorüber. Nach Kriegsende wurde bald das Lazarett in der ehemaligen Psychiatrie aufgelöst.

Zuerst zogen überwiegend verrückt gewordene ehemalige Soldaten ein oder Frauen aus den Flüchtlingstrecks, die auf der Flucht den Verstand verloren hatten. Edith erinnerte sich, dass viele Frauen durch Vergewaltigungen Geschlechtskrankheiten hatten. Sie musste deren Wäsche wie die Tb - Wäsche zuerst ins Desinfektionsbad packen. Die angestellten Wäschefrauen weigerten sich konsequent, Wäsche von Infizierten anzulangen. Daher waren prinzipiell Anstaltsinsassen für die erste Desinfektion zuständig. Auch die Sortierung der Schmutzwäsche gehörte zu ihrer Aufgabe. Kleidung oder Bettsachen mit Erbrochenem oder Stuhlgang sollte sie vorreinigen, damit sich das Personal nicht ekelte. Hygienische Beratung, Gummihandschuhe, Händedesinfektion oder sonstige Schutzmaßnahmen waren kein Bestandteil der "Arbeitstherapie". Für die Wäscherinnen in "Brot und Lohn" gehörte es selbstredend zur Grundausstattung.

In die Anstalt kamen eines Tages russische Soldaten. Edith hatte an sie keine schlechten Erinnerungen. Nach ihrer Aussage benahmen sie sich sehr ordentlich, besichtigten das Haus und verschwanden wieder. Die Pflegekräfte schickten Edith zur Hausführung vor. Sie selber machten sich lieber "dünne". Einer der Soldaten schenkte ihr zum Abschied eine Schachtel Zigaretten. Edith konnte es gar nicht richtig glauben, dass diese Männer die Flüchtlingsfrauen so übel behandelt hatten.

Eine Pflegerin beobachtete, dass Edith das Päckchen Zigaretten bekam. Sie rauchte nicht, hätte also den Verlust verschmerzen können. Aber die Zigaretten gehörten ihr, außerdem kannte sie den Wert der Glimmstengel als Zahlungsmittel und es ging ihr um das Prinzip. Die Pflegerin prügelte solange auf sie ein, bis sie ihr das Versteck der Zigaretten verriet.

Ohne Überprüfung wurde Edith vom Tuberkulosehaus in die Psychiatrieabteilung zurückgebracht. Sie wäre gerne im Tb - Haus geblieben. Zwar musste sie dort genauso hart arbeiten, konnte sich aber mit anderen Patienten vernünftig unterhalten und genoss die überwiegend ungestörten Nachtruhen. Die Verpflegung war dort besser und die Behandlung humaner. Schweren Herzens siedelte sie hinüber, zumal ihr jetzt auch noch dort ihr Schutzengel fehlte.

Im siegreichen Kommunismus lebte sie also als Psychiatrieinsassin, wie gewohnt, zwischen harter Arbeit und Schellen weiter. Auch die DDR legte großen Wert auf "Arbeitstherapie". Ihre Puppe im Gartenhaus hatte inzwischen eine totale Glatze. Erst 1991 nahm man sich ihre Akten vor. Ohne ihr Zutun und gegen ihren Willen wurde sie entlassen, eigentlich eher herausgeschubst. Bis dahin kannte sie als einzige Lebenswelt nur diese Anstalt.

Keine Angehörigen, kein Geld, keine Wohnung, keine Rehabilitations- oder Eingliederungsmaßnahmen - der "versoffene" Dieter nahm sie und ihre glatzköpfige Puppe auf. Ihr wurde ein Betreuer zugeteilt, der sich für ihr Schicksal nicht interessierte und sie der Einfachheit halber am liebsten wieder in eine Einrichtung untergebracht hätte. Dieter machte Gelegenheitsarbeiten bei meiner Bekannten.

Diese lernte dadurch Edith kennen und übernahm nach langen Streitereien mit dem Betreuer und ewigen bürokratischem Gezerre selbst die Betreuung. Mit 68 Jahren lernte Edith mühsam von meiner Bekannten lesen und schreiben. Mit 72 Jahren zeigte sie mir voller Stolz eine Banküberweisung, die sie selber ausgefüllt hatte. Mit 74 Jahren beantwortete sie mir meine Frage nach der Uhrzeit, die sie von ihrer Armbanduhr, einem Geschenk meiner Bekannten, ablas.

Dieter besaß ein altes, schäbiges Haus am Dorfrand. Bedingt durch seine Alkoholsucht war das Haus sehr verlottert. Er ahnte vermutlich nicht, welch einen Glücksgriff er mit Edith machte, als er sie aufnahm. Bald war das Haus sauber und bewohnbar. Mit Dieters schnellen körperlichen und geistigen Abbau übernahm sie zunehmend die Verantwortung für Haus, Garten und Mann. Eine anpackende Frau, sehr leise, überaus bescheiden, zufrieden und ausgeglichen. Keine Spur an Verbitterung war bei ihr feststellbar.

Mit jedem kleinsten Fortschritt oder Erfolg wuchs ihr Selbstbewusstsein. "Nein, der Dieter, der kommt nicht in eine Anstalt. Dafür sorge ich." Still lächelte die Puppe bei ihren Worten, auf der Couch sitzend, zustimmend vor sich her. Sie hatte wieder Haare. Karin wollte das Puppenmonster eigentlich gegen eine viel schönere Puppe austauschen. Da war nichts zu machen. Edith ließ die "Selektion" nicht zu. Damit hatte sie Erfahrung. Schließlich bezahlte Karin den Puppendoktor.

Heute ist eher meine Bekannte verhärmt, die sich jahrelang einen erbitterten Kampf mit Ämtern und Behörden lieferte. Doch für Ediths Zwangssterilisierung als Jugendliche gab es keine Wiedergutmachung. Eine Abfindung hat sie nie erhalten. Auch keinen Ausgleich für die jahrzehntelange Knochenarbeit in der Anstalt. Denn das war ja "Arbeitstherapie". Und weil sie ja nie in ihrem Leben gearbeitet hatte, lebt sie heute von Sozialhilfe.

Alle diese Schicksale beweisen, dass es neben den Ermordeten auch noch andere Opfer gab.  Die nämlich nicht gleichgültig den betroffenen Menschen gegenüberstanden und an dem Verlust ihrer Angehörigen krankten oder deren Angst vor Entdeckung jahrelang teilten.

