Ausbildung Alten- und Krankenpflege


Zwangssterilisation+Vorgeschichte Euthanasie: Übersicht

Der Weg ins Grauen Volksschädlinge Fruchtbarer Boden
Zwangssterilisierung Hitlers Helfer Opfer der Zwangssterilisierung

 

Der Weg ins Grauen

Die Euthanasiediskussion war keinesfalls neu und auch nicht die Erfindung der Nazis. Es gab immer wieder Kulturen in der Menschheitsgeschichte, die in der einen oder anderen Form Euthanasie betrieben. Da gab es beispielsweise die Spartaner, wo der Ätestenrat alle Neugeborenen begutachtete. Erfüllten die Babys nicht die "Norm" durch eine Missbildung, Behinderung, Krankheit oder geringe Körpergröße, schmiss man sie in eine Schlucht. Auch der große Philosoph Aristoteles forderte die Aussetzung behinderter Kinder. Für Martin Luther waren missgebildete Kinder ein Werk des Teufels. Und in vielen Kulturkreisen setzte man die arbeitsunfähigen Greise aus oder jagte sie davon.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden Menschen zunehmend nach ihrem "Produktionswert" eingestuft. Gleichzeitig bezeichnete man Menschen mit Behinderung vermehrt als "minderwertig". In den USA diskutierte man das individuelle "Recht zum Sterben", als ein Adolf Jost 1895 in Göttingen eine Studie "Das Recht auf den Tod" in Deutschland herausgab, was das Recht des Staates zur Tötung Minderwertiger einforderte. Die Zeitschrift "Umschau" veranstaltet 1911 ein Preisausschreiben. Die Leser sollten erraten, was "die minderwertigen Elemente" den Staat und die Gesellschaft kosten. Derartige Vorstöße gegen chronisch Kranke oder Behinderte sollten in der Gesamtsituation der damaligen Verhältnisse gesehen werden, denn nicht nur dieser Personenkreis war Angriffen ausgesetzt.

Allgemein war die Krankenversorgung ein Desaster. Bereits im Deutschen Reich hatte 1903 die "Deutsche Krankenhauszeitung" Missstände veröffentlicht. Die Krankenanstalten waren in einem unglaublichen Maße überfüllt. Die Aufnahme von Patienten trotz einer Dringlichkeitsbescheinigung ihres Arztes wegen einer akuten lebensgefährlichen Erkrankung wurde regelmäßig wegen Überbelegung abgelehnt. Ein Krankenbett zu erhaschen, war fast so etwas wie ein Lotteriegewinn. Als das Berliner Virchow-Krankenhaus einen Antrag auf Anbauten, z. B. für ein Kinderkrankenhaus, und Erweiterungen stellte, erhielt die Krankenhausleitung 1905 als Antwort: "....dass die Stadt nicht verpflichtet sei, jeden Einwohner in einem Krankenhaus zu verpflegen, der den Wunsch nach Krankenhausbehandlung hat oder für den der Arzt diesen Wunsch ausspricht."

Die Verelendung der unteren Bevölkerungsschichten im Deutschen Reich trieb viele Frauen aus sozialer Not in die Hände von "Engelmacherinnen". Aber auch eine unerwünschte Schwangerschaft in den höheren Kreisen konnte durch die bestehende Gesellschaftsordnung eine existentielle Bedrohung darstellen. Der § 218 bedrohte die Frauen mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus, wenn man sie bei einer Abtreibung erwischte. Hebammen und Ärzten drohte der Ruin bei einer Strafanzeige. Für viele "Wilden Schwestern", Hebammen und Kurpfuscherinnen eröffnete sich ein lukratives, wenn auch gefährliches Betätigungsfeld. Ein Arzt des Berliner Virchow-Krankenhauses ermittelte, dass in seinem Krankenhaus zwischen 1907 und 1912 wenigstens 200 Frauen an den Folgen eines kriminellen Abortes starben.

