Ausbildung Alten- und Krankenpflege


Täter Übersicht:

Die Pflegekräfte in den Mordfabriken Pflegekräfte morden weiter
Mörder im weißen Kittel Braune Karriere in Schwesterntracht
Wenn aus Schatten Sumpf wird  

 

Die Pflegekräfte in den Mordfabriken

Bereits sehr früh verstrickten sich Pflegekräfte mit dem Euthanasieprogramm. Das Personal der Mordanstalten bestand grob betrachtet aus zwei Gruppen. Einige wenige waren von Haus aus sadistische Schlächtertypen, die Spaß daran hatten, andere Menschen zu quälen, zu ermorden oder leiden zu sehen oder die zumindest damit kein Problem hatten. Die Mehrzahl waren pflichtbewusste, überangepasste Befehlsempfänger. In der Regel waren sie fanatische Nazis, für die der Wille des Führers alle Handlungen legitimierte.

Eine Motivation für die Beschäftigten in den Todesheimen zu arbeiten war das gute Einkommen, dass sie dort erhielten. So drängten sich die meisten über Beziehungen in den "Job" oder verwiesen in ihren Bewerbungen darauf, dass sie alte Parteigänger waren. Wenn sich später auch viele vor der Arbeit ekelten, wollten sie das gute Gehalt nicht verlieren oder es fehlte ihnen der Mut zum Aussteigen. Der Brenner Vinzenz Nohel verdiente beispielsweise im Frühjahr 1940 als Hilfsarbeiter 100 Reichsmark monatlich. In Hartheim erhielt er 170 Reichsmark. Dazu kamen 50 Reichsmark Trennungszulage, freie Kost und Unterkunft, 35 Reichsmark "Stillprämie" und um Weihnachten herum eine Treueprämie von ca 300 Reichsmark. Somit hatte er monatlich fast das dreifache seines früheren Gehaltes plus anderer Vergünstigungen. Krankenpfleger zogen das Tötungsgeschäft oft dem Wehrdienst vor. Bevor sie das eigene Leben an der Front riskierten, ermordeten sie lieber unschuldige Opfer.

Die Krankenschwester Gertrude Blanke aus Berlin kam als erste Pflegekraft nach Hartheim. Bis Ende 1944 arbeitete sie in Hartheim und in Niedernhart als Oberschwester und Chefin des Pflegepersonals. Der Pfleger und Pathologie-Gehilfe Hermann Wentzel aus der Nervenklinik Berlin-Buch traf im April 1940 dort ein. Seine Aufgabe bestand darin, den Menschen, die im Aufnahmeraum zur Obduktion bestimmt wurden, nach ihrer Tötung Gehirne oder andere Organe zu entfernen und in Formalin zu konservieren. Eine nächste Gruppe von Pflegepersonal kam im Laufe des Monats Mai 1940 in diese Anstalt. Es waren überwiegend junge Pflegerinnen aus Ybbs in Niederösterreich.

Der Leiter der Ybbser Anstalt war ein überzeugter Nazi und Verfechter der Euthanasie. Seine Pfleglinge wurden bereits 1940 in die Gaskammer nach Hartheim geschickt, um Platz für ein Lazarett zu schaffen. Durch die schnelle Räumung der Anstalt verloren etliche Ybbser Krankenschwestern die Arbeit. Kurzerhand wurde ein knappes Dutzend von ihnen für Hartheim dienstverpflichtet, nämlich Franz Gindl, Hermine Gruber, Margarethe Haider, Anna Grießenberger, Maria Hammelsböck, Maria Lambert, geborene Brandstätter, Hermann Merta, Maria Raab, Anton Schrottmayr, Marie Wittmann und Franz Sitter.

Zu den Aufgaben der Ybbser Schwestern gehörte das Entkleiden der Opfer und die Registrierung der Besitztümer. Sie führten die nackten Menschen in den Aufnahmeraum. Ein Arzt überprüfte letztmalig die Identität der Opfer durch Vergleich der Krankenakten mit den Transportlisten. Nach der Scheinuntersuchung und dem Photographieren brachten Pflegekräfte die Todgeweihten zur Gaskammer. Bei der Erstellung der Photos stützte das Pflegepersonal die Patienten oder hielten sie fest. Mit roher Gewalt trieben sie die Menschen an, um so schnell wie möglich "die nächste Fuhre" los zu sein. Bei Gegenwehr sedierten sie die Patienten und trugen sie in den "Duschraum". Die Krankenschwester Maria Hammelsböck schilderte den Weg ihrer Opfer in den Tod: "Wenn sie ansprechbar waren, sagte man ihnen, sie würden gebadet. Viele freuten sich auf das Baden, auch wenn sie sonst nichts erfassten. Manche wollten sich nicht waschen lassen, man musste sie ins Bad zerren. Das war auch allgemein schon so in Ybbs. Allgemein freuen sich Kranke, wenn sie gebadet werden." Nach der Mordaktion mussten die Pflegekräfte die Autobusse, Entkleidungs- und Aufnahmeraum und die Gaskammer putzen. Solange nicht ausreichend Pflegekräfte frequentiert waren, zog man zu diesen Arbeiten auch die Bürokräfte heran.

Angeblich sollen die zwanzig- bis fünfundzwanzigjährigen Pflegerinnen aus Ybbs nach ihrer Ankunft in Harheim tagelang geweint haben. Tatsache aber ist, dass vielleicht eine Schwester und nur ein Krankenpfleger sich der Arbeit in Hartheim entzogen. Eine Schwester ließ sich angeblich absichtlich schwängern, um der Tötungsfabrik zu entkommen. Diese Aussage muss gefiltert betrachtet werden. Es kann so gewesen sein, muss aber nicht den Tatsachen entsprechen. Alle dort arbeitenden Schwestern hatten nachträglich ein großes Interesse daran, ihre Mitarbeit als erzwungen und sich selbst als Opfer darzustellen. Sie mussten glaubhaft machen, dass sie keine andere Wahl hatten, als beim Morden behilflich zu sein. Die Geschichte mit der vorsätzlichen Schwangerschaft als einziges Mittel, Hartheim zu entkommen, sollte vielleicht lediglich den Zwang vermitteln, unter dem die Frauen standen. Diejenige könnte auch später ebensogut mit der vielleicht unerwünschten Schwangerschaft beweisen wollen, dass ihre bisherige Rolle als Mordgehilfin gegen ihren Willen geschah. Und ihre Kolleginnen würden selbstverständlich ihre These stützen zur eigenen Entlastung.

Fakt ist, dass die Ybbser Schwestern nach glaubhaften Berichten in ihrer Hartheimer Zeit sittlich und moralisch völlig heruntergekommen waren. Die Hartheimer Sauf- und Sexorgien beim Personal waren bekannt. Sie waren als Flittchen verschrien, die sich mit jedem SS-Mann, Euthanasiearzt, Brenner, Fahrer und sonstwem einließen und offenbar bestand zwischen ihnen und den Prostituierten, die sie gewissenlos ins Gas schickten, nur ein kleiner Unterschied: die Prostituierten, entschieden schlauer, nahmen für das Huren Geld. Deshalb brauchten sie sich auch nicht an Verbrechen gegen die Menschheit, Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist wohl sehr untertrieben, beteiligen. Sie verkauften ihren Körper, jedoch selten ihre Seele an die braunen Teufel, während Hitlers Nutten ihre "Pflicht" erfüllten.