Herr Ewald Meltzer, der tapfere Sucher nach Euthanasiegegenargumenten, bewies mit seinen Fragebögen ganz gegen seinen erklärten Willen, dass viele Angehörige die Euthanasie wünschten. Ich hätte den Mann gerne gefragt, wieviele Kinder in seiner Anstalt starben.

 

Werner

In der Klasse von Waltraud S. in der Prignitz gab es einen Mitschüler namens Werner, der ständig Hunger hatte und alles stahl, was irgendwie essbar war. Seine Mutter war alleinerziehend, hatte noch drei andere Kinder, alle von unterschiedlichen Vätern. Sie kümmerte sich wenig um die Kinder und brachte das Geld überwiegend mit Männern in Wirtschaften durch.

Der Mitschüler kam eines Tages in der 3. Klasse nicht mehr zur Schule. Waltrauds Mutter, die in der Schule sauber machte, sagte dann einige Tage später zu ihr, dass sie von einem Lehrer erfahren habe, dass man ihn wegen seiner "langen Finger" in eine Anstalt gesteckt hätte, nachdem der Rektor seine ständigen Diebstähle der Schulbehörde meldete.

Waltrauds Großmutter murmelte daraufhin leise vor sich her, dass er dort wohl nicht lange überleben würde. Waltraud verstand das nicht. Werner hatte zwar stets eine Schloddernase und kein Taschentuch gehabt, wovor sich Waltraud schon etwas ekelte. Ansonsten war aber Werner kerngesund. Einige Wochen später hieß es, dass er gestorben sei.

"Da vastand ick, wat meene Oma meente. Die ham det Werna wirklich umjebracht." Über den Mitschüler wurde in der Familie nicht mehr gesprochen. Aber wenn Waltraud in der Schule saß und den leeren Platz erblickte, schnürte ihr ein Gemisch aus Angst, Entsetzen und Schuldgefühlen die Kehle zu. Den Klassenkameraden ging es ähnlich.

"Da hatt´n wa alle n janz mieset Jefühl. Weil wa ja jesacht ham, wenn a wat jeklaut hat. Da warn wa och richtich saua. Jeda hat irjentwann ma jepetzt. Da ham wa alle jedacht, hättste de Klappe jehalt´n, würd der noch leb´n. Natürlich warn wa saua. Aba eijentlich hat a nischt dafür jekonnt. Keena in meene Klasse hat wat jesacht. Och nich de Walli. (Anmerkung: in der Klasse gab es drei Waltrauds: eine wurde Waltraud genannt, eine Walli und die dritte Trudchen)

Und deren Vadda war een janz Scharfa. Hat imma jejen de S. (gemeint ist Werners Mutter) un der´n Brut jewettat. Aba och de Walli hat so jekiekt. Dabei hat ihr Vadda bestimmt det jut jefund´n. Aba Walli hat och jekiekt. Keenna wat jesacht. Nur jekiekt.

Un alle in de Klasse wusst´n, wat de andan denk´n. Sicha warn wa saua. Aba hätt´n wa dit jeahnt, dann hätt´n wa ihm doch wat tu fret´n jejeb´n. Dann hätt´n wa ´n doch nich anjeschiss´n. Mann, war dit schlimm. Dat jing nie aus meenem Kopp. Da warn wa neun, aba dit Ding mit de Morde (gemeint ist Euthanasie), dat wusst´n wa da janz jenau.

Un meene Oma wurde krank und sollt int Krankenhus. Da isse nich jejang´n. Ham Alle uffse einjeredet, se soll doch jeh´n. ´Bring´n se ma doch jleich hier um´, hatse zum Doktor jesacht. Na, se is ja wieda jut jeworn. Aba ick wusste, warum se nich jeh´n wollte.

Nee, dit mit ´n Werna, dit war jemein. Ick hab imma ´n schlechtet Jewiss´n jehabt, och wenn ick nischt dafür konnte. Keena hats jewollt. Ham wa imma ´n schlechtet Jewiss´n jehabt. Als hätt´n wa n selba umjelecht. Hätt´n wa doch nur de Klappe jehalt´n."

An Waltrauds Schilderung erkannte ich eins sofort: Ihre Klasse hatte zu diesem Zeitpunkt begriffen, dass man nicht behindert sein musste, um im Rahmen der Euthanasie ermordet zu werden. Außerdem ereignete sich dieser Fall 1943, ein Jahr nach dem offiziellen Ende der T 4 - Aktion. Waltraud ist ein sehr offener und liebevoller Mensch. Es machte mich sehr betroffen, als ich erkennen musste, dass ihre Schuldgefühle gegenüber Werner sie ein Leben lang begleiteten. Und nicht nur sie. Kurz nach unserem Gespräch gab es das jährliche Klassentreffen. Waltraud sprach auf diesem Treffen den "Fall Werner" an. Mehrere ihrer ehemaligen Mitschüler, inzwischen 65 Jahre alt, kämpften mit den Tränen. Man hatte nicht nur Werner ermordet. Nebenbei hatte man auch die persönliche Integrität vieler Kinder seiner Schulklasse erheblich verletzt.

Aber: Meine KollegINNen hatten wenig Kenntnisse der T 4 Aktion und von der "Wilden Euthanasie" wussten sie in der Regel gar nichts, davon hatten sie noch nie etwas gehört. Trotz hartnäckigster Befragung waren diese Tatbestände völlig unbekannt. Und im Zusammenhang mit der T 4 Aktion waren alle sehr froh, damals auf Abteilungen gearbeitet zu haben, die mit der Euthanasie nichts zu tun hatten.

Supergesprächige KollegINNen, froh, dass eine Jüngere Interesse an ihrem Leben zeigte, wurden auffallend schweigsam. Manche Gespräche brach ich von mir aus ab oder wechselte das Thema. Hintergrund waren die Augen meiner Gesprächspartnerinnen: In ihnen las ich unendliche Trauer und ungestellte Fragen an sich selbst. Ich wollte wissen, aber nicht zerstören.

Im Grunde genommen waren da Waltraud und ihre ehemaligen MitschülerINNEN besser dran. Sie trugen zwar die Narben, aber hatten die Chance, sich mit dem Grauen auseinanderzusetzen. Die Narben blieben, aber keine sorgfältig abgedeckten Wunden, die im Verborgenen weiterfaulen, zersetzen und stinken.