Doch nicht alle Pflegerinnen nahmen die Zustände widerspruchslos hin. Schwester Henriette Arendt, ehemalige Stuttgarter Polizeiassistentin, die nun im Berliner Norden lebte, wagte es 1911, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Krankenschwester nutzte ihre Kenntnisse aus der früheren Polizeiarbeit und sammelte Material und Informationen über illegale Schwangerschaftsabbrüche. Und ihr Material war brisant, nicht nur wegen der Abtreibungen. Es klagte die Kirche und den Staat auch nicht nur betreffs der verlogenen Politik gegenüber den Frauen an, sondern deckte einen ungeheueren Skandal auf.

Die Polizei duldete sogenannte "Adoptionszentralen", die gegen eine Zahlung von 700 Mark unerwünschte Kinder übernahmen. Aber die Kinder fanden keine Adoptionseltern.

Die polizeilich nicht gemeldeten Babys kamen beispielsweise in ein Dorf bei Tegel, wo Bauern neben der Viehwirtschaft mit ihnen ein einträgliches Nebengeschäft betrieben. Dort starben die Kinder schnell eines "natürlichen Todes". Betroffen waren völlig gesunde Kinder ohne jegliche Behinderung. So berichtete Schwester Henriette von einer Hebamme, die angab, nur "besseres Material", hauptsächlich Offizierskinder zu vermitteln. Eine verlogene Gesellschaftsordung zeigte hinter der biederen Maske eine grenzenlose Verrohung. Das Geschäft mit der wilden Euthanasie blühte also, als es noch gar keine NSDAP gab. Und Herr Hitler saß zu diesem Zeitpunkt noch in Wien und malte Kitschpostkarten.

Nach den Enthüllungen war Henriette Arendt gewaltigen Anpöbeleien vom Landtag ausgesetzt und benötigte deshalb sogar mehrmals Personenschutz. Die mutige Frau wich von ihren Aussagen keinen Deut ab. Alle darauf erfolgten amtlichen "Richtigstellungen" waren zwecklos. Ihre Recherchen erwiesen sich als unangreifbar und ihre Beweise als hieb- und stichfest. Angesichts dieser Zustände verwundert es also nicht, dass Menschen mit Handicap keine Gnade fanden. Die Frage war nur die, wann die letzten Skrupel mit dem kläglichen Rest an Moral schwanden.

 
 

"Volksschädlinge"

Einen erneuten Vorstoß, noch bestehende Hemmungen abzubauen, machten der Professor für Psychiatrie an der Freiburger Universität Alfred Hoche und der Jurist Karl Binding 1920 mit ihrer medizinischen und juristischen Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens". Sie verwiesen in dieser darauf, dass die Beseitigung von "leeren Menschenhülsen, Ballastexistenzen, Geistig Toten" eine "reine Heilbehandlung" sei, wenn man diese "Objekte erlöse". Die Verfasser bezogen sich besonders auf die hohen Kosten der Pflege dieser "Defektmenschen", um eine Verpflichtung und ein Recht des Staates abzuleiten, "im Sinne des Volksganzen einzugreifen". Hoche und Binding entfachten mit ihrer Schrift eine heftige Diskussion um die Euthanasie, die nicht mehr nur um das "Töten auf Verlangen" ging wie in den USA.