Die Oberpflegerin Änne H. aus Grafeneck wird auch als getarnte Widerständlerin gehandelt. Zu ihrem gewaltsamen Tod hieß es am 4.Juni 1940 als offizielle Darstellung: in der Anstalt Grafeneck soll sich ein Todgeweihter losgerissen und das Personal bedroht haben. Dr. Baumhardt schoss auf den Mann, dabei traf er versehentlich die Oberpflegerin und verletzte sie tödlich. Die Pflegekräfte gaben dazu aber an, dass inoffiziell nie Gerüchte verstummten, dass er die Pflegerin vorsätzlich erschossen hatte, weil sie aus der Euthanasie aussteigen wollte.

Auch auf die Gefahr, dass ich der Getöteten Unrecht tue: die Aussagen ihrer Kollegen geschahen in der Phase der Rechtfertigung. Als sie vor Gericht ihre aktive Beihilfe zum Massenmord erklären mussten. Vielleicht hat Baumhardt sie wirklich unabsichtlich erschossen, vielleicht auch vorsätzlich, aber nicht aufgrund ihres Widerstandes, sondern wegen eines persönlichen Disputes, was ja bei dem Lebenswandel in den Tötungsanstalten leicht möglich war. Tatsache ist, dass sie als Oberpflegerin in der Hierarchie der Pflegekräfte ganz oben stand und da kam sie nicht grundlos hin. Aber mit der Mordversion ihrer Untergebenen konnten diese glaubhaft darstellen, in welcher Gefahr sie selber schwebten, wenn sie sich gegen das Mordgeschäft gewehrt hätten. Und urplötzlich handelten "die Armen" nur aus Selbstschutz, gewissermaßen aus Notwehr.

Dagegen spricht aber, dass das Morden sie anscheinend nicht weiter störte, denn wenn sie murrten, dann nur, weil ihnen die anderen Pflegekräfte aus dem Reich (also Deutschland) stets die unangenehmsten Arbeiten aufhalsten. Wenn sie schon mit den "Vollariern" durch die Betten hopsten, dann sollten doch wenigstens die Frauen aus dem Reich ihnen Respekt zollen. Grundsätzlich aber wehrten sie sich inhaltlich nie gegen ihre Arbeit. Genausowenig zollten sie auch den zum Schluss ständig rauchendem Schornstein Beachtung. Der Krankenpfleger Schluch erzählte darüber: "Die Leichen wurden laufend nachgeschoben, der Ofen war dauernd in Betrieb." Sein Kollege Unverhau betonte in späteren Gesprächen, dass an seinen Händen kein Blut klebe. Womit er wohl andeuten wollte, dass er den Opfern keine blutenden Wunden beibrachte, bevor er sie ins Gas jagte.

Nach den Berichten von betroffenen Pflegekräften gab es in In Hartheim außer dem Alltag mit Transporten, Vergasung und der Reinigung der Gaskammer wenig andersweitige Beschäftigung, da sie im Todesschloss wohnen mussten. Deshalb seien die Alkoholekzesse und zahlreichen Liebschaften für sie ein Ventil gewesen, mit den Grausamkeiten ihrer Arbeit fertig zu werden und somit verständlich. Eigenartig dabei ist nur, dass das Verständnis immer nur für die Täter rausgekramt wird. Bei den Opfern wird dagegen geforscht, wodurch sie ihr Schicksal mitverursacht haben. Opfer bekommen kein Verständnis, im Gegenteil. Irgendwie schafft man es immer, sie als Mittäter zu brandmarken, während die Täter zu Opfern werden. Für solche Logik fehlt mir leider das nötige wissenschaftliche Verständnis und die gesellschaftssoziale Reife.

Aber in den Schilderungen der Pflegekräfte fehlten die abendlichen Feste, die gemeinsamen Ausflüge auf Kosten der Verwaltung, was hieß, dass die Ermordeten diese Ausflüge bezahlten. In den Autobussen der Gekrat, in denen tagsüber die todgeweihten Patienten herangekarrt wurden, kutschierte abends das Personal zu gemeinsamen Kinobesuchen nach Linz. Für die Ferien der gestressten Euthanasiemitarbeiter hatten die Nazis 1940 die "Villa Schoberstein" in Weißenbach am Attersee beschlagnahmt. Dort konnten sie ihren Urlaub Marke "Alles inklusive" verbringen. Obwohl es nicht gerne gesehen wurde, saßen die Mörder der Vernichtungsanstalt abends in nahe am Schloss gelegenen Kneipen. Maria Lambert, geborene Brandstätter, berichtete von einem bunten Abend, den die SS-Mörder des KZ´s Mauthausen veranstalteten und wozu sie die Hartheimer Mörder einluden.

Darum stößt mich das vorgetragene Geplänkel der Pflegekräfte untereinander auch massiv ab. So beklagten sich viele junge Pflegerinnen aus Österreich über die Arroganz der Frauen aus dem Reich ihnen gegenüber als "Ostmärkerinnen". Die Arbeitsbedingungen wurden kritisiert, nicht die Toten. Hatten die keine anderen Probleme angesichts der tausenden Ermordeten?

Nach den Berichten von anderem Pflegepersonal waren die "Kollegen" aus der Mordfabrik Hartheim kräftige, große, junge Männer und Frauen in weißer Spitalstracht. Sie gingen zumeist rüde mit den Patienten um und es interessierte sie nur eine schnelle Verladung der Patienten. Die Menschen, die sie in die Busse trieben, sahen sie als eine Art Schlachtvieh an, die stanken und lästig waren. Ihre rüpelhafte, menschenverachtende Art gegenüber Patienten, auch körperlicher Art, wurde mehrmals unabhängig voneinander bezeugt. Die Hartheimer Pfleger sollen unter ihren Jacken Pistolen getragen haben und verfügten über Handschellen für unruhige Patienten. Auch wurden Patienten durch Injektionen sediert, um sie für den Transport ruhig zu stellen.

Die Pfleglinge wurden natürlich nicht darüber informiert, was ihnen passieren sollte. Meist wurde ihnen erzählt, dass sie eine Urlaubsfahrt in ein ganz tolles Heim machen, sodass viele sich über die Fahrt freuten. Ein Augenzeuge in Hartheim berichtete von einem Kindertransport, der dort ankam. Eine Pflegerin, eine stattliche Person, versprach den Kleinen, dass man nun die Pferdchen anschauen werde. Als die behinderten Kinder in der Gaskammer waren und in dem gefliesten Raum Angst bekamen und anfingen zu schreien, hätte sie triumphierend gekreischt: "Da kommt niemand mehr heraus!"