 

Edelweiß-Piraten

Die sogenannten Edelweiß-Piraten hatten keine Struktur oder straffe Organisation wie die Kommunisten oder Sozialdemokraten. Der Begriff Edelweiß-Piraten entstand vermutlich durch die Gestapo als Sammelbezeichnung für oppositionelle Jugendgruppen. Im Rheinland trugen nämlich Jugendliche als gegenseitiges Erkennungszeichen entweder ein Edelweiß oder ein rotes Halstuch. Die Bezeichnung Edelweiß-Piraten setzte sich schließlich allgemein für Kinder und Jugendliche durch, die einzeln oder in Gruppen eine oppositionelle Haltung zeigten, in ihrem Widerstand aber keine der bekannten Widerstandsgruppen zugeordnet werden konnten.

Der politische Stand der Jugendlichen in diesen Gruppen war sehr unterschiedlich. Die Basis der Edelweiß-Piraten war die Ablehnung der Zwangsmitgliedschaft bei der HJ, der Hitlerjugend, die 1936 eingeführt wurde. Vor 1933 hatte die HJ wenig Zulauf. Viele Jugendliche wollten nicht in eine von Erwachsenen gegründete Organisation, die nach deren Richtlinien geleitet wurde. Beeinflusst von der Reformpädagogik und starken Wandervogelbewegung in der Weimarer Republik lehnten sie Einengung, Disziplinierung und Uniformismus entschieden ab. So strebten sie eigene Gruppen oder Bunde an, mit denen sie sich identifizieren konnten. Nach der Ernennung von Baldur von Schirach zum Reichsjugendführer wurden viele Jugendorganisationen in die HJ überführt, aufgelöst und oder verboten.

Den Jugendlichen, die sich mit diesen Maßnahmen nicht abfanden, blieb die innere Emigration  und Isolierung oder der Weg in die Illegalität, indem sie sich heimlich in Gruppen zusammenfanden. Erst durch die Verfolgung dieser Gruppen fand dann bei vielen Jugendlichen eine Politisierung statt. Als ich in der ambulanten Krankenpflege in Berlin - Spandau arbeitete, erfuhr ich vom Schicksal eines Berliner Edelweißpiraten.

Charlotte und Willy H. wurden von mir jahrelang in der Ambulanten Pflege in Berlin betreut. Charlotte war aus medizinischer Sicht gesehen ein Wrack. Ihre Krankengeschichte las sich wie ein Lehrbuch zur Krankheitslehre und sie hatte bereits unzählige Operationen hinter sich.

Sie wurde 1928 bei Berlin geboren. Nach Jahren bestand zwischen uns ein derart intensives Vertrauensverhältnis, dass sie sich traute, von früher zu erzählen. Jetzt erst erfuhr ich, dass Charlotte einen um fünf Jahre älteren Bruder hatte, also kein Einzelkind war. Ihre Mutter beschrieb sie als herzensgute Frau, die sich für ihre Kinder aufopferte. Sie war eine sehr angepasste bürgerliche Frau und streng evangelisch. Für die Politik zeigte sie eigentlich wenig Interesse, reagierte aber auf die Nazis rein gefühlsmäßig mit Unbehagen.

Charlotte kam in Berlin-Spandau in einem Krankenhaus zur Welt. Im Krankenbett neben ihrer Mutter lag eine Frau, die ebenfalls eine Tochter bekommen hatte. Es stellte sich heraus, als der Vater ins Krankenhaus zu Besuch kam, dass er nicht genau wusste, welcher Frau er zuerst zur Tochter gratulieren sollte. Die Frau im Nachbarbett ihrer Mutter war seine Geliebte, von der die Mutter bis dato keine Ahnung hatte. Es war wohl nicht der richtige Zeitpunkt und nicht der richtige Ort, um wieder einmal mit den Seitensprüngen, diesmal mit "Folgen", ihres Mannes konfrontiert zu werden. Auf jeden Fall nahm sie es ihm derart übel, dass sie sich nach der Krankenhausentlassung scheiden ließ. Ihr Vater sei immer ein "Windhund" geblieben, wie es Charlotte ausdrückte, und hätte sich wenig um seine Kinder gekümmert. "Er kam imma nur dann, wenn a in de Schitte saß oda Jeld brochte." Die Familie zog aus einem Vorort nach Spandau um, da die nun alleinerziehende Mutter dort leichter Arbeit bekam.

Die Geschwister gehörten den Pfadfindern an. Nachdem die Pfadfinder der Hitlerjugend einverleibt wurden, traten nicht nur Charlotte und ihr Bruder Fritz aus. Heimlich trafen sich viele der Kinder und Jugendlichen aus der ehemaligen Pfadfindergruppe weiter. Aus ganz unterschiedlichen Gründen wollten sie auf keinen Fall zur Hitlerjugend gehören.

Fritz besuchte die Hilfsschule. Nach ihren Berichten lag jedoch keinerlei geistige Behinderung vor. Er war wie andere Kinder in der Lage, zu lernen, war in seiner Auffassungsgabe jedoch etwas langsamer. Dazu kam, dass er sich im Schulalltag mit dem Drill und Disziplinierungen nicht abfinden konnte. Er galt als "aufsässig". Dennoch rechtfertigten seine Noten eine Umschulung  nicht. Vermutlich war der wahre Grund zur Abschiebung auf die Hilfsschule der Umstand, dass er für die Lehrer ein unbequemer Schüler war und dass er sich gegen eine Mitgliedschaft in der HJ wehrte. Charlottes Mutter, alleinerziehend und Alleinverdienerin, wehrte sich erfolglos gegen die Umschulung.

Die Mutter versuchte, auf Fritz einzuwirken, wenigstens pro forma der HJ beizutreten, was er rigoros ablehnte. Seiner Meinung nach war in der HJ alles verboten, was Spaß machte: Swing, Mädchen, zwangloses Zusammensein. Stattdessen bot die HJ vormilitärische Übungen, Massenveranstaltungen und Marschmusik. Also all das, was er hasste. Nachdem Fritz mehrmals von Mitgliedern der HJ grundlos zusammengeschlagen wurde, kam auch für seine Schwester der Beitritt in die HJ, bzw BDM, nicht mehr in Frage.