Alfred Hoche erweiterte den Begriff des "lebensunwerten Lebens", wie viele andere Vertreter der Euthanasie in dieser Zeit, um weitere Bevölkerungsgruppen. Denn als Ballastexistenzen galten neben Kranken und Behinderten auch "Volksschädlinge" wie Landstreicher, Alkoholiker, Verbrecher, Prostituierte, Bettler, Arbeitsscheue, Obdachlose usw. Es betraf also alle Leute, die irgendwie aus dem anerkannten gesellschaftlichen Rahmen fielen und das ging damals sehr schnell und sehr leicht. Ewald Meltzer, Direktor der sächsischen Landespflegeanstalt Großhennersdorf, versuchte angeblich gegen Hoches Schrift im gleichen Jahre Argumente gegen die Euthanasiebestrebungen zu finden. Er verschickte 200 Fragebögen an die Eltern seiner "geisteskranken" Kinder, die diese provozierend befragten, ob sie mit einer "schmerzlosen Lebensverkürzung" ihrer Kinder einverstanden seien. Der Schuss ging nach hinten los. Es kamen 162 Fragebögen zurück. Lediglich 19 Fragebögen sollen in eindeutiger Form ein derartiges Ansinnen abgelehnt haben. Diese sogenannten Beweise für die Euthanasiewünsche sprechen aber eher für eine windige Propaganda. Hoche entfachte maßgeblich die Euthanasiedebatte und ebnete den Nazis inhaltlich den Weg. Später wurde er allerdings ein entschiedener Gegner der Euthanasieaktionen der Nationalsozialisten, nachdem sie ihm die Urne seiner euthanasierten Verwandten zuschickten.

Aber auch Pfarrer, Möäche oder Religionspädagogen nahmen keine eindeutige Haltung gegen die Euthanasie ein. Etliche Kirchenvertreter formulierten ihr Kriterium für die Euthanasie: Menschen, die nicht die geistigen Vorraussetzungen hatten, um zur Religiosität fähig zu sein, wären auch nicht "lebenswert". Sie stellten zwar fest, dass ein Christ nicht aktiv töten dürfte, billigten aber dem Staat ein Tötungsrecht für beschriebene Menschen zu. Die Kirchen lehnten also nicht, wie später gerne dargestellt, insgesamt den Mord an Wehrlosen ab.

Beim 42. Deutschen Ärztetag 1921 in Karlsruhe versuchte man, Fakten zu schaffen. Der Oberstabsarzt a. D. Walter Bergemann stellte den Antrag, dass die Teilnehmer darüber abstimmen sollten, dass "lebensunwertes Leben" getötet werden darf. Seiner Meinung nach wäre eine Ablehnung seines Antrages nicht fortschrittlich. Die Abstimmung verlief ablehnend, aber die Diskussion ging weiter.

Im ersten Weltkrieg verschärfte sich die Lebenslage psychiatrischer oder behinderter Patienten in den deutschen Anstalten ungemein. Rüstungsausgaben und Kriegsführung verschlangen sämtliche verfügbaren gesellschaftlichen Ressourcen. Ärzte und Pflegekräfte wurden zum Kriegsdienst verpflichtet. In den Heil- und Pflegeanstalten und in den Heimen für Altersschwache und Sieche setzte ein Massensterben wegen Unterernährung ein.

Allein in den psychiatrischen Kliniken forderte der I. Weltkrieg deshalb 70 000 Menschenopfer. Dazu bemerkte 1920 der Psychiater Karl Bonhoeffer auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie: "Ich meine nur das, dass wir unter den schweren Erlebnissen des Krieges das einzelne Menschenleben anders zu bewerten genötigt wurden als vor dem, und dass wir in den Hungerjahren des Krieges uns damit abfinden mussten, zuzusehen, dass unsere Kranken in den Anstalten in Massen an Unterernährung dahinstarben, und dies fast gutzuheißen in dem Gedanken, dass durch diese Opfer vielleicht Gesunden das Leben erhalten bleiben könnte." Übersetzt hieß das nichts anderes, als dass ein Massensterben im I. Weltkrieg durch "Wilde Euthanasie" durch Nahrungsentzug gebilligt und gerechtfertigt wurde.

