Ausbildung Alten- und Krankenpflege


Alltag im Nationalsozialismus: Übersicht

„Heil Hitler“ Braune Ärzte Arzthelferinnen
Zuckerbrot und Peitsche Geld bestimmt die Welt Schweres Erbe hüben und drüben

 

 

„Heil Hitler“

Ordensschwestern und Diakonissen arbeiteten vor der Machtübernahme häufig als Gemeindeschwestern. Sie pflegten unter anderem erkrankte Gemeindemitglieder im häuslichen Bereich. Es gab aber auch partei- oder gewerkschaftsnahe Organisationen der freien Wohlfahrtspflege, die derartige Aufgaben übernahmen wie die Arbeiterwohlfahrt oder die Samaritervereine. Bereits im Mai 1933 gründete sich die NSV, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt e. V., die zwar 1935 ein angeschlossener Verband der NSDAP wurde, aber ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin blieb. Im März 1934 schloss man die bis dahin nicht verbotenen Wohlfahrtsverbände zur „Reichsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege Deutschlands“ zusammen und stellte sie unter die uneingeschränkte Führung der NSV.

 
Die NSV erhielt weitreichende Befugnisse und Rechte in der Wohlfahrtspflege. Sie übernahm die Klein- und Schulkinderfürsorge, Schulzahn-, Hauskranken- und Wöchnerinnenpflege, Heilverschickungen, betrieb Kindergärten, Mutter- und Kindheime und das Tuberkulosehilfswerk. Ziel war es, die gesamte Wohlfahrtspflege unter nationalsozialistischen Einfluss und Kontrolle zu bekommen.
 
NSV Säuglingsfürsorgestelle
 
Am besten charakterisierte 1938 der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels in einer Reichsparteitagsrede die Zielsetzung: „....Wir gehen nicht vom einzelnen Menschen aus, wir vertreten nicht die Anschauung: man muß die Hungernden speisen, die Durstigen tränken und die Nackten bekleiden – das sind für uns keine Motive. Unsere Motive sind ganz anderer Art. Sie lassen sich am lapidarsten in dem Satz zusammenfassen: Wir müssen ein gesundes Volk besitzen, um uns in der Welt durchsetzen zu können....“. (Zum gesunden deutschen Volk gehörten natürlich keine Juden, Sinti oder Menschen mit Behinderung. Da lehnte die NSV jeglichen Einsatz ab.)
 
 
Besonders in der Hauskrankenpflege im ländlichen Bereich wirkte es sich nachteilig aus, dass traditionell gewachsene Pflege beseitigt wurde. So erzählten mir viele alte Leute, dass die katholischen oder evangelischen Gemeindeschwestern ihre Schützlinge genau kannten und unermüdlich unterwegs waren. Sie arbeiteten oft mit den Ärzten eng zusammen und sorgten dafür, dass die medizinische Versorgung gesichert wurde. Auch bei Wind und Wetter scheuten sie keine Hausbesuche. Die Schwestern der NSV sollen angeblich nicht so engagiert gewesen sein. Dadurch, dass immer mehr Ärzte verschwanden, hätte sich die Gesundheitsversorgung nachteilig entwickelt. Die Alten kritisierten, dass die NSV nur in der Nazipropaganda hervorragend gewesen sei, ansonsten sich aber eher auf das Abkassieren verstand. Gemeint waren damit ständige Spendensammlungen, das Winterhilfswerk oder auch freiwillige „Spenden“, die Arbeitnehmern einfach vom Lohn abgezogen wurden.
 
Einige Alte, die Braune Schwestern über die NSV kennenlernten, hatten an sie keine gute Erinnerung. Vier alte Damen erzählten mir die gleiche Geschichte. Nach einer schwierigen Geburt mit Dammriss kam eine Braune Schwester zur Wochenbettpflege. Sie schnüffelten überall herum, bemäkelten die Ordnung und Sauberkeit in den Wohnungen der überwiegend bettlägrigen Wöchnerinnen und verlangten dann von ihren Patientinnen, dass sie ihnen zuerst einmal einen Kaffee kochen sollten. Drei der Frauen platzte der Kragen und sie schmissen die Schwester heraus. Bei der Vierten kam gerade die Hebamme zur Nachsorge und die übernahm den Rauswurf. Doch sehr viele Leute bekamen erst gar nicht mit, dass die NSV-Schwestern auch für die Hauskrankenpflege zuständig waren. Und in Notfallsituationen kam offensichtlich auch keiner auf die Idee, sich an die NSV oder an Mütterberatungsstellen der NSV zu wenden.
 
Elfriede F. stand als Jugendliche mit der Pflege ihrer Ziehmutter alleine da, nachdem diese an Krebs erkrankte. Sie war zwanzig Jahre alt, als daraus eine Sterbepflege wurde. Unterstützung bekam sie nicht, auch nicht durch die NSV.
 
Manfred Glashagen schilderte in seinen Kindheitserinnerungen, dass zu Kriegsbeginn in Hammerstein in Pommern etwa 5000 Menschen wohnten. Dazu gab es in der Umgebung viele Dörfer. Für diesen Einzugsbereich war nur ein einziger Arzt zuständig, der gleichzeitig als Oberstabsarzt den nahe gelegenen Truppenübungsplatz mitversorgte. Deshalb wurden die meisten Krankheiten mit Hausmittelchen versorgt. Er erlebte den Arzt zweimal: einmal zu seiner Geburt zu Hause, eine Steißlage, die die Hebamme nicht alleine begleiten konnte oder durfte und das zweite Mal, als er mit acht oder neun Jahren Diphterie hatte. Aber dieser Arzt kam wenigstens. Von einer NSV-Schwester erzählte er nichts.
 
Der 1926 geborene Willi F. Blaudow, dazumal in Altona in Hamburg lebend, beschrieb aus dem Jahre 1933/34 sein einschneidendstes Erlebnis. Sein Klassenkamerad und dessen Schwestern erkrankten ebenfalls an Diphterie. Ihr Vater war von den Nazis aus politischen Gründen in ein Lager verschleppt worden. Die Mutter suchte mehrere Ärzte auf, um Hilfe für ihre kranken Kinder zu erhalten. Durch die Inhaftierung ihres Mannes konnte sie aber keinen Arzt bezahlen, da sie keine Unterstützung bekam. Es ließ sich kein Arzt blicken. Die beiden älteren Nachbarskinder starben. Die Mutter verständigte die Polizei, die einen Polizeiarzt zur Ausstellung der Totenscheine schickte. Er füllte die Scheine aus, erklärte sich aber nicht zuständig für die Behandlung des noch lebenden eineinhalb Jahre alten Mädchens. Sie verstarb am nächsten Nachmittag.
 
Seine Erinnerungen an den schlimmen Tod seiner Freunde setzten eine direkte Verbindung zu den damaligen Pflegekräften. Der sieben- bis achtjährige Willi Blaudow versuchte nämlich Hilfe bei seinem eigenen Hausarzt für die Freunde zu bekommen. Als der Junge die Praxis aufsuchte, war sein Hausarzt nicht da, aber eine Krankenschwester als Sprechstundenhilfe. Ihr beschrieb das Kind genau die Symptome, unter denen seine Freunde litten und bettelte sie um Hilfe an. Obwohl die Schwester nach der Beschreibung des Jungen den Handlungsbedarf erkannte, verweigerte sie Medikamente und jegliche Unterstützung.
 
Auf die Diphterieepidemien reagierten die Verantwortlichen zum Beispiel kaum mit Schutzimpfungen. Dann ging Scharlach um. Die Kombination beider Krankheiten war für viele Kinder das Todesurteil. Als die knapp zweijährige Heidrun S. in Berlin 1939 sich mit beiden Kinderkrankheiten infizierte, glänzte der Hausarzt überwiegend durch Abwesenheit. Es gab gewinnträchtigere Patienten. Das Kind starb. Die Sprechstundenhilfe war eine gelernte Kinderkrankenschwester. Terminvereinbarungen und Karteikarten waren ihr wichtiger als fiebernde Kinder.
 
Beschäftigt man sich mit den Lebenserinnerungen aus dieser Zeit, häufen sich solche Darstellungen massiv, sodass man kaum den Wahrheitsgehalt anzweifeln kann. Da wird zum Beispiel von einer Mutter berichtet, die mit ihrer akut an Hirnhautentzündung erkrankten Tochter im Kinderwagen kilometerweit durch das Dorf ins Villenviertel rannte, weil der Arzt einen Hausbesuch verweigerte. Vorher war der Bruder in der Praxis und bettelte die Sprechstundenhilfen vergeblich um einen Hausbesuch an. Der Weg war für das Kind zu weit. Das kleine Mädchen starb. Der Arzt spendete als medizinische Hilfe den „Trost“, dass es für das Kind wohl besser sei. Vielleicht hätte sie durch die Hirnhautentzündung geistige Schäden behalten.
 