Die anfänglich knapp ein Dutzend Kinder und Jugendliche der ehemaligen Pfadfindergruppe trafen sich regelmäßig auf einer verwilderten Wiese. Charlottes Bruder zeigte ein erstaunlich großes organisatorisches Talent. Er hielt die Gruppe zusammen. Bald stießen Kinder aus verbotenen konfessionellen, bündischen, kommunistischen oder sozialdemokratischen Jugendorganisationen dazu. Zur Gruppe gehörten schnell über dreißig Kinder. Immer wieder gelang es Fritz, heimlich Fahrten und Treffen zu organisieren. Einmal waren sie beispielsweise zu Fuß, da nicht alle aus der Gruppe ein Fahrrad besaßen, bis an die mecklenburgische Ostseeküste gewandert. Fritz gelang es, bei Fischersfamilien alle Kinder unterzubringen. Als Gegenleistung für Unterkunft und Verpflegung halfen sie im Dorf bei allen möglichen Arbeiten. Die erst skeptischen Mecklenburger waren begeistert von den jungen Berlinern, da sie zeigten, dass sie gut arbeiten konnten und sehr diszipliniert waren. Man lud sie für die kommenden Sommerferien wieder ein. Trotz der Arbeit verlebte die Gruppe unbeschwerte Ferienwochen und freute sich darauf, wieder zu kommen. Daraus wurde allerdings nichts mehr.

In den Sommermonaten radelten sie über das Wochenende ins Berliner Umland zum Baden. Meist hielt ein Fahrrad für drei Kinder her. Ein Größerer radelte und auf Lenkstange und Gepäckträger saßen die kleineren Mitfahrer. Ihre Zelte schlugen sie zumeist etwas entfernt vom See bei gutmütigen Bauern auf. Denn oft mussten sie blitzartig von den Seen verschwinden, da die Ordnungsmacht sich an der fehlenden Badebekleidung der meisten Kinder stieß. Das Nacktbaden gehörte für sie zu ihrem Gefühl der Freiheit dazu und es störte sie keineswegs, die Polizei zu provozieren.

Die größeren Kinder bepinselten nachts oft Wände mit nazifeindlichen Parolen. An einer Brandmauer in der Pichelsdorfer Straße stand regelmäßig der Spruch: "Wer Hitler kennt und dem vertraut, dem hamse den Verstand geklaut". Charlotte meinte, dass in ihrer Wohngegend noch andere Gruppen in ihrer Art bestanden haben müssen, denn auch später verzierte dieser Spruch die kahle Wand. Irgendwann gaben die Nazis es auf, die Wand zu überstreichen oder sich auf die Lauer zu legen, um die Verursacher zu schnappen.
 
Fritz fand eine Anstellung bei einem größeren Geschäft. Er erledigte Botengänge und lieferte Waren aus. Bei den Kunden war er durch seine hilfsbereite und fröhliche Art sehr beliebt. Er kassierte reichlich Trinkgelder. Sein Chef überlegte sich schon, ob er den Jungen nicht noch effektiver ins Geschäft einbinden könnte. Es gab Überlegungen, ihn als zweiten Verkäufer einzustellen - für Fritz wäre das ein kollossaler Aufstieg gewesen. Seine verbindliche Art hatten den kinderlosen Ladeninhaber überzeugt. Fritz fand in seinem Arbeitgeber eine Art Ersatvater. Und der hatte große Pläne mit ihm. Denn einen Erben gab es nicht.

Durch den Job war zwar leider die freie Zeit etwas beschnitten und keine weiten Touren wie früher in den Sommerferien möglich, aber mit seinem Verdienst ging es der kleinen Familie endlich deutlich besser. Seinen Lohn gab er vollständig seiner Mutter und begnügte sich mit einem kleinen Taschengeld. Von diesem ersparte er sich als erstes Geld für einen Stoff, aus der die Mutter für Charlotte ein Kleid nähte. Er hatte sich darüber geärgert, dass andere Mädchen seine kleine Schwester, sein Prinzesschen, wegen ihrer ärmlichen Kleidung ausgelacht hatten. Die Zeit der ständigen finanziellen Engpässe schien überwunden.

Kurz darauf im Winter griff die Gestapo zu, als sich die Kinder und Jugendlichen in der Laube des Vaters eines Jungen versammelt hatten. In der restlichen Schrebergartensiedlung wohnten weitab Leute. Doch gingen sie zu den Treffen nicht an den Wohnlauben vorbei. Die Schrebergartensiedlung in ihrem Bereich war zu diesem Zeitpunkt wie ausgestorben. Denn auf den angrenzenden Grundstücken befanden sich nur Gerätehäuser mit Sommerlauben. Charlotte vermutete daher hinter dem Gestapoeinsatz eine Denunziation. Sie planten gerade eine Fahrt in den Harz über Neujahr zum Schlitten fahren.

Die Gestapoleute schlugen der zehnjährigen Charlotte und zwei anderen Mädchen in ähnlichem Alter ins Gesicht und schickten sie nach Hause. Charlotte erlitt dabei einen Unterkiefer- und Nasenbeinbruch. Ihren fünfzehnjährigen Bruder und ca zwanzig andere Kinder und Jugendliche prügelte die Gestapo auf einen Lastwagen.

Am nächsten Tag verwüstete die Gestapo ihre Wohnung. Dabei fanden sie im Schrank eine Jazzplatte. Fritz begeisterte sich für amerikanische Musik. Swing oder Jazz  war etwas anderes als die "Dicke-Backen-Musik" der Nazis. Er besaß keinen Plattenspieler. Wie er an die Schallplatte gekommen war, wussten weder Charlotte noch ihre Mutter. Sie vermuteten, dass er sie von einem Freund geliehen oder geschenkt bekommen hatte. Zweimal wurde Charlottes Mutter zu Verhören geladen. Einmal befragte ein Kriminalbeamter Charlotte. Immer wieder wollten sie wissen, woher die Platte stammte. Offensichtlich hatte Fritz zur Herkunft der Platte in Verhören geschwiegen.

Verzweifelt versuchte die Mutter, den Verbleib des Jungen zu erfahren. Hilfesuchend wandte sich die fromme Frau an den evangelischen Pfarrer. Dem fiel nichts anderes ein, als der Mutter vorzurechnen, wie oft Fritz im Sonntagsgottesdienst fehlte, dass sie mit ihrer Ehescheidung schwere Sünde auf sich geladen habe, weil sie dadurch die Familie zerstörte und der Sohn ohne Vater aufwachsen musste. Deshalb würde es den Herrn Pfarrer auch nicht wundern, wenn der Junge auf die schiefe Bahn geräte. Dafür trüge sie alleine die Verantwortung und er könne und wolle ihr nicht helfen. Charlotte war bei dem Gespräch dabei. "Dat war dit letzte Mal, dat ick een Fuß inne Kirche jesetzt hab. Ab da konnte ma dit Pfarrajeschmeiß den Buckel runta rutsch´n."