Hartheimer Pflegepersonal sagte bei späteren Verhören aus, dass manche Patienten glaubten, es ginge wirklich zum Duschen und wollten Seife und Waschlappen mitnehmen. Andere ahnten, was man mit ihnen vorhatte. Sie schrieen und bettelten um Gnade. Das Pflegepersonal spritzte sie mit Morphium nieder und trug sie in die Gaskammer, in denen vierzig bis achtzig Patienten eingepfercht waren. Dann verschlossen die Pflegekräfte die Tür.

Wieweit sie der Massenmord wirklich belastete, wird daran ersichtlich, dass einige ab 1942 in den reinen Vernichtungslagern der "Aktion Reinhard" mitwirkten. Die Ybbser Schwestern waren keine Opfer. Sie waren verroht, entmenschlicht, ausschließlich auf ihren Vorteil bedacht, geld- und sexgierig. Im Linzer Strafverfahren gegen sie hätte man ihnen als erstes ihr Examen entziehen und ein Berufsverbot aussprechen müssen, um die Schande aller Pflegekräfte ein für alle Male aus der Pflege zu entfernen. Denn unglaublicherweise arbeiteten einige nach ihrer Haftzeit wieder als Krankenschwestern oder Krankenpfleger. Zum Beispiel die ehemalige Stationsschwester vom "Spiegelgrund", der man im Nachkriegsprozess den Mord von wenigstens 24 Kindern nachwies. Nach ihrer Haft findet sich ihre Spur im Wiener St. Anna Kinderspital. Dort arbeitete sie ab 1951 als diplomierte Krankenschwester, so, als wäre nie etwas geschehen.

Und es war auch nicht so, dass die Pflegekräfte nicht wussten, dass sie an einem Massenmord beteiligt waren. Eine Aussage einer Grafenecker Pflegerin machte deutlich, dass die Nazis nichts anderes waren als gemeine Mörder, die nicht einmal ihre eigenen Kriterien einhielten: "Als die ersten Transporte eintrafen, waren sowohl die Ärzte als auch das Pflegepersonal entsetzt, dass Menschen ankamen, die nach unserer Auffassung nicht in das Euthanasieprogramm fallen sollten, da sie zu einem großen Teil - man kann etwa 25 Prozent sagen - körperlich noch in gutem Zustand, reinlich und auch noch ansprechbar waren. Ich habe erlebt, dass zum Beispiel Dr. Baumhardt in solchen Fällen einfach den Federhalter hinlegte und in seiner Wut nach Stuttgart ins Innenministerium fuhr. Anderntags setzte er allerdings den Betrieb fort, wobei mitunter auch einige Kranke zurückgestellt wurden. Geäußert hat sich Dr. Baumhardt allerdings nie, sodass ich nicht weiß, was in Stuttgart gesprochen und entschieden wurde. Wir, das heißt das Pflegepersonal, waren immer wie vor den Kopf geschlagen, wenn dann anderntags die Vergasung fortgesetzt wurde, ohne dass uns Dr. Baumhardt irgendeine Erklärung über die Zusammenhänge abgab." Hatten sie nach einer Erklärung gefragt?

Eine Augenzeugin, die zufällig einen Transport beobachtete, berichtete, dass die Opfer aus dem Bus laut "Mörder, Mörder!" geschrieen hätten. So verhalten sich aber nicht angeblich schwer geisteserkrankte Menschen, die ihre Außenwelt nicht mehr realisieren.

Etwas Ähnliches berichtete eine Bürokraft aus der Tötungsanstalt Bernburg. Sie habe einen Tötungsvorgang durch die Scheibe an der Gaskammertür beobachtet, worauf eine Frau in der Kammer sie erblickte und ihr noch "Ihr Mörder, ihr Mörder, das wird sich rächen!" zurufen konnte. Als sie und ihre Kollegin, ebenfalls in dieser Anstalt Bürokraft, Ende 1942 die Vergasungsanstalt verlassen mussten, seien die Beiden nach Aussagen anderer Beschäftigten todunglücklich gewesen. Muss ein gutes Arbeitsklima gewesen sein. Immerhin wurden die Beiden nach 1945 mit guten Jobs entschädigt: Eine arbeitete in der Verwaltung des deutschen Bundestages, die Andere als Angestellte unter dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke im Bundespräsidialamt, dem sie auch ihre Erlebnisse in Bernburg berichtete. Herr Lübke schmiss sie aber anscheinend nicht entsetzt raus. Offensichtlich fehlte es ihm nicht nur an englischen Sprachkenntnissen.

Nachweisbar wurden nicht nur behinderte Menschen in den Euthanasieanstalten umgebracht. Schwer erkrankte Tuberkulosekranke, Zwangsarbeiter, Homosexuelle, "Gewohnheitsverbrecher", "Asoziale", Kriegsgefangene, Prostituierte, politische Gegner, Greise, Juden oder zum Beispiel Kinder aus sogenannten Mischlingsehen kamen dort um. Als Mischehe galt, wenn Angehörige des jüdischen Glaubens mit Nichtjuden oder konvertierte Juden mit Nichtjuden verheiratet waren. Menschen, wo ein Eltern-, Großeltern- oder Urgroßelternteil jüdisch war, bezeichneten die Nazis als Halb-, Viertel- oder Achteljuden. Eine eidesstattliche Erklärung einer Oberschwester aus der Anstalt von Hadamar belegt, dass im Mai 1943 etwa dreißig gesunde Kinder, die als Mischlinge galten, durch Injektionen umgebracht wurden. Das Pflegepersonal stammte überwiegend aus strenggläubigen Familien. Diese frommen Schwestern widersetzten sich dem Morden nicht. Pflegeschwester Margarete Borkowski sagte Ende 1947 vor Gericht aus: "Es war schrecklich für mich, aber ich habe es als einen Auftrag betrachtet, den ich zu erfüllen hatte."

Nachträgliche Aussagen von Pflegekräften erzählen vielfach von enormen psychischen Belastungen. Auch weil eine ihrer Aufgaben darin bestand, die Gaskammer nach der Ermordung der Menschen von Urin, Kot und Erbrochenem zu reinigen. Weil ja die Menschen, laut Aussagen der Euthanasiemörder nach dem Krieg, in den Gaskammern alle friedlichst in den Tod hinübergeschlummert waren.