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 stürzte das Pflegewesen und die Krankenversorgung in eine tiefe Krise. Die Reformbestrebungen in der Behandlung von psychisch und physisch Erkrankten erlebten einen erneuten Tiefpunkt. Die Versorgungssätze wurden drastisch gekürzt. Vermehrt diskutierten Mediziner und Pflegekräfte in diesem Dilemma die Vernichtung von Menschen, wo sie keine Chancen einer "Heilung" erblickten. Die, die als "unheilbar" galten, bekamen die Verschärfungen massiv zu spüren durch zunehmende Verwahrlosung, Unterernährung und einer Pflege, die auf jegliche Förderung oder therapeutische Ansätze verzichtete. Diese Art der Pflege endete meist tödlich und war ebenfalls eine Form der "Wilden Euthanasie". Der Abschluss einer grauenvollen Entwicklung in der Medizin, der Pflege und der Gesellschaft. Die folgenden Naziverbrechen waren der Trommelwirbel am Schlusse des Violinkonzertes, wo Leute auf der Geige mitspielten, die sich später über die Misstöne während des gesamten Konzertes aufregten und allein die am Ende trommelnden Nazis dafür verantwortlich machten.

 

 

Fruchtbarer Boden

Professor Hoche, der radikale Verfechter der Euthanasie, auf den sich immer wieder die Nazis beriefen, wurde ein entschiedener Gegner der Euthanasie. Die Begründung dieses Sinneswandels war eine Verwandte, die durch den Naziterror umkam. Und genau hier erkennt man eine wichtige Problematik. Die Menschen, auf die er vorher zielte, die er umgebracht wissen wollte, die er selber ausgrenzte, waren eine abstrakte, anonyme Masse. Zu seiner Verwandten hatte er aber eine persönliche Beziehung. Als Psychiatrieprofessor fehlte ihm der intensive Kontakt zu seinen Patienten.

Wer sich schon mal auf einer psychiatrischen Klinik oder eine Einrichtung mit Geistigbehinderten mit eher "schwereren Fällen" beworben hat, kennt die Situation der ersten Hausbesichtigung, wenn er ehrlich genug ist: Schock. Mein Vorstellungsgespräch in einer kleinen Behinderteneinrichtung lief teilweise im Tagesraum meiner zukünftigen Gruppe ab: eine Bewohnerin versuchte mir zweimal einen Büschel Haare auszuziehen, eine zweite sprang ab und zu auf, um mit aller Gewalt gegen einen Stuhl zu treten, ein Mann saß im Rollstuhl und schrie unentwegt und in einer Ecke stand schaukelnderweise jemand und brummte. Blitzschnell tauchte ein Betreuter einer anderen Gruppe auf und entriss mir meine Kaffeetasse, während hinter mir ein Bewohner stand, der mir gerade die Schulter vollsabberte.

Hätte ich nicht bereits früher in ähnlichen Einrichtungen gearbeitet, wäre ich mit Sicherheit geflohen. Nach einigen Tagen kannte man die Namen der Betreuten, ihre Eigenheiten, ihre Geschichte und vor allem auch ihre Stärken.  Man lernte, ihre Gesten, Laute und Schreie einzuordnen und ihre Mitteilungen zu verstehen, auch wenn die Meisten nicht in der Lage waren, sich sprachlich zu artikulieren. Und es dauerte gar nicht lange, dass man sich manchesmal als aufmerksamer Beobachter fragen musste, wer denn nun eigentlich einen "Knall" hat: die drinnen oder die draußen? Aber da hatten die Bewohner ein Gesicht, eine Persönlichkeit, eine Beziehung war geknüpft. Allerdings gehörte zu meiner Gruppe, wenn auch schwerstbehindert, nur neun Menschen.