Erst nach einem halben Jahr brachte die Mutter heraus, dass ihr Sohn in einer Anstalt am Rande Berlins untergebracht worden war. Zuerst reagierte sie mit Erleichterung, dass der Junge nicht im Gefängnis oder in einem Lager saß. Wochenlang bemühte sie sich nun um einen Besuchstermin. Fritz hatte vor der Ergreifung durch die Gestapo keinen Sprachfehler. Als sie das erste Mal den Jungen, völlig abgemagert, in der Anstalt sah, stotterte er so schlimm, dass er kaum einen ganzen Satz herausbekam. Seine Schwester durfte überhaupt nicht zu ihm. Sie wartete auf der Straße auf die Mutter. Manchesmal gelang es Fritz, ihr durch ein vergittertes Anstaltsfenster zuzuwinken. Die Mutter war alarmiert und versuchte nun alles Menschenmögliche, ihren Sohn aus der Anstalt herauszubekommen - ohne Erfolg. Die Einweisung in die Anstalt kam zustande, weil er die Hilfsschule besucht hatte, weil seine ehemaligen Lehrer dem unangepassten Schüler eine entsprechende Beurteilung gaben und weil ein Richter der Meinung war, wer eine solche "Negermusik" gut fände, könne nicht "normal" sein. Der Arbeitgeber des Jungen, ein bis zur Machtergreifung überzeugter Sozialdemokrat, der nie in die NSDAP eintrat, wurde nicht gehört. Er schrieb an das Gericht, wie zufrieden er mit dem Jungen war und wie gut Fritz anpacken konnte - umsonst.

Anfang 1940 wurde Charlottes Bruder "verlegt", kurz darauf kam die Todesnachricht. Er war angeblich an einer Lungenentzündung gestorben. Er, der mit seinen Freunden zu Fuß oder mit dem Rad weite Touren unternahm. Der bei jedem Wetter zeltete. Der im Frühjahr als Erster und im Herbst als Letzter in der Havel badete. Der es nie lange in einem geschlossenen Raum aushielt und bei Wind und Wetter in der Natur unterwegs war.

Ihre Mutter reagierte wie gelähmt. Monatelang bewegte sie sich wie eine Marionette, war unfähig zum Weinen und zum Sprechen. Ab da wurde Charlotte zur Stubenhockerin und Mutter und Tochter klammerten sich aneinander. Stundenlang saßen sie beide tagsüber schweigend am Küchentisch. Nachts schlief Charlotte mit in ihrem Bett. Kam eine der Beiden nicht pünktlich nach Hause, stand die Andere erstarrt vor Angst im Flur. Charlotte erreichte in der Schule zwar immer Bestnoten, fehlte aber unverhältnismäßig oft. Deswegen durfte sie auch trotz Bestnoten keine höhere Schule besuchen.

Was aus den anderen Kindern und Jugendlichen wurde, wusste sie nicht. Sie hat von der Gruppe, bis auf die zwei Mädchen, die mit ihr laufengelassen wurden, niemanden mehr gesehen. Obwohl alle drei Mädchen die gleiche Schule besuchten, wagten sie es nicht, miteinander zu sprechen oder sich zu treffen. In unbeobachteten Momenten tauschten sie lediglich auf dem Pausenhof miteinander Blicke aus.

Ihr Bruder brachte ihr von klein auf bei, die Mutter nicht mit Problemen zu belasten. Sie hätte es auch so schwer genug. Daran hielt sich Charlotte. Er war aber nicht mehr da, um sich geduldig ihre Sorgen anzuhören, sie zu beraten, sie zu trösten. Sie begann, jeglichen Kummer in sich unausgesprochen hineinzufressen. Da gab es keinen großen Bruder mehr, der sie vor Hänseleien oder Neckereien anderer Kinder schützte. Was sollte sie nun spielen? Was unternehmen?

Fritz hatte immer die mitreißendsten Ideen. Wandern, Schwimmen, Musik  - ganz egal, was sie tat, jedesmal schoss es ihr durch den Kopf, dass sie mit ihrem Bruder das Gleiche getan hatte, dass es aber mit ihm viel schöner war. Kein flapsiger Spruch mehr, niemand, der sie auch mal veräppelte, zu den Feiertagen nicht die liebevollen Geschenke mit ihrer neugierigen Vorfreude, was er sich diesmal einfallen gelassen, diesmal für sie gebastelt hatte. In der Wohnung herrschte Stille ohne unbeschwertes Toben oder Gekicher. Charlotte hörte ihre Mutter vor Fritz´ Festnahme das letzte Mal lachen. Kurz darauf endete ihre Kindheit schlagartig. Mühsam versuchte sie, sich nicht vorzustellen, wie Fritz starb. Sie fraß weiter in sich hinein.

Sie, Fritz´s rotwangiges Prinzesschen, kränkelte nun ständig, was sich nie mehr änderte. Sie benötigte fast einen Monat, um mir die Geschichte ihres Bruders zu erzählen. Fünf Jahrzehnte nach seiner Ermordung wurden ihre Berichte immer wieder durch Weinkrämpfe unterbrochen. Das Schlimmste für sie war, dass ihr Bruder den Stempel "irre" aufgedrückt bekommen hatte und nie rehabilitiert wurde. Seine Ehre, seine Würde bekam er nie zurück.

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Schafott Psychiatrie

Psychiatrien spielten im Zusammenhang mit dem Euthanasieprogramm oft eine schändliche Rolle. Ein weiteres dunkles Kapitel der Psychiatrien war aber auch, dass sich das dortige Personal an der Beseitigung von Menschen beteiligte, die sich dem Naziregime gegenüber im Widerstand befanden. In den psychiatrischen Anstalten wurden diese Menschen gefoltert, übermäßig sediert, oft durch Zwangssterilisation seelisch und körperlich verstümmelt und auch über das Euthanasieprogramm in die Gaskammern geschickt.

Diese Opfer hatten keine Chance auf eine Gerichtsverhandlung. Mit der Einweisung in die Psychiatrie waren sie bereits sozial getötet. Im Gegensatz zu ihren Leidensgenossen in den Zuchthäusern und Lagern waren sie in den Anstalten völlig isoliert. Die, die den Wahnsinn überlebten, trugen zeitlebens den Stempel "Irre" mit sich herum und waren später den Vorurteilen der Gesellschaft ausgesetzt. In der Regel wurden sie nie rehabilitiert wie die Widerstandskämpfer, die offiziell verurteilt und hingerichtet wurden. Meistens gingen die Täter, Ärzte wie Pflegekräfte, straffrei aus und arbeiteten nach dem zweiten Weltkrieg in ihren Berufen unangefochten weiter.