Es hinderte das Personal, auch die Pflegekräfte, jedenfalls nicht daran, sich an den Nachlässen der Ermordeten zu bereichern. Das Pflegepersonal sortierte die Kleider und persönlichen Habseligkeiten der Opfer. Schwestern und Pfleger bedienten sich derart unverfroren an Kleider- und Lebensmittelkarten, Zahngold oder Wertsachen, dass die Nazis deshalb mehrmals Untersuchungen durchführten. In Hartheim "beschenkte" Christian Wirth, der Herr Kriminaloberkommissar, die Beschäftigten. Später spielte man in den Euthanasieprozessen den Wert dieser "Geschenke" zur Bedeutungslosigkeit herunter. Maria Wittmann behauptete: "Da wir keine Dienstkleidung hatten, hat mir Polizeihauptmann Wirth aus dem Nachlass von Patienten alte Schürzen und einmal Schuhe gegeben." (Was eine glatte Falschaussage war, da das Hartheimer Personal in Anstalten, wo sie Patienten abholten, in weißer Spitaltracht erschienen) Pfleger Hermann Merta meinte dazu: "Vom Hauptmann Wirth habe ich 2 Anzüge und einige Taschentücher aus dem Besitz der getöteten Patienten bekommen." Karl Harrer konnte sich daran erinnern, "einige Male von Hauptmann Wirth Effekten von den Beständen der Geisteskranken wie z.B. einen Mantel, einen Anzug und dergleichen" bekommen zu haben. Und Anna Griessenberger vermachte der großzügige Polizist ab und zu mal Paar Schuhe. Sie betonte aber gleichzeitig, "Heimgebracht habe ich aber von solchen Sachen nichts.".

Einige österreichische Pfleger und Pflegerinnen stellten sich auch insoweit als Opfer dar, da sie ja von den Deutschen besetzt wurden. Natürlich war der Anschluss von Österreich ein Gewaltakt, aber er wurde von zahlreichen Österreichern toleriert und sehr viele waren selbst überzeugte Nazis. Nur so kann erklärt werden, dass im Wiener "Steingrund" unter aktiver Mitwirkung des Pflegepersonals Kinder umgebracht wurden. Oder dass in der Außenstelle Gschwendt der Anstalt Niedernhart reichlich "Wilde Euthanasie" betrieben wurde. Die dortige Heimleiterin war dafür berüchtigt, dass sie aus eigenem Antrieb mit den Pfleglingen ausgesprochen brutal umging.

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Pflegekräfte morden weiter

Auch die "Aktion 14f13" geschah unter Mitwirkung des "erprobten" Pflegepersonals. Zum Beispiel half die Pflegerin Maria Brandstätter in Hartheim bei Vergasungen von Häftlingen aus dem Konzentrationslager in Mauthausen. Ihren Ehemann, den Maurermeister Lambert, lernte sie in der Vernichtungsanstalt Hartheim kennen. Sie wusste, woher die Häftlinge kamen, weil sie einmal im KZ Mauthausen gewesen war. Die Pflegerin amüsierte sich dort bei einen "Bunten Abend" der SS. Nach 1945 verkehrte sie unter anderem mit Werner Blankenburg alias Werner Bieleke. Als Werner Blankenburg und ehemaliger Oberbereichsleiter in der Kanzlei des Führers wurde er als Kriegsverbrecher von den Alliierten gesucht. Ihm unterstand ab 1942 das Personal, dass in Vernichtungslagern in Sobibor, Treblinka und Belzec anderthalb Millionen Kranke und Behinderte ermordete. Für seinen Sonderauftrag, den er auf breiter Basis im geforderten Tempo ausführte, verlieh ihm der Führer das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse. Natürlich verriet die Hartheimer Pflegerin Maria Lambert den Duzfreund ihres Mannes nicht.

Unter seiner neuen Identität verlobte sich 1949 Bieleke, der aber als Blankenburg bereits verheiratet war, mit einer - na was wohl, Krankenschwester. Ganz zufällig will sie ihn kenngelernt haben. Na klar, die wusste auch nichts. Und natürlich ahnte sie auch nicht, warum Bieleke so gerne nach Stuttgart reiste. Da lebten viele frühere Mitarbeiter der Tötungsanstalten, Bürokräfte wie auch Pflegerinnen. 1957 starb Bieleke und wurde unter diesem Namen in Stuttgart-Wangen beerdigt. Seine Verlobte, die edle Krankenschwester, machte es anscheinend auch nicht stutzig, wieviele Nazis Bieleke alias Blankenburg das letzte Geleit gaben. Sie pflegte lange noch sein Grab. Ihre Tante war übrigens Opfer der T 4 Aktion. Mit den Taten ihres Verlobten gegenübergestellt antwortete sie nur: "So, wie ich ihn als Menschen kennengelernt habe, kann ich mir nicht vorstellen, wie er dazu kommen konnte, an einer solchen Sache mitzuwirken".

Unter Blankenburg arbeiteten etliche Krankenpfleger, die jedoch nach 1945 gottlob nicht alle den Weg zurück in ihren Beruf fanden. Beispielsweise Pfleger Zierke, der als SS-Unterscharführer nach Grafeneck und Hadamar in Belzec, Sobibor und Triest (Aktion Reinhardt) mordete, musste sich nach Kriegsende als Sägearbeiter durchschlagen. Der Verkäufer in einem Andenkengeschäft, der mal ab und zu eine Privatpflege übernahm, war der SS-Scharführer Stadie, der als Pfleger von Bernburg 1942 nach Treblinka kam, um neben seinem Killerjob jüdische Menschen anzuschreien und zu schlagen. Und da gab es den alten harmlosen Pförtner, der vor seiner Rente als Maurer arbeitete. Davor allerdings war der SS-Oberscharführer Gley Krankenpfleger in Grafeneck, Sonnenstein, Belzec, Sobibor und zuletzt Triest.

Andere hatten mehr Glück, jedenfalls für die eigene Person. Denn für die Pflege war es wohl eher kein glücklicher Moment, als sich die Verbrecher wieder in dem Berufsstand einfädelten. Der Krankenpfleger Schluch arbeitete zunächst als Bauarbeiter, doch 1952 gelang ihm der Sprung in den alten Beruf. Grafeneck, Hadamar, Belzec waren die Eckpunkte in seiner Nazikarriere. SS-Unterscharführer Unverhau, Pfleger in Grafeneck, Hadamar, Belzec, Sobibor und Triest kam als Krankenpfleger in Königslutter unter. Der Krankenpfleger Matthes, ein SS-Scharführer, der in Treblinka dafür sorgte, dass das fließbandartige Morden ungestört ablief, wurde nach 1945 und Arbeitsstellen in Ansbach und Andernach schließlich Abteilungspfleger in Bayreuth. 

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Mörder im weißen Kittel

Viele Ärzte begriffen eine Mitarbeit bei der Euthanasie als Karrieresprungbrett. Dr. Georg Renno, der Euthanasiearzt von Hartheim in Österreich, damals als Ostmark bezeichnet, war der stellvertretende medizinische Leiter in Hartheim. Vorher wirkte er als einer der Gutachter, die vom Schreibtisch aus das "unwerte Leben" aus dem "gesunden Volksganzen" herausfilterten. Renno weigerte sich, der Anordnung Hitlers Folge zu leisten, selbst den Gashahn aufzudrehen mit dem Argument: " ....habe nicht Medizin studiert, um einen Gashahn aufzudrehen...." Für ihn öffnete dann ein Brenner auf seine Anordnung das Gasventil.