Wie sah es in der damaligen Zeit aus? Es gab keine Kleingruppen, sondern zumeist riesige Krankensäle. Es ist bekannt, dass sich unruhige Patienten gegenseitig "hochschaukeln". Ein Beispiel aus meiner Kleingruppe: Petra schrie markerschütternd laut prinzipiell beim Duschen, denn das gefiel ihr nicht sonderlich. Ihr Gekreische machte Mecki nervös und er begann zu brummen. Daraufhin wehrte sich entnervt Edward mit seiner durchdringenden Stimme gegen seine Ruhestörung. Irgendwann ertrug Karin nicht mehr diese Lautstärke, riss sich die Haare aus und brüllte nun ihrerseits. Das nervte natürlich wiederum die Anderen und erzeugte Aggressionen. Also fing Nashi heimlich an, Wehrlosere zu kneifen. Wie sollten die schon reagieren: sie machten ihren Unmut mit den Mitteln deutlich, die sie beherrschten und die Geräuschkulisse schnellte in die Höhe wie bei einem Auftritt der Rolling Stones direkt vor dem Lautsprecher. Dazu schlug Karin ihren Kopf auf die Tischplatte, während Nashi ihr den Arm blutig kratzte, Michel schlug sich mit der Faust vor den Kopf, Petra trampelte Etwas um und Rosi riss jemanden einen Haarbüschel aus. Eine völlig alltägliche, harmlose Situation.

Einzeln genommen waren alle neun Menschen liebe und angenehme Zeitgenossen mit einem ausgeprägten Ruhe- und Sicherheitsbedürfnis. Würde die heutige Gesellschaft verständnisvoller und toleranter mit Behinderten umgehen und entsprechende finanzielle und räumliche Vorraussetzungen schaffen, hätte ich ohne weiteres einen, egal welchen, dieser Menschen mit nach Hause als "Heimarbeit" genommen. Doch dann muss auch meine finanzielle Sicherheit gegeben sein. In diesem Falle einer Einzelpflege im familiären Rahmen mit fachmännischer Unterstützung wären die "Ausrutscher" gering gewesen. Etliche Familien behielten ihre schwerstbehinderten Angehörigen zu Hause, wenn staatlicherseits behindertenfreundlicher Wohnraum, materielle Unabhängigkeit und Unterstützung von Fachpersonal gewährleistet werden würde. Denn nicht Menschen mit Behinderung sind das Problem, sondern ihre Kasernierung. Behinderteneinrichtungen gehören zugunsten Familienpflegen restlos abgeschafft.

Da das aber nicht der Fall ist, saß ich bei aller Wertschätzung gegenüber meinen Bewohnern auch des öfteren abgeschottet in der Gruppenküche und bastelte bis Hundert zählend an meinem lädierten Nervenkostüm und den strapazierten Trommelfellen. Ich würde glatt lügen, wenn ich behaupte, dass mir eine solche Gruppendynamik nicht zu schaffen machte. Obwohl ich jeden Einzelnen kannte und mit ihm auch sehr gute Erlebnisse hatte. Da waren die kleinen Fortschritte, über die ich mich freute, das Vertrauen, was ich genoss. Es gab harmonische Stunden, diese uneingeschränkte Freude, wenn sie mich erblickten, und liebevolle Annäherungen. Doch diese Erfahrungen bleiben denen verschlossen, die nur selten in eine derartige Einrichtung kommen. Ihr Erscheinen löst häufig Unruhe aus, weil sie als Eindringlinge keine vertrauten Bezugspersonen sind. Besucher erhalten also so oft ein schräges Bild.