Ein Beispiel dafür ist das Schicksal der Käte Larsch. In ihrem Haus fanden Versammlungen der verbotenen KPD, Kommunistische Partei Deutschlands, statt. Die Gestapo erhielt einen Tip und durchsuchte am 18.5.1935 die Wohnung. Dabei stellten sie ein Abziehgerät sicher. Käte Larsch gab bei den anschließenden Verhören mit sadistischen Folterungen nicht die Namen ihrer Genossen preis. Daraufhin wies man sie als "geistesgestört" in die psychiatrische Abteilung des städtischen Krankenhauses ein. Dort verstarb sie am 29.5.1935.

Als Mitglied der KPD war sie eine organisierte Widerstandskämpferin. Von daher erfuhr sie nachträglich durch ihre Parteigenossen insoweit eine Rehabilitation, dass diese später klarstellten, dass Käte Larsch keine "Verrückte" war, sondern wegen der Widerstandsarbeit in die Psychiatrie gekommen war.

Käte Larsch und Fritz waren kein Einzelfall. Überall wurden politische Gegner in Psychiatrien eingewiesen und etliche Menschen kamen dort unter dubiosen Umständen ums Leben. Gerade Kinder oder Jugendliche, die als "aufmüpfig" oder als "widerspenstig" galten, drohte in erster Linie die Psychiatrie. Es gab zwar auch Konzentrationslager für Jugendliche, aber anscheinend verschwand der größere Teil von ihnen in die "Irrenanstalten".

In Wuppertal fand ich in Gesprächen mit Zeitzeugen heraus, dass etwa zwanzig Jugendliche aufgrund ihrer politischen Haltung in Psychiatrien verschwanden und nie wieder gesehen wurden. Außerdem berichteten dort alte Leute, dass zwei Edelweiß-Piraten, Jungen im Alter von etwa vierzehn und sechzehn Jahren, in Wuppertal-Elberfeld zur Abschreckung öffentlich erhängt wurden. Die Jungen hatten Hitlerfeindliche Parolen an Hauswände gemalt. Schwester Sebastiana, eine Ordensschwester aus dem St. Petrus-Krankenhaus in Wuppertal, bestätigte diesen Vorfall. Sie kannte beide Jungen und deren Familien persönlich.

Auch Arthur, ein Berliner Krankenpfleger, der unter anderem auch in Berlin-Spandau in der Psychiatrie gearbeitet hatte, wusste von Patienten, die aufgrund ihrer politischen Gesinnung als "verrückt" erklärt weggeschlossen wurden. Nach seinen Aussagen waren diese "Patienten" regelrechtes Freiwild für braune Ärzte und Pflegekräfte, die keine Gelegenheit ausließen, sie zu schikanieren, zu demütigen, zu verhöhnen, zu entwürdigen, zu quälen. Die Unglücklichen wurden übermäßig sediert, geschlagen, festgebunden, in Besenkammern eingeschlossen. Er berichtete, dass den Opfern solange zugesetzt wurde, bis diese ihren Lebenswillen verloren hatten. Dann eröffnete man ihnen Möglichkeiten und Mittel, ihr Leben selber zu beenden. Die Suizidrate in seinem Haus sei erschreckend hoch gewesen. Er beschrieb, dass Pflegekräfte in unbeobachteten Momenten auch Solidarität zeigten, sich aber im Beisein des Nazimobs häufig an Übergriffen beteiligten, um nicht Gefahr zu laufen, selber als politische Gegner geoutet zu werden.

Natürlich fragte ich ihn auch, warum das Pflegepersonal nach 1945 weiterhin zu den Vorfällen schwieg. Wieso er zum Beispiel derartige Ereignisse nicht publik gemacht hatte. Seine Antworten waren nicht sehr beruhigend: Niemand wollte etwas davon hören, wer nicht schwieg, wurde als Nestbeschmutzer gebrandmarkt und gemobbt, die Naziärzte und -pflegekräfte arbeiteten nach dem Zusammenbruch in den alten Positionen weiter, er sei nur froh gewesen, diese  Zeit überlebt zu haben, sodass er keinen Wert darauf legte, nun mutwillig sein Leben zu riskieren. Arthur, Opfer der Zwangssterilisierung, wobei er sich über die Hintergründe ausschwieg, sagte damit eins sehr deutlich: die Nazizeit endete in den Psychiatrien 1945 keinesfalls.

 

 

Erna Kronshage

Ich danke Edward Wieand für seine Recherche zu seiner Tante und würde mir wünschen, dass sein Beispiel Schule macht. Herr Wieand ist gerne bereit, in Schulen, Erzählcafés etc mit Powerpointpräsentationen gegen eine Fahrgelderstattung über das Schicksal seiner Tante zu berichten, um zu helfen, über dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte aufzuklären.

Der Blog zu Edward Wienands Tante

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Anna Maria

Anna Maria, geboren 1927, wuchs bei ihren Eltern in Frankfurt auf. Die drei jüngeren Geschwister lebten bei den Großeltern. Ihr Verhältnis zur Mutter war gespannt, da Anna Maria als aufmüpfig galt. Nach dem Besuch der Volksschule kam sie in ein Mädchenlager im Sauerland, von dort in das Monika-Haus in Frankfurt. Ihr gefiel es nicht in dem von Nonnen geführten Haus und sie riss aus, um nach Hause zurückzukehren. Daraufhin brachte man sie in den Kalmenhof, eine Heil- und Pflegeanstalt im Taunus. Hier wurden innerhalb der T4 Aktion Menschen ermordet.

Anna Maria berichtete in dem Interview auf der CD "Erinnern für Gegenwart und Zukunft" vom Kalmenhof im Jahre 1942: "Und ich war nicht lange in dem Aufnahmeheim, und dann bin ich in das Gelände des Kalmenhofes gekommen, auf das Gelände, ja, das Mädchenheim. War ein Mädchenhaus, ein Bubenhaus, ein Altenheim, das Verwaltungsgebäude. Und wenn man einen Weg hinaufgegangen ist, war oben das, sie nannten es "Krankenhaus", und das war dann das Haus, in dem gemordet wurde.