Die Älteren, die ich befragte, konnten sich alle nicht daran erinnern, jemals von der NSV im Krankheitsfalle versorgt oder unterstützt worden zu sein. Drei von ihnen fiel ein, dass sie aus Berlin evakuiert worden waren und dass der Kindertransport von NSV-Schwestern begleitet wurde. Wobei einer der Befragten auf diese Begleitung nicht gerne zurückblickte. Nachdem sich der Zug in Bewegung setzte und seine Mutter entschwand, schossen ihm die Tränen in die Augen. Die einfühlsame NSV-Schwester putzte ihn vor den anderen Kindern als „Memme“ herunter und als Schande für alle deutschen Jungen und Männer.
 
Hitler, der selbsternannte Menschenfreund, sah offenbar seelenruhig zu, wie sich die medizinische und pflegerische Versorgung der Bevölkerung drastisch verschärfte, worunter besonders Kinder litten. Seine „arischen“ Ärzte hatten häufig eher ihre Verdienst- und Karrieremöglichkeiten im Kopf, als das Wohl ihrer Patienten. Man kann fast den Eindruck gewinnen, dass „der Führer“, der besonders in den letzten Jahren massiv durch seinen Parkinson abbaute, in seinem grenzenlosen Machtwahn und Besitzansprüchen gedachte, „sein Volk“ mit ins Grab zu nehmen. Anders lässt es sich kaum erklären, weshalb die Krankenbetreuung für die Mehrheit der Deutschen unter den Nazis derartig auf den Hund kam.
 
 
 
 

Braune Ärzte

 
Nach 1945 versuchte man immer wieder darzustellen, dass die Nazis überwiegend ihren Zulauf aus der Unterschicht bekamen, dass Leute mit geringer Bildung eher die NSDAP wählten. Solche Darstellungen sind eine glatte Geschichtsverfälschung. Derartige Verzerrungen entstanden hauptsächlich durch den Umstand, dass die Unterschicht selten die Möglichkeit bekam, die Geschichte aus ihrer Sicht zu beschreiben. Ärzte gehörten eindeutig zu den Akademikern, verfügten also durch ihr Studium über einen sehr hohen Bildungsgrad.
 
Die Medizinstudenten wie beispielsweise Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst oder Willi Graf der Weißen Rose waren in Widerstandsgruppen stark vertreten. Doch täuscht es über die Tatsache hinweg, dass gerade deutsche Ärzte in der Überzahl willfährige Helfer Hitlers waren. Die Ärzteschaft stellte eine sehr große Gruppe der Stiefelknechte, die Adolf in den Sattel hoben. Sie erleichterten und förderten maßgeblich die versuchte Gleichschaltung der staatlichen Pflege. Nur zu bereitwillig schlossen sie sich mehrheitlich dem braunen Diktator an und profitierten anfangs am meisten vom Dritten Reich. In der Weimarer Republik herrschte noch ein Überschuss an Medizinern und viele verdienten als Akademiker verhältnismäßig schlecht. Dazu kam, dass sich die studierten Ärzte nicht deutlich genug von Quacksalbern, „Laien-Heilern“ oder Naturheilkundlern absetzen konnten. Die Herausnahme der Ärzte aus der Reichsgewerbeordnung, Schutz der Berufsbezeichnung „Arzt“ oder die Reichsärzteordnung vom Dezember 1935 stärkten den Ärztestand enorm.
 
Das Elend ihrer jüdischen Kollegen, aber auch das anfängliche Hinausdrängen der Medizinerinnen schaffte den „arischen“ Ärzten unliebsame Konkurrenz vom Hals. Bereits in der SA marschierten Ärzte mit, unterstellten sich dann wie selbstverständlich der SS. In der NSDAP war ihre Berufsangehörigheit überproportional vertreten. Hitler dankte. In kurzer Zeit gehörten sie zu der am besten verdienenden Berufsgruppe mit höchstem Ansehen.
 
Die ihnen unterstellten oder von ihnen abhängigen Pflegekräfte konnten es sich selten leisten, eine opposionelle Gesinnung zu zeigen. Fast alle Pflegekräfte, mit denen ich mich unterhielt, erzählten von Ärzten, die „stramme Parteigenossen“ waren und aus ihrer Sympathie für die braune Diktatur keinen Hehl machten.
 
Der zackig vorgetragene Hitlergruß bei den Visiten war keine Seltenheit. Häufig „schmückte“ das Parteiabzeichen den Arztkittel. Mehrere ältere Kollegen berichteten von Naziärzten, die bereits 1933 unter dem Arztkittel die SS-Uniform trugen und mit ihren Stiefeln über die Station polterten. Darüber regte sich sogar Walburga auf. Obwohl sie selbst NSDAP-Anhängerin war und etliche Patienten mit ihrem Hitlergruß nervte, empfand sie es als absolut unpassend, wenn die Ärzte in ihren Stiefeln in die Krankenzimmer marschierten. Sogar im Operationssaal sollen sie mit dieser Fußbekleidung erschienen sein.
 
Hitlers Ärzte hatten Macht und sie nutzten ungehemmt diese Macht. Die Kluft zwischen den „Göttern in Weiß“ und dem Fußvolk der Pflegenden vergrößerte sich und vertiefte das Hierarchiedenken. Genau das lag im Interesse der Herrschenden, die das medizinische und pflegerische System zentralistisch organisieren wollten. Die Spitze der Rangordnung stellte der Reichsgesundheitsführer dar. Darunter platzierten sich die Ärzte. Jeder Arzt sollte die Rolle wiederums eines Miniführers einnehmen. Am Boden der Hierarchiepyramide standen die Pflegeberufe. Adolf Hitler erwartete absoluten Gehorsam vom Reichsgesundheitsführer, der von den Ärzten, die wiederum von ihren Untergebenen. Die unbedingte Willfährigkeit, Disziplin Pflichterfüllung und Gefolgschaftstreue zählten bald mehr als pflegerische Kompetenzen.
 
Lydia R. beschrieb es zynisch damit, dass sie bei zahlreichen Kolleginnen dieser Zeit das Gefühl hatte, dass sie mit dem Anziehen der Tracht ihr Gehirn ablegten. Viele Pflegekräfte, eigentlich selbstbewusste junge Menschen, leckten fast den Assistenzärzten die Füße, obwohl diese weniger praktische Erfahrungen hatten wie sie selbst. Lydia erwähnte einmal: „Da gab es Assis, die zu dämlich waren, einen Laborzettel auszufüllen. Aber die Schwestern sprangen geflissentlich herbei und bedankten sich eintausendmal dafür, wenn sie deren Fehler beseitigen durften. Sie fühlten sich geehrt und geschmeichelt, wenn diese fachlichen Idioten ihnen die Ehre zukommen ließen, die Laborzettel zu berichtigen, ohne dass diese natürlich zugeben mussten, wie blöde sie im Grunde genommen waren.“
 
Cilly regte sich darüber auf, dass es für einige Ärzte eine Selbstverständlichkeit war, dass sie „wie eine Büromieze“ ihnen Kaffee kochen musste, während dringende pflegerische Arbeiten auf der Station liegen blieben. Logischerweise protegierten die Ärzte eher die Pflegekräfte, die sie als Seelenverwandte erkannten. Besonders verhehrend war auch, dass solche Ärzte an Pflegeschulen unterrichteten. Zumal viele unterrichtserfahrene und fachlich versierte Lehrkräfte aus den Pflegeschulen aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen entfernt waren. So übernahmen sie bereits sehr früh Einfluss auf die Pflegenden.
 
Elfriede F. konnte sich noch gut an ihre Prüfung in Anatomie erinnern. Sie hatte fleißig gelernt und konnte in der mündlichen Examensprüfung alle Fragen über den Kopf, also Schädelknochen und Aufbau des Gehirns, richtig beantworten. Ihre Prüfung verlief also bestens und so freute sie sich berechtigterweise auf eine gute Zensur, als der Prüfer sich plötzlich zum Abschluss nach dem Geburtsdatum des Führers erkundigte. Den wusste sie nicht. Sie ärgerte sich noch Jahrzehnte später maßlos darüber, dass sie daraufhin eine schlechte Examensnote erhielt. Angesichts dessen, was in dieser Zeit geschah, ein überaus harmloser Vorfall, aber doch ein Hinweis darauf, wie auch im ganz Kleinen der Machtmissbrauch willkürlich funktionierte.
 