Ein Professor Hoche erschien in seiner Zeit bei den Visiten mit Sicherheit im üblichen Arztkittel, das Symbol für schmerzhafte Untersuchungen und unangenehme Therapien. Krankensäle, in denen manchmal bis zu achtzig Personen zusammengepfercht waren, erlaubten kaum eine individuelle Sicht. Und bei den Visiten damals zog der Herr Professor einen ganzen Tross Pflegekräfte und Ärzte hinter sich her. Da brauche ich nicht viel Phantasie, um zu begreifen, was in diesen Momenten abging. Mich hätten keine zehn Pferde in so einen Saal des Elends hereinbekommen und freiwillig wäre ich nie bereit gewesen, dort zu arbeiten. Dazu kommt die Versorgungslage der als Pfleglinge bezeichneten Patienten. Die Verpflegungssätze erlaubten nur eine knappe Ernährung. Die hygienischen Verhältnisse waren schon so oft genug bedenklich, auch ohne die ständigen Überfüllungen. Die Pfleger in den Psychiatrien hießen Wärter. Sie waren meistens nicht als Pflegekräfte ausgebildet In der Regel lebten sie in den Anstalten selber unter misslichen Verhältnissen. Nicht selten schliefen sie sogar in den Krankensälen. Also auch die Rahmenbedingungen stimmten nicht, um einem Außenstehenden einen positiven Eindruck von den Insassen zu vermitteln.

Genau diese Umstände erklären, wodurch Hoche seine Einstellung zur Euthanasie gewann. Er hinterfragte nicht die Lebenssituation seiner Patienten, denn die war die Norm. Er betrachtete nur als Außenstehender eine Szene, die Abscheu und Entsetzen über solch ein "Menschenmaterial" hervorrief. Seine Patienten trugen kein Gesicht. Als es aber seine Verwandte erwischte, da begriff er die individuelle Katastrophe. Zu ihr besaß er eine menschliche Bindung, sie hatte die Chance, ihm ihr Gesicht zeigen zu können. Nur so kann erklärt werden, warum der eiserne Verfechter der Euthanasie ein entschiedener Gegner wurde, der Kollegen zum Boykott und Sabotage gegen die T4-Aktion ermunterte.

 

 

Zwangssterilisierung

 

 

Mehrheitlich traten Mediziner und Pflegekräfte für eine Sterilisierung bei geistig Geschädigten weit vor dem Nationalsozialismus ein. Mehrere Landtage beschäftigten sich zwischen 1921 und 1925 mit Anträgen, die die Legalität von Sterilisierungen einforderten. Ganz Abgebrühte wie der Zwickauer Medizinalrat Gustav Boeters, der bereits 1921 auf eigene Faust Sterilisierungen anordnete und durchführen ließ, ignorierte ganz einfach die bestehende Gesetzeslage. Die verbot es nämlich sehr eindeutig.

Sogar der Psychiater Karl Bonhoeffer vertrat 1925 beim Deutschen Verein für psychische Hygiene die Sterilisierung, um so "die Kreuzung zweier Schwachsinniger zu verhüten". Anscheinend war dem Psychiater nicht klar, dass er damit indirekt der Euthanasie zustimmte.

 

Denn die Sterilisierung war nichts

 

anderes als eine Ersatzeuthanasie.

 

Sie diente der Beseitigung oder Vernichtung zukünftigen "minderwertigen" Lebens. Wobei jedoch nicht automatisch die Nachkommen "erbkrank" sein mussten. Dieser mögliche, aber so von vornherein ausgemerzte Nachwuchs, wäre mit größter Wahrscheinlichkeit bei zahlreichen Behinderungsbildern ohne jegliches Handicap geblieben. Zumindest hätten es die wissen müssen, die im Schulfach Biologie bei der Vererbungslehre aufgepasst hatten. Fatalerweise rief Karl Bonhoeffer durch seine Zustimmung zur Sterilisierung mit die Geister, die ihn später in den Widerstand zwangen und seinen Söhnen das Leben kostete.

Bereits kurz nach der Machtergreifung, am 14.7.1933 erließ Hitler das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses".

Dieses Gesetz ging nicht auf den preußischen Gesetzesentwurf von 1932 zurück, weil dort die Einwilligung des Betroffenen in den Eingriff vorausgesetzt wurde.  Hitlers Gesetz regelte aber die Zwangssterilisierung. Bereits am 24.11.1933 erfolgte eine Erweiterung mit dem "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher". Zu den Maßregeln über Sicherung und Besserung gehörte auch die zwangsweise Sterilisierung, da man davon ausging, dass die Anlagen zum Verbrechertum erblich bedingt seien.