Ja, der Kalmenhof. Es waren normale Kinder dort. Es waren auch, also ich möchte heute sagen, es waren auch Kinder da, Jugendliche da, deren Geist in der Wiege liegengebleiben ist. Aber es waren überwiegend normale Kinder. Es war ein Junge da, der immer von der Arbeitsstelle weggeblieben ist, und er muss sehr anfällig für Krankheiten gewesen sein, für Ohrentzündungen und so. Und dann ist er als "Nichttragbarer" oder wie sie's damals bezeichnet haben, ist er zuhause abgeholt worden und in den Kalmenhof gebracht worden. Und der wurde, wie ich später erfahren habe, ganz grausam umgebracht. Ein Pfleger hat den mit dem Ochsenziemer solang geschlagen, bis er tot war, und es war der Herr Kirch.

Da sind manchmal Kinder weggelaufen, die von der Bevölkerung des Ortes eingefangen wurden. Und da kam ein Junge mal zurück, und der hat gesagt: "Die Tante..." (die ihn zurückgebracht hat) "die hat gesagt, ich werd jetzt ein Engelchen.'' Dacht ich, das darf doch wohl nicht wahr sein. Das heißt soviel wie: die Frau wusste es."

Wieder konnte die Jugendliche fliehen. Sie wurde in die Einrichtung zurückgebracht und kam in das sogenannte Krankenhaus des Kalmenhofs.

"Ich hab nur an eins gedacht: Ich muss hier raus, ich muss raus, aber ich muss versuchen, nachts rauszukommen. Und da auf dem Gelände war ein Nachtwächter, also übers Gelände konnte man nicht. Da hab ich mir gedacht, ich muss irgendwie muss ich hier raus, aber wohin? Ich wusste ja nicht, wohin.

Ich mein, ich wusste, dass ich, wenn ich nach Hause gehe, wieder abgeholt werde. Ja, und dann bin ich, nachdem ich tatsächlich weggelaufen war, bin ich in das ... gleich in das Krankenhaus dann raufgekommen, Kopf kahlgeschoren und bin gleich dann raufgebracht worden, in den Keller. Und da hab ich ... da gab's Wasser und Brot und jeden Tag Tabletten, morgens eine und abends eine.

Und ich habe mich einmal mit einem Professor darüber unterhalten, und da sagt er "Wie sahen die aus, die Tabletten? War'n sie klein, groß?" Hab ich gesagt, das waren große Tabletten. Sagt er: "Ja, das war Nominal." Und da hab ich einmal gesehen, wie die Ärztin einem Mädchen eine Spritze gegeben hat. Es war eine große Kanüle, und es war nichts drin. Und da hab ich noch gedacht, das Kind denkt jetzt, jetzt hab ich ne Spritze gekriegt, und jetzt werd ich gesund. Später hab ich dann erfahren, dass es Luftspritzen gewesen sind und dass man damit eben die Kinder und die Jugendlichen ermordet hat.

Ich habe einmal gesehen, wie ein Mädchen, ein blondes Mädchen, vielleicht war sie drei, vier Jahre alt, ganz grausam gestorben ist. Der ist der Schaum aus'm Mund gekommen. Und ich weiß noch, ich hab die Schwester gerufen und hab ich gesagt: "Kommen Sie schnell, schnell, das Kind liegt auf der Erde." "Ja, ja", hat sie gesagt, "wir holen die gleich raus." Und dann tat sie so.

Und da war ich, ich muss so ungefähr, schätze ich heute, zehn Tage in dem Keller gewesen sein, es stand nichts drin als eine Bank. Und da hab's ich einmal mitbekommen ... so, hier war die Tür, da stand die Bank, da oben war das Fensterchen, und links in der Ecke auf dem Betonboden, es war kein Bett drin, hab ich nachts geschlafen, zusammengerollt wie'n Wurm. Und da hab ich einmal gehört, wie ... Es ging, ich hab die Bank hochgestellt, und da waren ja zwischendurch so unten diese Stäbe, zum Stehenbleiben, und diese Stäbe bin ich hoch und hab an dem Fensterchen geguckt, und da ging eine männliche Person mit einem weißen Bündel in den angrenzenden Baumbestand. Und als er ein Stück weg war, da hat er zurückgerufen: "Der lebt ja noch!" Und da hat von der Tür her ne Frauenstimme geantwortet: "Wirf den nur rein, das dauert nicht mehr lange." Und von dem Moment an hatt ich Angst. Und da wusst ich, dass ich also fertig war zum Ermorden."

Von ihrer erneuten Flucht aus dem Kalmenhof erzählte sie: "Und da hab ich mir vorgenommen, hab ich gedacht, du bist zwei Treppen hochgegangen, Fenster waren nicht vergittert, die hatten nur so'n Fensterdrücker gehabt: Heute Nacht springst du aus'm Fenster raus und mit'm Kopf zuerst runter, dann bist du tot, hab ich gedacht, und dann können sie dich vergraben. Und da war da noch eine ganz ... da war´ne Frau, eine Insassin, die geputzt hat, und die kam abends bevor sie weggegangen ist, vielleicht war´s sechs oder sieben, und da kam die zu mir ans Bett und hat die Kopfkissen rumgeschüttelt.

Und da hab ich gesagt: "Du brauchst das nicht zu machen." Und nachts fiel mir dann ... denk ich, was hat die an meinem Bett gemacht? Ich mach das Kopfkissen weg, und da lag der Drücker vom Fenster, der lag unterm Kopfkissen. Später hab ich erfahren, dass die Schwester eine Liste hatte, auf´m Schreibtisch liegen, und da sind alle rot abgehakt worden, und die muss das gesehen haben und hat mir den Drücker unters Kopfkissen geschoben.

Naja, und da wollt ich, wie gesagt, mit dem Kopf zuerst runterspringen, und da hab ich aber vorher, ich hat halt so´n Kittelchen und hat nen Glatzkopf und da hab ich vorher vor dem Fenster gekniet und hab gebetet. Es war schlimm. Und hab gebetet und hab immer gesagt, lieber Gott, lass mich bloß tot sein, lass mich ja tot sein. Und dann hab ich´s Fenster aufgemacht und runtergeguckt, und da hab ich gesehen, dass ums Haus herum, unter dem Fenster war ein Sims. Und ich war in einem Eckzimmer, und an dieser Ecke, auf dieser Seite, wo der Sims dann, bevor der Sims dann um die Ecke rumging, war eine Dachrinne.

Dacht ich, Mensch, hier kommst du raus. Und da bin ich aus´m Fenster raus, hab mich an der Dach... an dem Fenster und dann an dem Sims festgehalten und wollte nach links, hab nach links gegriffen, um an die Dachrinne zu kommen, und da, mehr weiß ich nicht, und da muss ich abgerutscht sein, und bin zu mir gekommen und da lag ich unten.