Wenn wir uns heute an Naziärzte erinnern, dann sind es zumeist solche Bestien, die in KZ´s und Euthanasieanstalten tausende Menschen quälten und mordeten. Aber das ist die Spitze des Eisberges. Vergessen wurde, dass die meisten deutschen Ärzte die Unterversorgung der Bevölkerung klaglos hinnahmen und sich damit aktiv an Hitlers Verbrechen beteiligten. Und dieses Verhalten richtete sich nicht nur gegen die "fremdvölkischen" Opfer, Regimegegner oder Behinderte, sondern auch gegen die allgemeine Bevölkerung, die zunehmend schlechter medizinisch versorgt wurde. Vergessen wurde auch, dass sie schuldig wurden durch fehlende Solidarität gegenüber "nichtarischen" KollegINNen und den weiblichen Medizinern, wie das Beispiel von Lilli Jahn  zeigt. (Virtuelles Denkmal).
 
Die, die den Eid des Hippokrates schworen, vergaßen zahlreich überaus schnell die Vorstellungen der Antike nach der Einheit von Medizin und Pflege. Sie manifestierten ein Hierarchiegefälle zum Schaden der Patienten. Die Errungenschaft der Medizin in der Antike, nämlich die ganzheitliche und individuelle Sicht des Patienten opferten sie für ihre egozentrischen Ziele, Machtansprüche, Selbstgefälligkeit und persönlichem Wohlergehen. Viele Ärzte dieser Zeit versenkten ihre Bildung, Kultur und Humanismus in die braune Kloake von Wahnsinnigen.
 
Angesichts dessen ist es unbegreiflich, mit welcher Bereitschaft das deutsche Pflegepersonal sich wieder freiwillig und kritiklos den Wendehälsen von 1945 unterstellte und eine Hierarchie duldete, an deren Spitze wieder Ärzte saßen, die mit den Nationalsozialisten kurz vorher mitmarschiert waren. Und das passierte nicht nur in der BRD, sondern genauso in der ehemaligen DDR und Österreich. Schlimm genug, dass sich das Pflegepersonal in der Nazizeit unter dem immensen Druck nicht einte und geschlossen aufstand. Nach 1945, wo niemand mehr behaupten konnte, dass er sein Leben riskieren würde, wurde überwiegend weiter geschwiegen und Pflegekräfte halfen den Tätern von gestern bereitwillig zurück in den Sattel. Bevor ein Arzt aufgrund seiner braunen Vergangenheit zur Rede gestellt wurde, wurden lieber kritische KollegINNen als Brandstifter, idiotische Weltverbesserer oder Spinner gebrandmarkt und aus dem Beruf gekippt.
 

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Krankenschwestern arbeiteten häufig auch in den Praxen der Ärzte. Dort erlebten sie hautnah den Alltag unter den braunen Machthabern mit. Rosalinde H., die ich in einem Berliner Krankenhaus als Patientin kennenlernte, arbeitete bei einem jüdischen Zahnarzt in Berlin-Neukölln. „Doktor R., der konnte ´Danke´ und ´Bitte´ sajen. Dat war ´ne Selbstverständlichkeit. Mittags packte er uns Mädel (Anmerkung: es arbeiteten dort außer ihr noch zwei Assistentinnen und eine Bürokraft ) ein un jing mit uns in eenem kleenen Lokal essen. Wir hatten imma viel Spaß. Wir ham och Betriebsausflüje jemacht. Da warn sene Frau und de beeden Kleenen (Anmerkung: seine Kinder) dabei. Dampfafahrt un so.“
 
Rosalinde schwärmte von ihrer damaligen Arbeitsstelle und betonte das gute Arbeitsklima. Nach ihren Angaben begann der Naziterror aber bereits vor 1933. Sie erinnerte sich daran, dass schon vor der Machtergreifung gepöbelt und beleidigt wurde. Am 1.4.1933 ging sie zur Arbeit, obwohl ihre Mutter dringend davon abriet. Sie kam unbehelligt in der Praxis an. Zwei ihrer Kolleginnen, die Bürokraft und eine Assistentin, erschienen nicht und kamen auch nie wieder. An dem Mietshaus, wo sich die Praxis befand, fehlten Hakenkreuzschmierereien. Die SA hatte den Zahnarzt anscheinend vergessen.
 
„Keen Wunda“ meinte sie dazu, „da warn och Erznazis unta uns´re Patienten. Bevor die sich dat Maul vom arischen Kurpfuscha um de Ecke ruinieren ließ´n, kam´se lieba weitahin zum Juden. Wussten doch alle, dat der Doktor N. nischt taugt. Schrieb uff sein Schild: ´arischer Zahnarzt´. Davon issa och nich bessa jeworn.“
 
Die akute Gefahr schien nach dem 1.April gebannt, als ungefähr zwei Wochen später überraschend Kinder und Jugendliche im Alter von etwa acht bis sechzehn Jahren nachmittags in die Praxis eindrangen. Sie trugen keine HJ-Uniform, waren normal gekleidet.
 
„Die war´n nich von hier. Andere hatten beobachtet, dat die mit nem Lastwajen anjekarrt wurden.“
 
Ohne Vorwarnung schlugen die circa dreißig Jungen mit Knüppeln auf Arzt, die zwei nichtjüdischen Angestellten und nichtjüdischen Patienten ein und demolierten die Einrichtung. Die verständigte Polizei benötigte auffallend viel Zeit, um zu kommen. Obwohl sie auch von Nachbarn angefordert wurden, erschienen sie erst zwei volle Stunden nach dem Überfall. Da waren die Täter natürlich bereits verschwunden. Rosalinde war sich völlig sicher, dass der „arische“ Zahnarzt als Auftraggeber den Überfall inszenierte, um die Konkurrenz loszuwerden. Seine Praxis lief schlecht, die ihres Chefs gut. Bei dem Angriff erlitt Rosalinde eine Kopfplatzwunde und eine Gehirnerschütterung. Schlimmer war jedoch, dass sie durch den Vorfall traumatisiert war. „Ick brochte nur dat Haus seh´n (Anmerkung: wo sich die Praxis befand), da hatte ick feuchte Hände und Koppweh. Da habe ick dann jekündicht.“
 
Bei der Sache war ihr nicht wohl. Sie hatte das Gefühl, ihren Arbeitgeber, mit dem sie sich jahrelang glänzend verstand, im Stich zu lassen, auch bei den Aufräumarbeiten. Es widerstrebte ihr auch, sich dem blanken Terror einiger Halbwüchsiger so bereitwillig zu beugen. Ihre Kollegin beschrieb sie als sehr mutig. Sie soll auch weiterhin in der Praxis gearbeitet haben. Rosalinde bedauerte für sich, nicht ähnlich couragiert gewesen zu sein. „Ick war halt een Feichling.“
 
 
 
 
 
 
Sicher der Unterstützung der meisten Ärzte hätten es die Nazis nicht unbedingt nötig gehabt, besonders stark um die Gunst der Pflegekräfte zu buhlen. Da aber Hitler von Beginn an territoriale Gelüste besaß, musste für die kommenden Kriege ausreichend Pflegepersonal zur Verfügung stehen, was sowohl qualitativ wie auch quantitativ den erwarteten hohen Bedarf abdecken konnte.
 
Der Pflegekräfteüberschuss am Ende des I. Weltkrieges war abgebaut und als Nachwirkung dieses Krieges folgten geburtenschwache Jahrgänge. Es entstand sehr bald ein Mangel an Pflegekräften. Noch zu einer Zeit, wo die Nazis systematisch versuchten, die Frauen aus dem Berufsleben zu drängen, setzte sich die Propagandamaschine in Bewegung und versuchte, Frauen für den Schwesternberuf zu werben. Die Krankenschwester wurde mit der hochgepriesenen deutschen Mutter, aber auch mit dem Frontsoldaten auf eine Stufe gesetzt. Das Ansehen der Pflegekräfte wuchs immens.
 