Aussagen der Ärzte, dass der Gastod friedlich vonstatten ging und die Patienten friedlich eingeschlafen seien, waren eine glatte Lüge. Nach Zeugenaussagen klammerten sich die verängstigten Pfleglinge derart aneinander, dass es später schwerfiel, die in Todesangst aneinandergeklammerten Körper zu trennen. In einzelnen Fällen gelang es sogar Patienten, an den glattgefliesten Wänden bis zu den Fenstern hochzuklettern, was ihnen freilich letztendlich doch nichts nützte. Die Gesichter der Toten zeigten die Spuren eines entsetztlichen Todeskampfes. Viele erbrachen, bevor sie starben.

Etliche Euthanasieärzte versteckten sich hinter einer Überkorrektheit, um für sich und Andere den Anschein der Legalität zu wahren. Als Beispiel: ein Pfleger aus einer Anstalt, der beim Abtransport von Pfleglingen beobachtet, dass die Begleitpersonen grob und rüde mit ihnen umgehen, beschwerte sich bei dem Euthanasiearzt Dr. Lonauer, dass so eine rohe Behandlung der Geisteskranken beim Verladen von Transporten nicht notwendig sei. Der Euthanasiearzt gab dem Pfleger Recht und ließ dem Hartheimer Personal ausrichten, dass er, Dr. Lonauer, derartige Behandlungen und Vorkommnisse in seinem Hause nicht dulde. Was ihn aber nicht daran hinderte, die Pfleglinge in die Gaskammern zu schicken.

Nur die wenigsten Euthanasieärzte sind nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen worden. Sie setzten sich ab, flüchteten ins Ausland wie Dr. Mengele, verpassten sich eine neue Identität,  täuschten Erkrankungen vor, durch die sie als verhandlungsunfähig galten wie Dr. Renno, machten Selbstmord wie Dr. Lonauer oder praktizierten ganz seelenruhig weiter.

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Braune Karriere in Schwesterntracht

Eine bedeutende Karriere machte unter den Nationalsozialisten Eleonore Mayer, die am 7.9.1885 in Kirchdorf bei Bad Aibling geboren wurde. Nach einer schwierigen Kindheit und dem Beginn der beruflichen Laufbahn als Putzfrau gelang es ihr sehr schnell, Aufmerksamkeit zu erregen. Mit sechzehn Jahren mußte sie sich bereits wegen einer Geschlechtskrankheit behandeln lassen, einige Jahre später wurde sie wegen Prostitution verurteilt und mit zwanzig Jahren bekam sie ihren unehelichen Sohn Wilhelm.

 Ihren Sohn brachte sie bei der Stiefmutter unter und ging mit einer befreundeten Krankenschwester Ende 1905 nach Ägypten. Nun nutzte sie die Verwirrungen betreffs Ausbildung und Status der Krankenpflege und nahm eine Arbeit im Kairoer Hospital als Krankenpflegerin an. Nebenher erledigte sie noch private Pflegen. Knapp zwei Jahre später begleitete sie einen Patienten nach Deutschland und ließ sich in München nieder.
 
Ohne Schwesternexamen fand sie keine Aufnahme in einer anerkannten Schwesternorganisation. Daher trat sie dem „Gelben Kreuz“, einer Vereinigung freier Schwestern, bei. Um sich als sogenannte „wilde Schwester“ einen seriösen Anstrich zu geben, legte sie sich den Namen Schwester Pia zu, eine ziemlich dummdreiste Anlehnung an den Papstnamen. Sie arbeitete dann als Hauskrankenpflegerin, ihre Patienten fand sie über Privatanzeigen in der Zeitung.
 
1909 mit vierundzwanzig Jahren wurde aus ihr Eleonore Baur, nachdem sie den Maschinenbauingenieur Ludwig Baur ehelichte, der auch ihren Sohn durch Adoption „legalisierte“. Die „Versorgungsehe“ wurde vier Jahre später geschieden. Nach der Scheidung versuchte sie sich mühsam, durch Privatpflegen, Entbindungshilfen in ihrer Wohnung und dergleichen wirtschaftlich über Wasser zu halten.
 
Mit der Konterrevolution schlug nun ihre Stunde. Sie arbeitete 1919 in den fliegenden Sanitätsstationen der rechtsradikalen Freikorps. An Kämpfen im Rahmen des Kapp-Putsches nahm sie als Sanitätsangehörige und „Sturmtruppenschwester“ aktiv teil, erlitt dabei angeblich bei Annaberg eine Schußverletzung am rechten Oberschenkel. Durch mehrere Orden für „Tapferkeit und Treue“ von den Freischärlern erfuhr sie die Anerkennung, nach der sie schon lange lechzte. Der Kapp-Putsch brach durch einen Generalstreik zusammen.
 
Im Januar 1920 trat sie der DAP bei, dem Vorläufer der NSDAP.  Von 1920 bis 1923 beschränkte sie ihre Tätigkeit nicht nur auf das pflegerische, sondern verteilte für die DAP Flugblätter, klebte Plakate, agitierte gegen die Juden, unterstützte die Parteiversammlungen und schreckte auch vor Prügeleien in den Versammlungen nicht zurück. 1920 wurde sie im Rahmen der Parteiarbeit beim Landgericht München I aktenkundig wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Die Justiz, damals auf dem rechten Auge blind, sprach sie frei. Ihre extremen Auftritte waren sogar ihren Parteigenossen, die selber zu massiven Gewalttätigkeiten und Hetzreden neigten, zuviel. So wurde 1920 bei der DAP vermerkt: „Pia soll sich zurückhalten“.
 
1923 heiratete sie den zehn Jahre jüngeren Parteigenossen Sponseil. Die Ehe hielt bis 1935.  Nach der Scheidung nahm sie wieder den Namen Baur an. Hitler unternahm 1923 einen ersten Versuch, die Macht an sich zu reißen. Als er und die SA am 8.11.1923 im Münchner Bürgerbräukeller einfielen, durfte natürlich Schwester Pia  nicht fehlen. Und einen Tag später marschierte sie in der vierten Reihe in Richtung Kriegsministerium mit. Vor der Feldherrnhalle beendete ein Polizeiaufgebot den Spuk, wobei es Tote und Verletzte gab, die nun von Schwester Pia versorgt wurden. Als Dank erhielt sie später als einzige Frau mit der Nummer 61 von Hitler den „Blutorden“.
 
Schwester Pia zog sich nach ihren eigenen Angaben nach dem Prozeß gegen Hitler von der aktiven Politik zurück. Allerdings stand sie 1928 unter dem Verdacht, an Sprengstoffversuchen der Nazis beteiligt gewesen zu sein und 1932 prügelte sie sich als „Parteischwester“ mit der fliegenden Sanitätsstation der SA mit Reichsbannerleuten, dem Kampfverband der Sozialdemokraten, herum.
 
Der Rückzug aus der direkten Öffentlichkeit war wohl eher nicht ganz so freiwillig. Die Nazis versuchten nach Hitlers Festungshaft sich einen legalen Anstrich zu geben und „salonfähig“ zu werden. Da störte eine Eleonore Baur, die mit ihrer Primitivität, dumpfen Judenhetze, schriller Agitation, Dummheit und rüpligem Verhalten auch in den eigenen Reihen auf Ablehnung stieß.
 