Und ich wollte sofort hoch, und da hab ich gedacht, da hab ich gefühlt, mein Arm, der liegt neben mir. Es hat nichts weh getan, es hat schrecklich geblutet, der Arm war total verdreht, und den hab ich dann erstmal richtig gedreht, und hab den so gehalten und hab den hier festgehalten mit dem anderen Arm, und da dacht ich, du musst hier fort, ganz leise. Bin ich dann erst auf den Knien gerutscht, und dann bin ich am Haus entlanggegangen, und der Weg, den ich hinaufgegangen bin, bin ich runter und da hab ich gesehn, dass man links rumgehen konnte und da kam man auf die Straße."

Nach diesem Fluchtversuch versuchte die Verletzte vergeblich im nahen Dorf Hilfe von Anwohnern zu bekommen. Immerhin verrieten sie die Jugendliche nicht. In der Universitätsklinik wurde dann der Arm mehrfach operiert und Anna Maria etwa ein Dreivierteljahr versteckt. Durch eine Bombardierung der Klinik wurde sie verschüttet, aber rechtzeitig geborgen. Schließlich kehrte sie wieder nach Hause zurück. Es boten sich keine anderen Alternativen. Einmal auf die Todesliste der SS geraten, ließ man ihr keine Ruhe. Anna Maria wurde durch die Denunziation eines Nachbarn von der Gestapo abgeholt. Nach einem Verhör kam sie in das Konzentrationslager Bergen Belsen. Diesmal verhalf ihr ein Uniformierter zur Flucht.

Ein katholischer Pfarrer und seine Haushälterin versteckten die Jugendliche. Später wechselte sie aus Sicherheitsgründen in ein Kloster. Als ihre Lage dort auch nicht mehr sicher war, ging sie wieder in das Monika-Haus in Frankfurt, wo ihr diesmal die Nonnen halfen. Kurz vor Kriegsende kehrte sie in ihr Elternhaus zurück und erlebte dort ihre Befreiung durch die Amerikaner. Einige der Täter im Kalmenhof konnte Anna Maria nach dem Kriege zwar identifizieren, sie stritten jedoch jegliche Beteiligung an den Verbrechen ab.

Anna Maria überlebte. Ihr Schicksal zeigt, dass die "Wilde Euthanasie" ungebremst auch nach dem offiziellen Ende der Aktion T 4 weiterging.

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Wohnhaus von Sepperl

 

Sepperl-Depperl

Volker Stutzer kam 1927 in Ficht zur Welt und lebte von 1933 - 1941 im Landkreis Wegscheid. Er beweist, dass der Euthanasie nicht nur Menschen zu Opfer fielen, die sich in einer Anstalt befanden. In der Nähe seines Vaterhauses wohnte eine sehr arme Familie in einem alten Barackenhaus. Ihr Sohn fiel als Baby versehentlich vom Tisch und trug am Kopf eine offene Wunde davon. Der Weg zum nächsten Arzt betrug zwanzig Kilometer. Außerdem fehlte den Leuten das Geld für eine medizinische Behandlung.

So wandte sich die Mutter in ihrer Not an eine Art "Wunderheilerin", die sich in der Gegend einen Namen gemacht hatte durch Warzenbesprechungen und selbst hergestellten Medikamenten. Diese sagte der Mutter, dass das Kind "sein Leben lang ein Depperl bleibt". Dem Kind konnte so nicht geholfen werden und der kleine Sepp behielt durch diesen Sturz vom Tisch bleibende Schäden.

Sepperl, wie er genannt wurde, zeigte Sprachauffälligkeiten, Beeinträchtigungen im Lernvermögen, Bewegungsstörungen beim Gehen und Verhaltensdefizite, die sich ab und zu durch unkontrollierte Wutausbrüche äußerten. Die Eltern fanden sich damit ab und versuchten ihren Sohn dennoch so gut und so liebevoll wie möglich großzuziehen.

Volker Stutzer war zwei Jahre jünger als Sepperl. Die beiden sehr unterschiedlichen Jungen befreundeten sich und Sepperl kam auch häufig in Volkers Elternhaus zu Besuch. Volker verstand ohne weiteres, was ihm Sepperl in seiner nuschelnden, langsamen Sprechweise erzählte. Im Dorf war Depperl - Sepperl, wie ihn die anderen Kinder nannten, ebenfalls integriert. Mehr als durch seine Behinderung fiel Sepperl durch seinen Geruch auf, was allerdings nicht seine Schuld war. Es lag an den hygienischen Verhältnissen der beengten Wohnverhältnisse und an dem Ziegenstall direkt am Haus. Sepperl wurde aufgrund der Lernschwierigkeiten mehrmals zurückgestellt und dadurch zusammen mit Volker eingeschult. In der Schule kam Sepperl ohne jegliche Einzelförderung logischerweise nicht mit.

Aber Volker entdeckte andere Talente bei ihm. Sepperl war handwerklich begabt, konnte Angelhaken hämmern, schnitzen und Forellen sogar durch Geschicklichkeit und List mit der blanken Hand fangen. Mit der beginnenden Pubertät wurde Sepperl schwieriger. Er zeigte Aggressionen und zugleich Interesse an Mädchen.

In dieser Zeit wechselte Volker auf ein weit entferntes Gymnasium und dadurch in ein Internat. Als er das erste Wochenende heimkam, war Sepperl verschwunden. Was wirklich vorgefallen war, konnte Volker Stutzer nicht herausfinden. Aber vermutlich hatte Sepperl ein Mädchen in irgendeiner Form belästigt. Er erfuhr, dass sich die Männer im Dorf über Sepperl beraten und danach die Kreisleitung eingeschaltet hatten.

Sepperl wurde abgeholt und kurz darauf bekamen die Eltern die Mitteilung, dass ihr Sohn nach einem Bade eine Lungenentzündung bekommen hatte, an der er verstorben sei. Sepperl war ein großes, kräftiges Kind mit gutem Appetit und alleine schon durch die Wohnverhältnisse extrem abgehärtet. Die Eltern konnten ihren Sohn nicht beerdigen. Seine Leiche sei verbrannt worden und die Asche verstreut, wurde ihnen mitgeteilt. Allen Beteiligten war klar, dass Sepperl ermordet worden war. Die Leute, die Depperl - Sepperl bei der Kreisleitung denunzierten, wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

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Elvira Manthey

Schlechte Bildqualität, aber sehr klare Worte. Danke Frau Manthey!

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