Wieweit die Bemühungen der Nazis, Frauen in die Krankenpflege zu locken, fruchtete, belegen statistische Zahlen aus Berlin. 1930 gab es in Berlin 930 Hebammen einschließlich Anstaltshebammen, 1939 waren es nur noch 702. Als Krankenpflegepersonen wurden 1930 im Stadtgebiet 10.276  erfasst. Gleichzeitig arbeiteten 1371 „Sonstige mit Krankenpflege befaßte Personen“.  1937 und 1938 sank die Zahl der Krankenpflegepersonen unter die 10.000er Marke, 1937 stieg die Zahl der „Sonstigen“ dafür auf 1431. Leider verrät das Statistikbuch nicht, ob damit Krankenpflegehelferinnen oder Krankenpfleger gemeint sind. Wahrscheinlich ist jedoch, dass weibliche Hilfskräfte in dieser Rubrik angegeben werden, weil Krankenpfleger zu dieser Zeit üblicherweise gesondert behandelt wurden. Man versuchte also offensichtlich, die fehlenden Krankenschwestern durch Hilfskräfte zu ersetzen.
 
Doch 1938 sank die Anzahl der „Sonstigen“ wieder auf 1137. Ein Jahr später zählte man von ihnen 1188, also gerade 51 mehr wie im Vorjahr. Dafür stellte man wieder 10.395 Krankenpflegepersonen fest. Also exakt 119 Pflegende mehr wie im Jahre 1930. Für die These, dass die „Sonstigen“ nicht die Krankenpfleger waren, spricht eine weitere Rubrik, nämlich der Bader, Masseure und Heilgehilfen (zu denen vermutlich auch Heilpraktiker und Krankenpfleger gezählt wurden). Von ihnen arbeiteten 1930 nämlich 1211 und neun Jahre später 1608. Für Berlin sprechen die Zahlen eine klare Sprache: die Propaganda hatte keinen Erfolg. 
 
Natürlich muss man diese Zahlen auch unter dem Gesichtspunkt sehen, dass jüdische Pflegende und missliebige Pflegekräfte aus den Arbeitsstellen entfernt wurden. Aber anscheinend waren die Nazis trotz der Werbetrommeln nicht in der Lage, die Lücken zu füllen. Doch es ging ja nicht nur um das Lücken füllen, sondern um das Aufstocken, denn 1939 begann ja der wahnwitzige Krieg. Also reichte der Prestigegewinn des Pflegeberufes nicht aus, um die Nachteile auszugleichen.
 
Die Pflege erhielt einen Bonbon. Endlich wurde die Ausbildung einheitlich geregelt, eine uralte Forderung. Das „Gesetz zur Ordnung der Krankenpflege“ vom 28.9.1938 regelte nun zentralistisch die Ausbildung. Die Ausbildungszeit sollte anderthalb Jahre dauern plus einem Anerkennungsjahr (was sich aber mit fortschreitendem Krieg notgedrungenermaßen änderte). Die öffentlichen Krankenhäuser verpflichtete das Gesetz zur Einrichtung von Krankenpflegeschulen. Als Zugangsvorraussetzungen wurde die Vollendung des 18. Lebensjahres festgelegt, ein makelloses Führungszeugnis, ein Gesundheitsattest und einen Volksschulabschluss. So weit – so gut! Oder auch nicht!
 
Denn damit trugen die Krankenhäuser die Verantwortung für die Qualität der Ausbildung. Lediglich die Richtlinien und Inhalte bestimmte der Staat. Wie diese umgesetzt wurden, oblag den einzelnen Häusern. Innerhalb der Nazizeit beinhaltete dies System sicherlich auch Vorteile. Denn nicht zwingend waren alle öffentlichen Krankenhäuser stramm auf Parteikurs. Aber eine Vergleichbarkeit der Ausbildung garantierte dieses Verfahren nicht. Ärzte und Schulschwestern unterrichteten in diesen Schulen, oftmals ohne jegliche pädagogische Kenntnisse. Mehrere ältere Kolleginnen erzählten mir, dass ihr Unterricht immer wieder unterbrochen wurde, weil ihr Dozent in die Notaufnahme oder in den Operationssaal geholt wurde. Cilly konnte sich daran erinnern, dass sie ihr Anatomiebuch auswendig gelernt hatte. Ihren Anatomielehrer sah sie höchstens jede dritte Stunde und auch nur für wenige Minuten, weil er dann als diensthabender Arzt Notfälle in der Ambulanz versorgen musste. Wenn er mal wieder in der Klasse stand und gerade durch die Schülerinnen erfahren hatte, was er unterrichten müsse, wurde er auch schon wieder weggeholt.
 
Bemühten sich einige Krankenhäuser sehr intensiv um die Ausbildung ihrer Schülerinnen, so spulten andere irgendwie ihr Pflichtprogramm ab und nutzten die angehenden Pflegekräfte weidlich aus, besonders im praktischen Teil. Eine alte Kollegin aus Berlin-Tempelhof erzählte, sie hätte in ihrem Anerkennungsjahr ausschließlich die kupfernen Wasserhähne in ihrem Haus poliert, Böden gewischt und Essen ausgeteilt. Nach der Ausbildung wechselte sie in ein anderes Krankenhaus. „Da sollte ick plötzlich Frischoperierte vasorjen. Meen Jott! Ick hatte doch ja keene Ahnung. Da hab ick erst Grundpfleje jelernt un mich um allet Andere jedrückt. Schließlich bekam die Obermieze mit, dat ick ja nischt weeß. Aba dat lach ja nich an mir. Ick war ja nich faul oda unwillich. Da isse mit mir losjezojn oda hat ma mit de Andren mitjeschickt, dat ick lerne, wie man vabindet, Spritzen jibt un sowat allet. Da hab ick eijentlich erst jelernt. War ick froh, dat se mir nich rausjeschmissn ham.“ Darüber war ich auch sehr froh. Denn während meiner Ausbildung war sie eine der Wenigen, die die Praxisanleitung der Krankenpflegeschülerinnen ernst nahm.
 
Diese Ausbildungsform barg also seine Tücken. Und nach 1945 gedachte man leider auch in den folgenden Jahrzehnten ersteinmal nicht, das Ganze gründlich zu überdenken. Finanzielle Engpässe und Pflegenotstand in den Krankenhäusern zwingen eigentlich zur Zeit zu einem Umdenken für die Krankenpflege, aber nichts passiert. Dafür führte man einen ähnlichen Unsinn in der Altenpflege ein.
 
Da ja nun die Vollendung des achtzehnten Lebensjahres als Mindesteintrittsalter für die Krankenpflegeschule verbindlich geregelt war, galt es, die zeitliche Lücke zwischen Schulabgang und Krankenpflegeausbildung zu schließen. In meiner Ausbildungszeit übernahmen das „Soziale Jahr“ oder die Krankenpflegevorschulen diese Funktion, in der NS-Zeit erfüllte das sogenannte hauswirtschaftliche Jahr diese Aufgabe. Es sollte in der eigenen oder fremden Familie (im Haushalt mussten wenigstens vier Kinder unter vierzehn Jahren sein) abgeleistet werden. Mit diesem Pflichtjahr gedachte man auch, den Fehlbedarf an Arbeitskräften im ländlichen Bereich zu decken und gleichzeitig die jungen Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter einzustimmen. So lernten die angehenden Lernschwestern die Grundlagen für Haushaltsführung, Kleintierhaltung und Gartenpflege.
 
Für Elfriede F. wäre es ein Alptraum gewesen, da sie zum Beispiel aus der Landwirtschaft geflohen war, weil eben gerade diese Gartenarbeit und Tierhaltung ihr absolut nicht schmeckten. „Dafür hatte ich kein Händchen.“  Allerdings wäre ihr vermutlich das Pflichtjahr sowieso erlassen worden, da ihre Stiefmutter früh an Krebs starb und Elfriede sie lange pflegte. Als sie nach deren Tod mit 21 Jahren die Ausbildung zur Krankenschwester begann, fragte sie allerdings niemand nach dem Pflichtjahr und sie war sich nicht sicher, ob es das zu diesem Zeitpunkt bereits gab. Auch Margot entging dieser Bestimmung. „Ich war ein reiner Stadtmensch. Hätte man von mir verlangt, in der Erde rumzuwühlen oder Hühner zu füttern, wäre ich nie Krankenschwester geworden.“ Lydia R. begann ihre Ausbildung, als diese Regeln bereits schon wieder mangels Pflegekräfte unterlaufen werden konnten. Sie hatte aber von Schwesternschülerinnen gehört, die in ihrem Pflichtjahr gerade in bäuerlichen Familien ungemein ausgenutzt und ausgebeutet wurden. Dagegen machte Lotte G. aus dem Ruppiner Land mit ihrem hauswirtschaftlichen Jahr beste Erfahrungen. Sie absolvierte das Jahr auf einem Bauernhof im Havelland. Die Bauernfamilie nahm sie wie eine Tochter auf und es gefiel ihr so gut, dass sie bei der Landwirtschaft blieb. Am besten gefiel ihr der älteste Sohn, der zukünftige Hoferbe, den sie später heiratete. Damit hatten sich ihre Pläne für die Krankenpflege erledigt.
 