Nach der Machtergreifung trat sie wieder verstärkt in die Öffentlichkeit. Sie mußte überall dabeisein, überall mitmischen. Ausschlaggebend für ihre Akzeptanz war der Nimbus der alteingeschworenen, unzertrennlichen Treue der Weggefährten und Kampfgenossen der ersten Stunde, mit denen sich Hitler und sein Gefolge umgaben. Zu diesem Bilde hätte es nicht gepasst, eine Parteiangehörige der Gründungszeit abzuschieben.
 
Da es ihr wirtschaftlich immer noch nicht gut ging, verschaffte ihr Heinrich Himmler, obwohl sie auch ihn anwiderte, zum 1.4.1934 einen Job als Zivilangestellte bei der SS. Dort verdiente sie als „Fürsorgeschwester“ monatlich 320 Reichsmark. Zusätzlich erhielt sie einen Dienstwagen mit Chauffeur. Die damit erfolgte finanzielle Unabhängigkeit beschleunigte vermutlich auch das Ende ihrer Ehe. 1936 wurde sie die Ehrenoberin der „Braunen Schwestern“.
 
Als „Fürsorgeschwester“ betreute sie fortan die SS-Männer, vor allem die in den Konzentrationslagern. Sie trug stets die Schwesterntracht mit Haube, obwohl ihre Arbeit bei der SS nichts mit Krankenpflege zu tun hatte, denn in erster Linie organisierte sie für die SS-Leute Feste, die sehr schnell ausuferten. Sehr häufig war sie im KZ Dachau. Als „Blutordensträgerin“, dem höchsten Parteiorden, und Gründungsmitglied der NSDAP verlangte sie die gleichen Ehrenbezeugungen, die bei den hohen Parteifunktionären üblich waren. Wehe dem, die Häftlinge erkannten nicht sofort ihre Begleitmannschaft und grüßten. Dann setzte es 25 Stockschläge auf dem „Bock“.
 
Ab 1934 mußten Häftlinge aus dem KZ Dachau als „Kommando Pia“ Zwangsarbeit in ihrer Wohnung und späterem Haus verrichten. Dem „Kommando Pia“ unterstanden bis zu vierzehn Gefangene, die unter anderem ihre Villa in Unterhaching bei München umbauten und zahlreiche Nebengebäude errichteten. Das Material für diese Arbeiten organisierte sie, korrupt wie die meisten SS-Angehörigen, aus dem KZ Dachau. KZ-Häftlinge beschrieben sie später als hemmungslos, hysterisch, triebhaft und sadistisch.
 
Karl Röder gehörte auch einige Male dem Kommando an. Der Dachauer Häftling mußte bei der Frau in der Schwesterntracht schmiedeeiserne Lampen für Haus und Garten herstellen. Er berichtete, wie sie damit herumprotzte, daß sie „eine intime Freundin des Führers“ sei.
 
Jedem, auch den Gefangenen, erzählte sie ständig von ihrem ersten Treffen mit dem „Führer“, was angeblich in einer Straßenbahn stattfand. Dort will sie eine große Hetzrede gegen die Juden gehalten haben. Nachdem andere Mitfahrenden sie wegen ihrer Rede angriffen, hätte ein anderer Fahrgast sie verteidigt und das wäre Adolf Hitler gewesen. Ihrer Geschichte nach wäre sie auf seine Einladung hin zu einer Versammlung gekommen und am selben Abend der NSDAP als Mitglied Nummer 9 in die Partei eingetreten. Natürlich versäumte sie es nicht, ihre Geschichtchen im Zusammenhang mit dem „Führer“ und ihrer Person mit „Rührseligkeiten“ zu würzen.
 
Röder wusste vermutlich damals nicht, dass ihre, wie sie meinte, rührselige Story von vorne bis hinten erlogen war. Sie war schon viel früher bei der DAP Hitlers Anhängerin. Und Mitglied Nummer 9 war sie nie, denn sie kam erst durch ihre Einstellung  bei der SS in die NSDAP. Die „Blutordensträgerin“ hatte sich eingebildet, dass sie automatisch ohne Mitgliedsbeiträge der Partei angehören würde.
 
Auch trötete sie herum, daß Hitler selber ihr die Villa geschenkt habe. Diese Darstellung muss angezweifelt werden, denn sie stand nicht einmal auf seiner Weihnachtsliste. Auf dieser Liste war genauestens vermerkt, wen Hitler mit was zu Weihnachten beschenken wollte. Besonders „die Weggefährten aus der Kampfzeit“ und überwiegend Frauen standen auf der Liste, aber Schwester Pia fehlte.
 
Kein Wunder! „Der Führer“ stand eher auf hübsche und sehr junge Frauen mit der Bereitschaft, sich bedingungslos unterzuorden. Für ihren Charme einer Jauchegrube konnte er sich wohl kaum begeistern. Außerdem war Hitler eher knauserig. Eva Braun bekam 1935 von ihm ein Radio und Tassen geschenkt, 1936 eine Uhr. Ihre Schwester, mit der er ebenfalls befreundet war, ging leer aus. Zwar hatte Hitler seiner Lebensgefährtin ein Haus gekauft, aber auch nur über einen Stohmann. Wieso sollte also Hitler plötzlich bei Eleonore Baur die Spendierhöschen anziehen? 
 
Allein durch ihre Spinnereien hätte sich diese Frau nicht in Karl Röders Erinnerungen eingegraben. Sie war bei den Dachauer Insassen verhasst. Ungerührt schaute sie im KZ bei Misshandlungen der Gefangenen zu und besaß so großen Einfluss auf die Lagerleitung, dass sie sogar bei den Liquidationstransporten mitreden konnte. Sie war kein Mitglied der „Forschungsgruppe“, die sich mit sogenannten medizinischen Versuchen beschäftigte und hatte dort auch keinerlei Funktion oder Aufgabe. Aus reinem Vergnügen wohnte sie im Versuchsblock 5 Experimenten an Menschen bei, die zahlreiche Todesopfer forderten.
 
Besonders die Unterkühlungsexperimente ab dem 15.8.1942 hatten es ihr angetan. Man wollte herausfinden, wenn Flugzeugpiloten ins Meer abstürzten, wie eine lebensbedrohende Unterkühlung durch das Meerwasser verhindert werden könnte. Gleichzeitig sollten unterschiedliche Aufwärmmethoden getestet werden. Der wissenschaftliche Wert dieser Untersuchungen ist bereits dadurch in Zweifel gezogen, dass der Leiter der Versuche, Dr. S. Rascher, Stabsarzt der Luftwaffe, ohne jegliche Überprüfung als eine Aufwärmmethode seine sexuellen Phantastereien erprobte.
 
Er stellte sich den unterkühlten Schiffbrüchigen der Nordsee vor, der von seiner Frau im Bett lebensrettend erwärmt wird und favorisierte deshalb das „animalische Aufwärmen“. Rascher war nach seiner ersten Versuchsreihe zum Thema Unterdruck in den eigenen Reihen heftig umstritten. In der Luftwaffe diskutierte man seine menschenverachtenden und sadistischen Versuche sogar damals bereits kritisch.
 