Und wen es betraf, war sehr schwammig definiert. So hieß es, dass Menschen mit angeborenem Schwachsinn sterilisiert werden dürfen. Als schwachsinnig galt der Mensch, der sich nicht sozial einordnen konnte (also Hitler, wenn man mal so einen Blick in seine Biographie wirft) und wer nicht fähig war, bei einem geordneten Berufsleben für seinen eigenen Lebensunterhalt zu sorgen (was für Hitler in seiner Wiener Zeit ebenfalls zutraf). Menschen, die nur gleichmäßig wiederkehrende, mechanische Arbeiten ausüben konnten, gerieten in den Verdacht der Schwachsinnigkeit (viele SA-Leute waren nur in der Lage, stumpfsinnig "raufzukloppen"). Dazu gehörten beispielsweise Hilfsschüler, "Frühkriminelle" und Leute, die in ständige Konflikte mit Schule und Polizei gerieten oder die Kritiklosigkeit gegenüber Beeinflussungen zeigten (also fast ganz Deutschland, allen voran die NSDAP).

Unter die Gesetze fielen Menschen mit Schizophrenie, manisch-depressiven Erkrankungen, Epilepsie, spastische Lähmungen, Muskeldystrophie, Friedreich-Ataxie (Degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems), fehlende Finger, Klumpfüße, angeborene Hüftverrenkungen oder schwere erbliche Missbildungen, worunter aber auch die Nachtblindheit fiel. Alkoholkranke betraf genauso die Regelungen, aber auch kleine Taschendiebe, die man mehrmals aufgriff und als Gewohnheitsverbrecher einstufte. Prostituierte stufte man ebenfalls als kriminell ein, sowie jugendliche Trebegänger, Bettler, Hausierer. Auch Homosexuelle führte man als "Abartige" der Zwangssterilisierung zu, um das biologische Wunder der Fortpflanzung zu verhindern. Kleinwüchsige wurden sterilisiert, auch wenn der Kleinwuchs nicht vererbbar war. Das gleiche Schicksal erlitten viele Sinnesgeschädigte. Da wurden Familienväter mit etlichen guthörenden Kindern sterilisiert, damit sie ihre Taubheit oder Schwerhörigkeit nicht weiter vererben könnten.

Eine Gehörlose berichtete 1982 in der Fernsehsendung "Sehen statt hören", dass sie nach der Zwangssterilisierung schwanger wurde. Daraufhin verbrachte man sie mit Gewalt in die Frauenklinik und nahm operativ eine Abtreibung vor. Eine Krankenschwester erklärte ihr heimlich, dass das Kind, ein Junge, "normal" war. Die Frau musste sich einer weiteren Sterilisation unterziehen und litt zeitlebens unter dem Eingriff und der erzwungenen Kinderlosigkeit.

 

 

Hitlers Helfer

Niemand anderes konnte so gut die Tragweite der Zwangssterilisierungen erkennen wie das Pflegepersonal. Denn sie standen in der Regel mit den Opfern in direktem Kontakt. Sie sahen den Menschen in die Augen und ihre medizinischen Kenntnisse reichten oft genug dazu aus, um das massive Unrecht zu erkennen. Aber sie füllten Aufnahmebögen aus, pflegten nach den Vorgaben und assistierten. An dieser ersten Terrorwelle waren sie aktiv beteiligt. Doch ich konnte bisher nicht einen Bericht finden, dass sich eine Pflegekraft widersetzte oder einem Patienten zur Flucht verhalf. Dafür hörte ich später, dass kaum eine Kollegin oder Kollege etwas von den Zwangssterilisierungen mitbekommen haben will.