Walburga kannte BDM-Mädchen, die bei Bauernfamilien im Pflichtjahr bis zum Umfallen arbeiteten und reichlich schikaniert wurden. Daher schlug sie einen anderen Weg ein. Sie war sehr früh in den BDM eingetreten (BDM war der „Bund Deutscher Mädel“ ähnlich der HJ; Arthur übersetzte BDM nach dem Reichsparteitag 1936, als hunderte 15 - 18jährige schwanger nach Hause kamen, mit ´Bratröhren Deutscher Männer´). Vor der Ausbildung arbeitete sie bereits im Krankenhaus als Gesundheitsmädel. Dadurch konnte sie sich schon vorher berufliche Kenntnisse aneignen. Da sie insgesamt drei Jahre als Gesundheitsmädel absolvierte, erhielt sie eine Sondergenehmigung und durfte bereits mit 17 Jahren die Krankenpflegeausbildung beginnen.
 
Eigentlich wollte sie unbedingt nach Hannover auf die NS-Schwesternschule, was die Eltern aufgrund der Entfernung nicht gestatteten. Daraufhin entschied sie sich für das DRK am Wohnort. Sie hätte auch eine katholische Schwesternschule besuchen können, was sie jedoch radikal ablehnte, obwohl das Elternhaus ursprünglich katholisch war.
 
Später lernte Walburga einige Braune Schwestern kennen. Diese NS-Schwestern sollten die Elite im nationalsozialistischen Deutschland sein. Walburga, selbst glühende Nazianhängerin, stellte damals zu ihrem Bedauern bei ihnen fachliche Unzulänglichkeiten fest. Dabei hatten sie alle gute Abschlussnoten erreicht. Nach ihrer Ansicht waren diese Schwestern ideologisch sattelfest, aber der pflegerische Teil ihrer Ausbildung ließ zu wünschen übrig, was Walburga nicht darauf zurückführte, dass die Braunen Schwestern entschieden mehr politische Schulungen erhielten. Nachdem, was diese Braunen Schwestern ihr erzählten, war die Ausbildung breiter gefächert gewesen und es wurde viel mehr Wert auf Haushaltsführung, Kinder- und Altenpflege gelegt wie in ihrer Krankenpflegeschule. (Es könnte sein, dass diese Braunen Schwestern sogenannte Volkspflegerinnen waren, die direkt für die NSV ausgebildet wurden und nur eine verkürzte Krankenpflegeausbildung von einem Jahr hatten.)
 
Elfriede machte mit den Braunen Schwestern andere Erfahrungen. Im Stadtkrankenhaus Görlitz arbeiteten parallel Braune Schwestern und Schwestern vom ´Reichsbund freier Schwestern´. Sie unterschieden sich bis auf die Tracht weder fachlich noch ideologisch. Nach den Berichten von Elfriede ähnelte sich auch die Ausbildung. Sie als Reichsbundschwester musste den Frühsport genauso mitmachen und erhielt wie die Braunen Schwestern dieselben politischen Schulungen. Auch wurde auf Gemeinschaftsgefühl der gleiche Schwerpunkt gelegt, was sich in der gemeinsam gestalteten Freizeit äußerte. Das war ihr aber oft genug zuviel, weil sie auch Wert darauf legte, mal alleine zu sein.
 
Weihnachten meldete sie sich prinzipiell zur Nachtwache, um der Weihnachtsfeier zu entgehen. „Da wurden politische Lieder gesungen und agitiert. Das hatte doch nichts mit christlicher Weihnacht zu tun.“ Die Oberin im Görlitzer Krankenhaus machte auch keine Unterschiede in der Behandlung der Schwestern. So erzählte Elfriede, dass ein Teil des Krankenhauses zum Lazarett wurde. Die Schwestern, egal ob in blauer oder brauner Tracht, mussten schweigend an den Soldaten vorbeigehen. Stets lag die Oberin auf der Lauer, ob es eine der Krankenschwestern wagte, mit den Soldaten zu sprechen. Wohlgemerkt, diese Soldaten waren nicht etwa Kriegsgefangene, sondern Landser der eigenen Armee. Eine Unterhaltung zwischen einer jungen ledigen Frau und einem Soldaten stufte die Oberin als unsittlich ein. Und auf die Moral und Sitte ihrer Schwestern gleich welcher Trachtfarbe achtete sie strengstens.
 
Nach Elfriedes Erinnerungen war der Hitlergruß obligatorisch. Auf Station wurde jedoch selten derart gegrüßt. Sie konnte auch nicht feststellen, dass die Braunen Schwestern direkt im Krankenhaus den Hitlergruß benutzten. Elfriede entfernte sich bei politischen Diskussionen sofort angesichts der vielen verhafteten Leute in Görlitz, auch dann, wenn weit und breit keine Braune Schwester zu sehen war. Ihre Kontakte blieben aus Angst auch gegenüber den Reichsbundschwestern vorsichtig. Insgesamt entdeckte sie also bis auf das Aussehen der Tracht keinerlei Unterschiede beider Schwesterngruppen.
 
Interessant war, dass sie keine Ahnung davon hatte, dass der Reichsbund freier Schwestern und die Braunen Schwestern ab 1942 zum NS-Reichsbund Deutscher Schwestern zusammengeschlossen wurden. Sie meinte, dass das lange geplant gewesen sei, aber durch den Krieg nicht umgesetzt wurde. Nachdem ich ihr Literatur zeigte, wo es nun eindeutig drin stand, schüttelte sie nur den Kopf. Sie hatte davon nichts mitbekommen.
 
Maria R., die in Schlesien gelernt hatte, erzählte aber komischerweise das Gleiche. Bis zum Schluss sei sie im Reichsbund freier Schwestern gewesen, auch in Berlin. Ihre Schwesternbrosche habe sie unverändert die ganzen Jahre behalten. Ein Zusammenschluss war ihrer Meinung nach auch deswegen unwahrscheinlich, weil die Braunen Schwestern den Reichsbundschwestern in der Regel vorgezogen wurden und bessere Aufstiegschancen hatten. Daher war sie auch sehr erstaunt, als sie die Leitung eines Mädchenheims erhielt. Normalerweise wurden derartige Stellen mit NS-Schwestern besetzt.
 
Vielleicht wurde ja der Zusammenschluss wirklich nicht überall konsequent umgesetzt. Denn die geplante Approbation für die berufliche Krankenpflege verschob man ja auch beispielsweise bei Kriegsbeginn auf unbekannte Zeit. Sie beinhaltete, dass jeder, der Krankenpflege berufsmäßig ausüben will, eine amtliche Bescheinigung benötige, die nach dem Nachweis über eine geordnete Ausbildung und eine staatliche Prüfung ausgestellt werden sollte (also ähnlich der Examensurkunde).
 
Die erweiterten Zugangsbedingungen, nämlich die Unbedenklichkeitsbescheinigungen des Kreisleiters und der Ariernachweis, galt schnell für alle Schwesternschülerinnen. Nachdem der Beitritt zum BDM ab 1939 für alle Mädchen Pflicht war, entfiel für die NS-Schwesternschulen auch diese spezielle Zugangsvorraussetzung. Spannend war auch, dass viele ältere Pflegekräfte nichts über die Braunen Schwestern wussten und sie auch nie gesehen haben wollen. Das solche Behauptungen stimmen könnten liegt darin begründet, dass es nicht sehr viele Schwestern der NS-Schwesternschaft gab. Im Jahre 1939 gab es in Deutschland 114.923 Krankenschwestern, davon waren aber nur 10.546 Braune Schwestern.
 
Für viele Pflegeschüler waren die einheitlichen amtlichen Lehrbücher ein Ärgernis. Sie bemängelten, dass die Bücher durch und durch von der Naziideologie durchsetzt und fachlich nicht auf dem neuesten Stand waren. Arthur, der ein Buch bei einer Schwesternschülerin sah und durchblätterte, stellte etwas drastisch fest: „Wischste dir damit den ´Arsch´ ab, wechselt dat Buch nich mal die Farbe. Sehr praktisch!“ Die Schülerin sah ihn mit schreckgeweiteten Augen an und wurde abwechselnd im Gesicht rot und weiß. Dann rannte sie weg. Arthur meinte schon, dass es wohl das gewesen wäre. Aber sie informierte niemanden von dieser Äußerung, hielt sich aber ab da von ihm fern.
 