Dennoch erhielt er die Genehmigung zur nächsten Versuchsreihe über Unterkühlung. Aus dem KZ Ravensbrück wurden Frauen für das KZ Dachau als „Bordellmädchen“ angefordert. „Versuchspersonen“, die in kaltes Wasser verbracht wurden, holte man im Stadium der Bewusstlosigkeit heraus.
 
Die Bewusstlosen legte man in ein Bett zwischen zwei nackte „Bordellmädchen“ und deckte die Personen mit einer Decke zu. Solche Versuche gefielen Schwester Pia, wenn  die Unterkühlten anfingen, das Bewusstsein zu erlangen und sie lustvoll kreischend versuchte, mit obzönen Bemerkungen oder Drohungen die Häftlinge in dieser Situation zum Geschlechtsverkehr „aufzufordern“.
 
Dass sie immer wieder derartige Versuche einforderte und veranlasste, bestritt sie später. Allerdings spricht sehr viel für die Richtigkeit der Vorwürfe, weil immer wieder Dachauer Insassen besonders auf ihre sexuelle Triebhaftigkeit hinwiesen und fürchteten.
 
Auch ein Häftling im KZ Auschwitz erinnerte sich an Eleonore Baur und beschrieb sie als eine alte, hässliche Frau, die in ihrer Schwesterntracht durch das Lager schritt. Von einem Mithäftling, der aus Dachau dorthin verlegt war, erfuhr er, dass es Schwester Pia sei. Im KZ Sachsenhausen tauchte sie ebenfalls auf, obwohl Frauen der Zutritt in die Konzentrationslager für Männer eigentlich verboten war. Die Not und das Elend in den KZ´s, die sie besuchte, ließen sie völlig kalt.
 
Eleonore Baur kam am 5.5.1945 kurz in Gewahrsam. Erst am 13.7.1945 verhaftete man sie endgültig. Ein Gutachten bescheinigte ihr für den anstehenden Prozess eine minderbegabte Persönlichkeit, erhebliches Geltungsbedürfnis, sexuelle Triebhaftigkeit, Primitivität. Es wurde keine Geisteskrankheit oder Geistesschwäche festgestellt, sodass sie als voll schuldfähig galt. Im August 1949 verurteilte man sie zu zehn Jahren Arbeitslager unter Anrechnung der halben Vorhaft aus politischen Gründen.
 
Ein Prozess zu ihren direkten Verbrechen in den Konzentrationslagern verlief im Sande. Kein Häftling erhielt durch diesen Prozess zumindest im Ansatz Gerechtigkeit für die Demütigungen und Verletzungen, die er durch sie erlitten hatte. Niemanden erstattete sie die Kosten für die erpresste Zwangsarbeit in ihrem eigenen Haus. Im späteren Berufungsverfahren verminderte sich noch einmal das Strafmaß.
 
Aber bereits am 23.6.1950 wurde sie aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen. Auch wenn der Haftbefehl bestehen blieb, lebte sie fortan auf freiem Fuß. Diese gesundheitlichen Gründe erscheinen etwas eigenartig angesichts der Tatsache, daß die Frau 95 Jahre alt wurde und erst am 18.5.1981 in München starb.
 
1945 endete ihre bemerkenswerte Karriere von der Hure zur Ehrenoberin der „Braunen Schwestern“. Gerade einmal fünf Jahre büßte sie ihre Teufeleien in der Schwesterntracht, bevor sie unangefochten 31 lange Jahre einen friedlichen Lebensabend unter den Münchner Bürgern verbringen konnte. Bis zum Schluss zeigte sie keinerlei Reue. Man muss sich schon manchmal über die deutsche Justiz wundern.
 
Ich hätte zu gerne mich mal mit einer Braunen Schwester über ihre Ehrenoberin unterhalten, hätte sie danach gefragt, ob ihr nicht Zweifel kamen angesichts so einer Type an der Spitze ihrer Schwesternorganisation. Leider konnte ich keine für ein persönliches Gespräch ausfindig machen.
 
 
Wenn aus Schatten Sumpf wird
 
Ich erinnere mich bestens an eine Heimleiterin in einem kleinen privaten Pflegeheim, die eine examinierte Krankenschwester war. Das wunderte mich sehr, denn die Frau hatte von der Grundpflege nicht die geringste Ahnung. Sie schaffte es sogar, Rectal- und Axillartemperatur nicht sicher einordnen zu können. Erstaunlich war allerdings ihr enormes pharmazeutisches Wissen. Ohne irgendwo nachschauen zu müssen, gab sie die genauen Bestandteile eines Medikamentes an und wusste sofort, welches Medikament gleich oder ähnlich beschaffen war und wirkte. Damit verblüffte sie mich immer wieder und wenn ich später in den Waschzetteln der Medikamente nachlas, stellte ich fest, dass sie sich in diesem Bereich niemals irrte.
 
Ich wusste, dass die Frau lange in russischer Gefangenschaft gewesen war. Eine ältere Kollegin, mit der ich früher im Krankenhaus zusammengearbeitet hatte und mit der ich später in Verbindung geblieben war, hatte zum Kriegsende als Rotkreuzschwester in einem Lazarett bei Stettin gearbeitet. Dort geriet sie ebenfalls in russische Gefangenschaft, wurde aber nach einigen Tagen entlassen. Sie meinte, dass das eher die Regel war, dass weibliche Pflegekräfte nur kurz festgehalten wurden.
 
Bestätigt wird ihre Aussage zum Beispiel durch die Berichte des KZ-Arztes Mengele. Mengele flüchtete aus Ausschwitz vor den anrückenden russischen Truppen. Er vergaß nicht die Unterlagen über seine „Experimente“ und schloss sich rückweichenden Wehrmachtseinheiten an. Er entledigte sich seiner SS-Uniform und schlüpfte in eine Wehrmachtsoffiziersuniform.
 
In einem motorisierten deutschen Feldlazarett arbeitete er durch die Vermittlung eines ehemaligen Studienkollegen in der Inneren Medizin. Dort lernte er eine junge Krankenschwester kennen, deren Personalien bisher unbekannt blieben. Mit ihr begann er ein sexuelles Verhältnis. Sie bewahrte für die „Bestie von Auschwitz“ die „Forschungsnotizen“ auf. So riskierte er nicht, bei einer eventuellen Verhaftung das Material bei sich zu haben, was ihn unweigerlich als KZ-Arzt entlarvt und ihm vermutlich den Kopf gekostet hätte. Er wusste, dass Krankenschwestern, die die Alliierten ergriffen, meist nur registriert wurden und bald wieder freikamen. 
 
Seine Rechnung ging auf. Die Krankenschwester geriet zwar wie Mengele in amerikanische Gefangenschaft. Aber sie wurde wenige Stunden später wieder freigelassen. Durch Schlampereien der amerikanischen Militärs erhielt auch Mengele nach einiger Zeit die Entlassungspapiere. Er wagte sich in die sowjetische Zone und holte von der Krankenschwester seine Unterlagen ab, die sie ihm auch „schön brav“ aufgehoben hatte.
 