Doch eigenartigerweise waren außer Ärzten, Dentisten, Heilpraktikern, Anstaltsleitern, Masseuren auch Gemeindeschwestern, Hebammen und Krankenpflegekräfte betreffs der erwähnten Schädigungen anzeigepflichtig. Und darüber sind sie bei der bürokratischen Genauigkeit der Nazis mit Sicherheit aufgeklärt worden. Mit diesen Anzeigen bei den Erbgesundheitsgerichten konnte man nicht nur unliebsame Mitbürger denunzieren. Die erfassten Daten bereiteten das nächste Verbrechen vor, die direkte Euthanasie im Sinne der Naziideologie.

In zahlreichen Gesprächen mit älteren Pflegekräften konnte ich zum Thema Zwangssterilisierung keinerlei Unrechtsbewutsein feststellen. Noch 1974 verteidigte Margot S., eine ehemalige Rotkreuzschwester, die Zwangssterilisierungen als einziges adäquates Mittel, Erbkrankheiten zu verhindern. Die gute Frau vergaß dabei, dass in ihrer Familie Hörschädigungen vererbt werden. Ihre eigene Hörbehinderung machte sich ungefähr mit dem 25. Lebensjahr bemerkbar und führte in kurzer Zeit zur Taubheit.

Genau wie Margot S. verteidigten etliche Krankenschwestern  die Zwangssterilisierungen als das einzig Gute neben der Autobahn, was Hitler getan hätte. Immer wieder wurde dabei das Argument angeführt, dass es unverantwortlich sei, eine Geistigbehinderte ein Kind bekommen zu lassen. Hielt ich dagegen, dass das Kind aber nicht zwangsläufig eine Behinderung haben muss, meinten sie dazu, wenn das Kind auch ohne Behinderung zur Welt kommen würde, wäre dennoch die Mutter so behindert, dass man ihr das Kind wegnehmen müsste, damit das Kind "normal" groß werden könnte. Das wäre der Mutter gegenüber nicht "human". Über andere Möglichkeiten dachten sie nicht nach. Von einem Selbstbestimmungrecht der Behinderten wollten sie nichts hören. Da leitet sich auch das heute noch praktizierte Verfahren ab, geistig behinderten Frauen ohne ihre Einwilligung, oft ohne ihr Wissen, die Pille oder die Dreimonatsspritze zur Verhütung zu verpassen.

Eine Erkenntnis zum Verbrechen Zwangssterilisierung fand in unserer Gesellschaft nicht statt, auch nicht beim Pflegepersonal. Die Einschätzungen zur Zwangssterilisierung schwanken von klammheimlicher bis offener Zustimmung. Eindeutige Verstöße gegen die Menschenrechte in diesem Zusammenhang werden eher als "Kavaliersdelikte" angesehen.

Lediglich drei Krankenschwestern, Lydia R., Elfriede F. und Cilly S., wurden nach unserem Gespräch sehr nachdenklich und korrigierten ihre Meinung. Und ich unterhielt mich in über zwanzig Jahren Berufstätigkeit mit Hunderten von Pflegenden.

Mein ehemaliger Kollege Arthur, Krankenpfleger, hatte von vornherein eine ablehnende Haltung. Er war ein Betroffener, weshalb, wollte er aber nicht preisgeben. Er schwieg sich über die Umstände, wie es dazu kam, aus. Und Heinz, Kommunist aus Bonn, der im KZ als Pfleger arbeitete und durch eine Kastration nicht nur seelisch, sondern auch körperlich schwer verkrüppelt wurde, brauchte man nicht über den Nationalsozialismus und seine Mitmenschen aufzuklären.

 

 
 

Opfer der Zwangssterilisierung

 

Menschen, die auch nach den Nazigesetzen zu Unrecht sterilisiert wurden, können bis heute kaum mit Mitgefühl oder Wiedergutmachung rechnen. Im Gegenteil - sie stehen als Opfer obendrein in einer Rechtfertigungsposition, nicht die Täter.

 
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