Mehrere Pflegekräfte, die in Krankenpflegeschulen lernten, die zu katholischen Krankenhäusern gehörten, berichteten übereinstimmend, dass sie zu Beginn der Ausbildung das offizielle Lehrbuch zwar gezeigt bekamen, aber dass es im Unterricht nie zum Einsatz kam. Ordensschwestern, die den Unterricht hielten, diktierten den gesamten Unterrichtsstoff und umgingen so das amtliche Lehrbuch.
 
Die Krankenschwesternausbildung im Nationalsozialismus manifestierte die Stellung des Arztes und Hierarchie im Pflegeberuf. Was nutzte den Krankenschwestern in der Öffentlichkeit das größere Ansehen? Gleichzeitig blieben sie im drückenden Hierarchiegebilde weiterhin das „Fußvolk“. Alle älteren Kollegen und Kolleginnen erzählten übereinstimmend, dass sich für sie während der Nazizeit am Arbeitsalltag wenig änderte. Auch durch die Schaffung einheitlicher Tarife stand die Bezahlung in keinem Verhältnis zur geforderten Leistung. Ständig wurde an ihre Opferbereitschaft appelliert. Nicht mehr für den individuellen Kranken, sondern nun für die Volksgemeinschaft. Damit war im Grunde genommen der Ansatz zur Individualpflege abgeschafft. Sie fühlten sich genauso ausgenutzt wie früher. Der ständige Personalmangel forderte Mehrarbeit, normalerweise unbezahlt. Gesetze und Verordnungen zur Regelung der Krankenpflege und der Ausbildung schienen vielleicht im Ansatz die Arbeitsbedingungen zu verbessern, aber gleichzeitig belasteten wieder Nachteile der verschiedensten Art derart die Krankenpflege, dass diese Ansätze wieder zunichte gemacht wurden.
 
Man kann zusammenfassend behaupten, dass die Pflegekräfte auf keinen Fall wie die deutschen Ärzte Profiteure des Systems waren. Ihre Arbeitsbedingungen waren genauso schwierig, wenn nicht sogar schwieriger als in der Weimarer Republik. Während die Ärzte ihre Vorteile im NS-System erkannten und überproportional in die NSDAP und SS eintraten, gelang eine breite Politisierung im Sinne des NS-Staates bei den Pflegekräften nicht. Die Ausschaltung der konfessionellen Pflegeorganisationen war daher nicht möglich und musste weiterhin von den Nazis zwangsweise geduldet werden.
 
Die geringe Anzahl der Braunen Schwestern weist daraufhin, dass es den Nazis trotz einheitlichem Lehrbuch, was ideologisch nicht angehaucht, sondern mit ihren Ideologien durchtränkt war, trotz Prestigegewinn, trotz Fortschritten in der Vereinheitlichung nicht gelang, die Krankenschwestern allgemein im gewünschten Maße gleichzuschalten. Die Zusammenlegung des Reichsbundes freier Schwestern und Braunen Schwestern zum „NS-Reichsbund Deutscher Schwestern“ scheint eher ein theoretischer Zug aus taktischen Gründen von den Nazis gewesen zu sein. Um darüber hinwegzutäuschen, dass den NS-Schwesternschulen nicht das Haus eingerannt wurde. Peinlicherweise waren die Diakoniegemeinschaften dem NS-Reichsbund zahlenmäßig immer noch überlegen und die Caritas zählte sogar doppelt soviele Pflegekräfte. Immer noch gehörte fast jede zweite Krankenschwester einem konfessionellen Verband an, der gesamten NS-Indoktrinierung zum Trotz. Im Prinzip war das eine schallende Ohrfeige für die braunen Machthaber.
 
Gerade aus dieser Situation heraus hätten die Pflegekräfte eine gute Basis gehabt, den Nazis die Stirn zu bieten. Leider handelte die Diakonie nicht geschlossen. Und es gab eine Organisation von Pflegekräften, die fleißig dafür sorgte, innenpolitisch, aber auch Hitlers Expansionspolitik als bereitwillige Helfer zu unterstützen: das „Deutsche Rote Kreuz“. Jede dritte Pflegekraft in Deutschland gehörte offiziell dem DRK an. Der Anteil der ausgebildeten Krankenschwestern war aber bei weitem nicht so hoch wie bei der Caritas und der Diakonie. Denn in den Zahlen des DRK´s wurden auch die gesamten Hilfskräfte mit aufgeführt. Und deren Zahl war beträchtlich. Und es gab für die Nazis gute Gründe, das DRK erstarken zu lassen.
 
 
 
 
 
 
Die nötige Krankenbehandlung blieb auch bei den Nazis, wie in der Weimarer Republik, eine Frage der Geldbörse. Da die Kinder der wohlhabenden Familien logischerweise ebenfalls vor Krankheiten nicht geschützt waren, heuerten Eltern, die sich Dienstboten leisten konnten, zumeist keine pädagogischen Kräfte für die Kinderbetreuung an, sondern ausgebildete Krankenschwestern. Trudi Birger, die bis zur Machtergreifung mit ihrer Familie in Frankfurt lebte, erzählte in ihrem Buch „Im Angesicht des Feuers“ von ihrer nichtjüdischen Kinderfrau Candy. Sie war eine ausgebildete Krankenschwester und sprach mit den Kindern englisch. Obwohl sie im Privathaushalt arbeitete, trug sie eine Schwesterntracht mit Schwesternhaube, auf dem ein roter Davidsstern war.
 
Als Trudi und ihr Bruder an Scharlach erkrankten, lehnten die Eltern eine Einweisung in ein Krankenhaus ab. Sie hätten es sich ohne weiteres leisten können, die Kinder im Krankenhaus als Privatpatienten behandeln zu lassen und aufgrund des Geldes auch einen Krankenhausplatz bekommen. Grundsätzlich änderte das aber wenig an der Qualität der Krankenhauspflege. So wurde kurzerhand das Kinderzimmer zur Quarantänestation umgerüstet und Schwester Candy pflegte die beiden Kinder im Elternhaus.
 
Bevor Maria R. von Schlesien nach Berlin zog und dort die Leitung eines Mädchenheimes übernahm, verdiente sie zwei Jahre ihren Lebensunterhalt als Krankenschwester auf einem Gut. Während dieser Zeit gehörte sie weiterhin dem Reichsbund freier Schwestern an und trug auch die blaue Tracht. In erster Linie war sie für die vier Kinder ihres Dienstherren zuständig, verpflegte aber im Krankheitsfalle auch die Kinder der Angestellten und Landarbeiter.
 
Es gab im Hause eine kleine Apotheke, aus der sie Familienangehörige und Beschäftigte versorgte und für deren Bestand und Auffüllung sie zuständig war. Bei Unfällen musste sie die Erstversorgung von Verletzungen übernehmen, da der Arzt sehr weit entfernt wohnte. Neben der Familie des Arbeitgebers nahmen der Hauslehrer, der Verwalter, ein Pferdewirt und sie die Mahlzeiten im Speisezimmer ein. Das restliche Personal und Erntehelfer aßen in der Gesindestube. Sie lernte auch die Schattenseiten des Berufes kennen. Die Hausherrin, krankhaft eifersüchtig, witterte in jeder jungen Frau eine Rivalin. So unterstellte sie auch Maria, dass sie mit ihrem Mann anbändeln wollte und machte ihr deswegen immer wieder mächtige Szenen. An diesen Vorwürfen war nichts dran, aber Maria fürchtete um ihren Ruf und fand die Attacken ihrer Arbeitgeberin zunehmend unerträglich. So kündigte sie und ging nach Berlin.
 
Elfriede F. nahm nach 1945 ebenfalls Tätigkeiten in begüterten Privathaushalten in der Kinderbetreuung an. Sie hatte auf die Zeitungsannonce eines Professors reagiert, der Tuberkuloseprivatpatienten behandelte. Der Professor suchte für seine acht Kinder eine Krankenschwester. Seine bisherige Kinderpflegerin war für längere Zeit in Kur. Elfriede traute sich erst nach Zureden einer Kollegin, auf die Stellenanzeige zu antworten, da sie zu diesem Zeitpunkt sehr abgerissen aussah. Sie hatte ihre gesamte Kleidung und Sachen auf dem Weg von Görlitz nach Köln verloren. Als der Professor gegen ihre Erwartung sie dennoch einstellte, kam sie von einem Tag zum anderen aus bitterster Armut in das „Land, wo Honig fließt“. Als seine Kinderkrankenschwester aus der Kur zurückkam, vermittelte der Professor ihr weitere Privatpflegen in dieser Art.
 