Diese Krankenschwester war aber von den Amerikanern gefasst worden. Nehmen wir einmal an, dass die russischen Streitkräfte anders verfuhren und meine Heimleiterin als einfache Krankenschwester trotzdem grundlos sehr lange in Haft kam. Dann gab es nach Aussage meiner ehemaligen Kollegin die Möglichkeit, dass Rotkreuzhelferinnen, die jahrelang in der Kriegszeit arbeiteten, auf Antrag nach ihrer Gefangenschaft, quasi als eine Art Wiedergutmachung, das Schwesternexamen ohne weitere fachliche Prüfung zuerkannt bekamen. Man ging davon aus, dass sie sich in den Lazaretten genügend Fachkenntnisse angeeignet hätten und dass sie bedingt durch die Kriegszeit an keiner regulären Ausbildung teilnehmen konnten. Das würde immerhin erklären, dass eine examinierte Krankenschwester von der Grundpflege nichts verstand.
 
Meine Heimleiterin führte die Einrichtung ausgesprochen beliebig. Hatte sie „gute Laune“, war sie für Argumente zugänglich und es herrschte fast ein kumpelhaftes Arbeitsklima. Aber wehe dem, ihr war eine „Laus über die Leber gelaufen“. Dann tobte sie durch das Haus, putzte die Pflege- und Hilfskräfte herunter wie Schulkinder und begegnete den Patienten mit einem bemerkenswerten Zynismus. Und eins war allzeit klar: sie führte nicht das Heim, sie herrschte über das Heim. Ihre Launenhaftigkeit war unberechenbar und ihre Unbeherrschtheit grenzenlos. Ihre Machtansprüche ähnlich eines Feudalherren unterstrich sie mit ihrem Lebensstil, denn sie lebte auf bemerkenswert „großem Fuße“. Verhaltensweisen können sich verselbständigen. Woher kamen die Wurzeln dieses Verhaltens?
 
Ich lernte per Zufall in einer Kneipe eine Frau kennen. Sie trank sich dort reichlich Mut an, weil sie nach Jahren das erste Mal wieder ihre Mutter treffen wollte. Als Jugendliche hatte sie Details aus dem Leben ihrer Eltern während der Nazizeit erfahren. Geschockt verließ sie daraufhin ihr Elternhaus und fand in den Niederlanden eine neue Heimat, wo sie den Beruf der Krankenschwester erlernte und seitdem dort arbeitete. Sie wollte mit ihrem Wohnort und Arbeitsplatz möglichst viele Kilometer zwischen sich und ihrer Mutter bringen, um jegliche Verbindung mit ihr zu vermeiden.
 
Ihre Mutter machte den Wohnort der Tochter ausfindig und bettelte jahrelang um Kontakt. Schließlich ließ sie sich auf einen Besuch ein, da es ja immerhin ihre Mutter war. Aus ihren Erzählungen entnahm ich, daß ihre Mutter eindeutig zu den Nazitätern gehörte, die unter Hitler Horror und Grauen verbreitete. Weiter äußerte sie sich nicht, aber es war spürbar, wie sehr sie unter der Vergangenheit ihrer Erzeugerin litt und wie extrem es sie belastete.
 
Als ich am nächsten Tag auf meiner Arbeitsstelle ahnungslos nach einem Klingeln die Haustür öffnete, rutschte mir fast der Unterkiefer auf Kniehöhe: vor mir stand meine Kneipenbekanntschaft. Es haute mich vor Überraschung bald um. Natürlich war es mir am Vorabend nicht in diesem Zusammenhang eingefallen, dass meine Heimleiterin seit Wochen konstant bester Laune war, ein eher seltenes Ereignis. Die letzten Tage schwebte sie durch das Haus und flötete voller Fröhlichkeit so süß und rein wie eine Nachtigall, sodass auch unsere geistigbehinderten Bewohner sich fragend und besorgt anguckten. Von nichts anderem hatte sie in letzter Zeit erzählt, als dass ihre Tochter sie besuchen würde und ich war anfangs sehr erstaunt, denn bisher hatte sie immer nur von einem Sohn gesprochen. Nachträglich konnte ich mich auch nur über meine Begriffsstutzigkeit wundern, aber wer rechnet denn damit, wie klein die Welt ist. "1+1=" kann manchmal eine ganz schwere Aufgabe sein. 
 
Meiner Heimleiterin war die Klingel ebenfalls nicht entgangen. Als sie zur Tür kam und bemerkte, wie fassungslos ihre Tochter und ich uns anstarrten, fiel ihre Begrüßung für das verlorengeglaubte Kind nach ihrem tagelangen Höhenflug bemerkenswert kühl aus. Die Tochter wich mir ab da aus, auch wenn sich privat noch einige Male unsere Wege durch eine gemeinsame Bekannte kreuzten. Die Heimleitung beeilte sich, eine Intrigengeschichte bei den Kolleginnen gegen mich einzurühren, die mich bald nötigte, in der Einrichtung zu kündigen. Offenbar erachtete sie es als nicht wünschenswert, dass ich über das Gespräch mit ihrer Tochter plaudern könne.
 
Im Übrigen wussten auch ältere Kolleginnen, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte, denn hinter vorgehaltener Hand wurde sehr wohl über ihre Rolle in der Nazizeit, ihre Medikamentenkenntnisse, ihre Kriegsgefangenschaft, ihrem einflussreichen Bekanntenkreis bis zu hohen Politikern und derzeitigem Lebensstandard getuschelt. Und sie schienen erheblich mehr Kenntnisse über das Vorleben dieser Dame zu besitzen als ich. Es hinderte sie aber nicht daran, weiterhin unter ihr zu arbeiten und sie im Vorhaben zu unterstützen, mich so schnell wie möglich loszuwerden. Die Informationen waren für mich leider insgesamt zu dürftig, um eine Rekonstruktion ihrer Vergangenheit zu unternehmen.
 
Einerseits bedauerte ich es, andererseits vermittelte mir dieses Erlebnis dennoch eine Erkenntnis: die Nazizeit endete nicht 1945. Die Altlasten schleppten wir noch lange weiter mit und werden sie solange weitertragen, bis wir endlich die Bereitschaft aufbringen, uns unserer Geschichte zu stellen. Viele nationalsozialistische Täter tauchten nach Kriegsende unter und in einer bürgerlichen Existenz wieder auf. So mancher angesehene Arzt der Nachkriegszeit begann seine berufliche Karriere als Hitlers Henker. Etliche Politiker saßen im Bundestag oder Bundesrat und gaben sich nicht einmal sonderlich große Mühe, ihre braune Vergangenheit zu vertuschen. Nazilehrer waren während meiner Schulzeit keine Ausnahme. Und auch die Pflegekräfte wechselten häufig nur die Tracht, nicht aber grundsätzlich ihre Gesinnung.
 
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