Cilly S., die 1932 aufgrund ihrer Eheschließung in einem Berliner Krankenhaus gekündigt wurde, pflegte von 1932 bis 1938 eine alte Dame. Ihre Patientin war durch Rheuma bettlägrig und nur stundenlang dazu in der Lage, im Sessel zu sitzen, wenn man sie vom Bett dorthin trug. Cilly brauchte dort nicht zu wohnen, da der Ehemann in ihrer Abwesenheit seine Frau versorgte. Morgens wusch und kleidete Cilly die Patientin zwischen 8 h und 9 h und trug sie zusammen mit dem alten Herrn in den Sessel. Zwischen 9 h bis 10 h wurde gemeinsam gefrühstückt. Eine Aufwartefrau putzte vormittags die Wohnung, erledigte die Einkäufe und kochte das Mittagessen. Damit hatte also Cilly nichts zu tun. Jeden Freitag kam die Haushaltshilfe früher, um Cilly beim Baden der Frau zu helfen.
 
Da Cilly in der Nähe des Ehepaares wohnte, konnte sie in ein paar Minuten nach Hause laufen und den eigenen Haushalt versorgen. Um 13 h war sie wieder bei der Patientin, brachte sie ins Bett und machte sie frisch. Sie unterhielt sich noch ein wenig mit den alten Leuten und verließ um 15 h das Haus. Gegen 19 h traf sie zum Abendessen ein, zu dem sie die alte Dame wieder an den Tisch holten. Danach machte sie ihre Patientin zur Nacht fertig und verließ gegen 21 h das Haus.
 
Bevor sie diese Pflege antrat, hatte sich der Ehemann der Patientin, ein alter Herr, der früher eine Bankfiliale leitete, bei Cilly nach ihrem Verdienst im Krankenhaus erkundigt. Anstandslos zahlte er ihr die gleiche Summe. Für dieses Geld hatte Cilly im Krankenhaus wenigstens zehn Stunden hart arbeiten müssen. Bei dem alten Ehepaar konnte sie zwar nie einen Tag frei machen, musste aber nur sechs Stunden anwesend sein. „Für Frühstück, Abendbrot und mittags Kaffee und Kuchen brauchte ich nichts zahlen. Die meiste Zeit ging für unsere Plauderstündchen drauf. Für die alten Herrschaften war Geselligkeit ganz wichtig, die haben das richtig genossen und waren dankbar, wenn man sich Zeit nahm. Eigentlich war ich fast so was wie eine Gesellschaftsdame. Und die waren beide nicht dumm. Nachdem man sich vorsichtig angenähert hatte, machten sie aus ihrer Abneigung gegen Hitler keinen Hehl. Da konnte man offen reden, brauchte keine Angst haben. Nix Heil-Hitler und so.
 
Die Lubi (Anmerkung: Die Haushaltshilfe), die hatte so einen langen komischen Namen, darum riefen alle nur Lubi – die Lubi war eigentlich ´ne Polin. War aber eingedeutscht. Musste mal so einen Deutschtest machen. Da hat der Willy (Anmerkung: Der Ehemann der alten Dame) ihr geholfen. Die war vorher in einer Fabrik mit Akkordarbeit und so. War ganz fertig, die Frau, bevor sie zu Z.´s kam. Die hatte vier Kinder. Bei den Z.´s hat sie mehr verdient als in der Fabrik. Und immer haben sie für die Kinder mitgegeben. Mich haben die alten Leute auch immer beschenkt. Zum Geburtstag, zu Weihnachten, zu allen Festtagen bekam ich sehr teure Geschenke. Hätte ich mir nie leisten können. Schmuck, Radio. Du durftest gar nicht aus Versehen sagen, das oder das würde ich mir gerne mal anschaffen.
 
Wenn mein Mann mal was in der Wohnung reparierte, also, der wollte dafür nichts haben, also kein Geld. War doch normal, mal zu helfen. Die waren dann so dankbar. Das war richtig peinlich. Man konnte das nicht ausreden. Dann haben sie ihm Zigarren mitgeschickt, mal einen Cognak. Aber richtig teuer. Das war uns peinlich, das wollten wir nicht. Aber Willy lachte nur immer und sagte, dass er auf einen Handwerker länger gewartet hätte, der dann viel Dreck macht und noch mehr kassiert. Aber es war uns doch peinlich. Aber sie haben immer gesagt, wir haben keine Kinder. Ihr seid unsere Kinder. (Anmerkung: Cilly und Lubi )
 
Der Willi ging mir immer zur Hand. Für die Pflege hatte ich immer das Beste und Teuerste. Also – wenn die Helene (Anmerkung: Die Patientin ) nicht gestorben wäre, wäre ich niemals ins Krankenhaus zurückgegangen. Da musste man für das Geld richtig ranklotzen. Und die Beiden waren so dankbar, dass Helene nicht weg musste, in ein Siechenheim oder so. Und dann wäre der Willy alleine gewesen. Das hätte nicht geklappt. Als dann Helene ganz plötzlich tot war, ist er gleich ein paar Wochen später hinterhergegangen.
 
Das war gut so. Haben immer Angst vor einem neuen Krieg gehabt. Haben immer gesagt, der braune Lump steckt Deutschland in Brand. Hatten schlimme Erfahrungen vom ersten Krieg. Helenes Brüder kamen im Gas um. (Anmerkung: sie starben in Frankreich an der Front durch einen Giftgasangriff ) Wollten nur Frieden. Haben einem Ernst (Anmerkung: sie hatte nur ungenaue Kenntnisse der Ereignisse. Nach meinen Recherchen könnte nur Ernst Friedrich gemeint sein, ein überzeugter Pazifist, der in Berlin das Internationale Anti-Kriegsmuseum gründete und verschiedene Bücher gegen den Krieg veröffentlichte.) vor Hitler viel Geld für sein Museum gegen den Krieg gespendet. Das haben die (Anmerkung: vermutlich meinte sie die SA) 33 (Anmerkung: 1933 ) gleich platt gemacht. Da haben Helene und Willy gesagt, wer sowas macht, der steckt auch Deutschland in Brand. Und der nächste Krieg wird noch viel schlimmer.
 
Für die beiden Alten war es besser so, dass sie den Krieg nicht mehr erleben mussten. Dass ihnen das erspart blieb. Aber die wussten immer, dass er kommt. Das ging ganz schnell. Innerhalb fünf Wochen beide tot. Für sie war es besser. Für Lubi und mich natürlich nicht. Waren ja sowas wie ´ne Familie. Da macht´s das Geld dann auch nicht.“ (Anmerkung: Lubi und Cilly erfuhren nach dem Tod des alten Herrn, dass sie beide von den alten Leuten  als Erben eingesetzt waren. Mit ihrem Erbteil und Ersparnissen konnten Cilly und ihr Mann in Tempelhof ein Einfamilienhaus erwerben.)
 
Natürlich hatten nicht alle Krankenschwestern wie Cilly mit ihren Privatpflegen derartiges Glück. Solche Anstellungen litten oft durch die Abhängigkeit von den privaten Brötchengebern wie bei Maria oder weil man den Pflegenden zusätzlich berufsfremde Arbeiten wie Putzen, Kochen usw aufhalste. Doch in Krankenhäusern, Altenheimen usw bestanden auch Abhängigkeiten. In dem Hierarchiegefüge des Krankenhauses erfuhren Krankenschwestern nicht immer eine entsprechende Anerkennung, hingegen sie in der Regel in den wohlhabenden Familien ein hohes Ansehen genossen. Das äußerte sich auch daran, dass sie meistens die Mahlzeiten mit der Familie einnahmen und nicht beim anderen Gesinde gesondert aßen. Qualifizierte Pflegekräfte, die noch dazu ein gutes Verhältnis zu den Kindern oder anderen Betreuten fanden, hatten oft erheblich bessere und leichtere Arbeitsbedingungen und erhielten häufig mehr Lohn als die Kolleginnen in der stationären Pflege.
 
Begüterte Leute wirkten den allgemeinen Missständen in der Pflege dadurch vor, dass sie kurzerhand eine Krankenschwester für sich und ihre Familie einstellten. Nur dem Großteil der Bevölkerung fehlten dazu die finanziellen Mittel. Wer über das nötige Geld verfügte, brauchte sich auch keine Gedanken darüber zu machen, ob der Arzt im Notfall zum Hausbesuch käme.
 
 
 
Die zunehmende Macht der nichtjüdischen Ärzte und Pflegekräfte wirkte sich eindeutig in ihrem Verhalten aus. Sie waren nicht mehr für die Patienten da, sondern oftmals umgekehrt. Es machte sich bei vielen die Haltung breit, es nicht mehr nötig zu haben, im Notfalle zu den Kranken zu eilen. Wenn die was wollten, sollten sie gefälligst selber antraben, egal wie. Die Kritik der Alten, die die Zeit aus Patientenaugen sahen, scheint berechtigt. Etliche berichteten von Ärzten, die sie sogar anschrieen, bei wesentlichen Erkrankungen ihnen Drückebergertum vorwarfen und sie für gesund erklärten, klagten über erniedrigende und ruppige Behandlungen. Von den Pflegekräften erhielten sie selten Schutz oder eine Form der Solidarität. Die emsige NSV-Schwester, die gerade lächelnd mit ihrem Fahrrad zum nächsten Patienten radelt, allzeit im Einsatz, allzeit bereit, existierte wohl überwiegend auf den Propagandaplakaten. Unter den alten Menschen, mit denen ich mich unterhielt, war nicht ein Einziger, der sich in irgendeiner Form über die NSV positiv äußerte.
 
Die statistische Erhebung der Stadt Berlin setzt diese Eindrücke in Zahlen um. Im Kampf gegen die Tuberkulose gab es in dieser Stadt anscheinend Erfolge: 1930 befanden sich 11.505 Menschen in Behandlung, 1940 waren es nur noch 10.091. Allerdings sank die Zahl erst ab 1938, 1935 waren sogar 12.073 Tuberkulosekranke gemeldet. Von daher müssen diese Angaben sehr vorsichtig genossen werden. Da war die NS-Ideologie bereits soweit gereift, dass die hoffnungslosen Fälle eher keine optimale medizinische und pflegerische Versorgung erhielten. Schickte man in der Weimarer Republik 1930 noch 1500 Erwachsene und 3495 Kinder zur Kur wegen Tuberkulose, so waren es 1940 noch 184 Erwachsene und 1220 Kinder. Die Verpflegungstage bei diesen Kuren sanken 1930 von 279.875 auf 86.338 im Jahre 1940.
 
Beim Typhus schien ein Durchbruch erreicht worden zu sein, denn die Erkrankungen sanken kontinuierlich von 660  Fällen 1930 auf 387 Kranke 1940. Damit endeten die guten Nachrichten. Die 5195 Scharlacherkrankungen 1930 blieben bis zur Machtübernahme fast konstant. Ab 1933 kletterten die Zahlen hoch und 1940 gab es 12.193 Scharlachkranke. An Diphterie erkrankten 1930 noch 5529 Kinder, 1940 waren es 6648. Im Stadtgebiet zählte man 1930 insgesamt 442 Ruhrkranke, 1940 aber 2252. Unter den sonstigen anzeigenpflichtigen Krankheitsfällen wurden 1930 3213 Fälle gemeldet, aber 1940 stieg diese Zahl auf 15.242. (So ganz nebenbei: Zu den sonstigen Erkrankungen gehörte auch die Syphilis. Im Hauptgesundheitsamt im Krankenhaus Westend und im Krankenhaus Schöneberg fanden 1925 26.025 bakteriologische Untersuchungen auf Syphilis statt, 1937 waren es 229.482 Untersuchungen.)
 
Es existierten in Berlin 1930 für die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge 78 Fürsorgestellen mit 223 Fürsorgeschwestern. So kamen knapp drei Schwestern auf eine Fürsorgestelle. 1938 erhöhten sich die Fürsorgestellen auf 99, dafür arbeiteten drei Fürsorgeschwestern weniger, womit diese Stellen überwiegend nur noch mit zwei Schwestern besetzt waren Diese Fürsorgestellen leitete die NSV in der Nazizeit und war damit auch für die Impfberatung zuständig. Also kann die NSV in der Stadt Berlin wirklich nicht besonders effektiv gearbeitet haben.
 
Leider hatte ich selber nie das Glück, mich mit einer Pflegekraft aus der NSV zu unterhalten. Ich traf eine Vertreterin in Berlin-Treptow, also in Ostberlin, der damaligen Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Unser Treffen fand in der Säuglingsfürsorge statt, aber da war ich erst ein paar Wochen alt. Aber man erzählte mir, dass die nach dem Krieg genauso weiterarbeitete wie in der Nazizeit, nur ihr „Out-fit“ und das Parteibuch hatte sich an die neuen Machthaber angepasst.
 
Sie soll mit den Säuglingen und Kleinkindern und den dazugehörenden Müttern genauso derb umgesprungen sein wie zu Adolfs Zeiten und sich auch ihren Kommandoton nicht abgewöhnt haben. Mütter mit schreienden Kindern wurden vorgezogen, weil plärrende Kinder sie nervten. Ständig zwickte und kniff mich meine Mutter, damit ich doch endlich auch mal heule. Und ich musste mir dann jahrzehntelang anhören, was ich für ein „blödes“ Kind war, weil ich das Geschehen immer sehr aufmerksam betrachtete, aber keinen Mucks von mir gab. Die „Beratung“ zur Pflege der Kinder der früheren Nazisse, die durch wundersame Verwandlung übergangslos zur Roten Socke mutierte, bestand in erster Linie aus Bevormundungen und der Verursachung von Schuldgefühlen bei den Müttern. Und sie arbeitete in gewohnter Manier eng mit den Behörden zusammen. Die Mütter waren also nie vor der Denunziation sicher, dass sie angeblich ihre Kinder nicht richtig versorgten.
 
Mit einer anderen ehemaligen NSV-Schwester aus der Prignitz, die später in der DDR bis zur Berentung in der Volkssolidarität arbeitete, konnte ich leider auch nicht mehr sprechen. Ich hörte erst im Frühjahr 1991 von ihr. Sie kehrte nach dem Mauerfall von ihrem ersten Westausflug im November 1989 in die Prignitz nicht mehr zurück. Einige Monate später holte ein Lastwagen mit österreichischem Kennzeichen ihre Sachen und einige Möbel ab. Niemand wusste, wohin sie gezogen war. Das war vielleicht auch besser so.
 
Zuerst hatte sie ihre Mitmenschen als NSV-Schwester bespitzelt, dann als Altenheimleiterin der Volkssolidarität. Als Rentnerin frönte sie dann gänzlich ungeniert ihrem Hobby, durch die Straßen zu spazieren, in scheinbar unbeobachteten Momenten um die Häuser zu schleichen, um vielleicht durch einen Gardinenspalt einen Blick auf den Fernseher zu erhaschen oder Töne aus Fernseher oder Radio zu erlauschen.
 
Aber nicht nur, dass sie ihre Mitbürger meldete, wenn sie sie dabei erwischte, Westprogramme zu empfangen. Ein politischer Witz, den ein Mann etwas angeheitert abends in der Dorfkneipe zum Besten gab, brachten ihm acht Jahre Haft in Bautzen ein. Keine Frage, wer an diesem Abend in der Kneipe genüsslich einen Tee schlürfte. Ein anderer Mann zischte deshalb der Krankenschwester einige Tage später empört im Konsum „Stasischlampe“ zu und gesellte sich für zwei Jahre zu seinem Freund.
 
Ihre beste Freundin in einem anderen Dorf hatte für die NSV als Kinderpflegerin im Kindergarten gearbeitet und nach dem Krieg eine Krippe und Kindergarten geleitet. Auch sie denunzierte und schnüffelte fleißig unter braunen und roten Machthabern und verschwand spurlos nach der Grenzöffnung gegen Westen. Nicht nur ich hätte mich gerne mit den beiden Frauen unterhalten, wobei vermutlich der Gesprächsbedarf meiner Mitmenschen, die die DDR-Zeit mit ihnen verlebten, nicht unbedingt einem historischen Forschungsdrang entsprang.
 
Anscheinend ist es der DDR, die sich immer ihrer antifaschistischen Haltung rühmte, nicht ganz gelungen, die Pflege nach 1945 vom braunen Gedankengut wirklich zu reinigen. Und offenbar nutzte die Stasi (SSD oder Staatssicherheits-Dienst) Eigenschaften und Fertigkeiten, die unter den Nazis geformt wurden, problemlos für ihre Zwecke. Diese drei NSV-Schwestern sind natürlich nicht repräsentativ. Ich bin überzeugt, dass es auch in der NSV und der folgenden Volkssolidarität gute und überzeugende Pflegekräfte gegeben hat. Dennoch stimmt es nachdenklich, wenn sich solche Figuren nach Kriegsende nicht nur halten konnten, sondern auch noch leitende Funktionen besetzten.
 
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